Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

11. September 2013

Chile unter Pinochet: Chiles plötzliche Reue

 Von 
Vielen Chilenen dürfte das Transparent mit dem Bild des 1973 gestürzten chilenischen Präsidenten Salvador Allende im fernen Greifswald gefallen. "Venceremos" ("Wir werden siegen") ist der Titel eines chilenischen Kampfliedes.  Foto: dpa

11. September: Der Jahrestag des Beginns der Diktatur der chilenischen Militärs ist kein Tag der Einkehr. Chile kämpft um seine Vergangenheit wie Zukunft. 40 Jahre nach dem Pinochet-Putsch erinnert sich jeder an das blutige Regime – und ändert nichts.

Drucken per Mail

11. September: Der Jahrestag des Beginns der Diktatur der chilenischen Militärs ist kein Tag der Einkehr. Chile kämpft um seine Vergangenheit wie Zukunft. 40 Jahre nach dem Pinochet-Putsch erinnert sich jeder an das blutige Regime – und ändert nichts.

Für Cecilia Quidel sind die kalten Septembertage manchmal nur schwer zu ertragen. Auf ihr lastet in diesen grauen Tagen die Erinnerung an das, was in Chile vor 40 Jahren geschah und das Land bis heute prägt: „Wir haben zwar keine Horror-Diktatur mehr“, sagt sie. Aber es seien so viele Dinge ungeklärt, unbearbeitet, ungelöst: „Wir haben als Gesellschaft noch viel zu tun.“

Cecilia Quidel ist Lehrerin, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Quilicura, einem Vorort von Santiago de Chile. Derzeit denkt sie fast täglich an ihren Vater, der Gewerkschafter war während der Regierung der Unidad Popular und nach dem Putsch vom 11. September 1973 um sein Leben fürchten musste. „Am Tag des Staatsstreichs verbrannten meine Eltern hastig Papiere und warfen sie in die Latrine hinterm Haus, ich verstand damals nicht, was los war. Ich hatte nur Angst“, erzählt Cecilia, die damals neun Jahre alt war. Angst, die auch geschürt wurde durch das, was man überall hörte. Menschen, die abgeholt wurden, verschwanden und nie wiederkamen. „So wie der Vater einer Cousine von mir.“

In Santiago de Chile erinnern zehntausende Menschen  an den Militärputsch am 11. September vor 40 Jahren - sie ziehen mit Fotos von Opfern durch die Straßen der Hauptstadt zum Zentralfriedhof, auf dem die sterblichen Überreste des früheren Präsidenten Salvador
Allende ruhen.
In Santiago de Chile erinnern zehntausende Menschen an den Militärputsch am 11. September vor 40 Jahren - sie ziehen mit Fotos von Opfern durch die Straßen der Hauptstadt zum Zentralfriedhof, auf dem die sterblichen Überreste des früheren Präsidenten Salvador Allende ruhen.
 Foto: Sebastian Silva/afp

Mehr als 3200 Menschen sterben unter Pinochet

Chile tat und tut sich schwer mit der eigenen Vergangenheit. Der Putsch gegen die erste frei gewählte marxistische Regierung erregte damals in der ganzen Welt Kritik. Nur nicht in den USA, die hatten den Staatsstreich massiv unterstützt. 17 Jahre lang herrschte Augusto Pinochets blutiges Regime. 3214 Menschen starben in den Folterkellern oder wurden ermordet. Tausende weitere mussten ins Exil oder verließen das Land freiwillig.

Fast vier Jahrzehnte waren die Opfer der Diktatur und ihre Angehörigen mit der Erinnerung und der Trauer weitgehend allein. Nur Opferverbände und die Linke des Landes gedachten des Sturzes der Regierung von Salvador Allende. Trotz Rückkehr zur Demokratie 1990 und 20 Jahren Mitte-links-Regierung ist die Aufarbeitung bis heute nur Stückwerk. Und Chile lebt noch immer unter demselben Wirtschaftsmodell und mit der Verfassung, die von den Putschisten geschaffen wurden.

Aber dieser 40. Jahrestag ist anders. Chile durchlebt eine Art Katharsis: Sachbücher, Romane, Dokumentationen, Filme, TV-Serien und Ausstellungen erinnern immer und überall an das, was damals geschah. Auch Wissenschaftler beschäftigen sich in Seminaren mit der Frage, wie in einem Land mit langer demokratischer Tradition ein mörderisches Regime möglich war.

"Ich bitte um Vergebung"

Vor allem aber wird dieses Jahr der Putsch nicht von der rechten Elite als Tag der Befreiung vom Kommunismus gefeiert. Der 11. September 2013 ist ein Tag, von dem selbst der konservative Präsident Sebastián Piñera sagt, man solle ihn zum Nachdenken nutzen. Ein Tag, an dem Chiles Richterbund seine Mitschuld anerkennt und sich für „Tun und Unterlassen“ zwischen 1973 und 1990 entschuldigt. In schätzungsweise 5000 Fällen haben Richter Anträge, Klagen und Hilfegesuche abgelehnt, wenn es darum ging, Schutz vor Verfolgung zu gewähren oder Informationen über Aufenthaltsorte der Verschwundenen oder Ermordeten zu erzwingen.

Das vielleicht erstaunlichste Mea-culpa aber kam von der ultra-rechten Pinochet-Partei UDI: Der Senator und frühere Vorsitzende Hernán Larraín entschuldigte sich öffentlich dafür, dass seine Partei damals die Hilferufe der Opfer der Diktatur und die Klagen ihrer Angehörigen nicht hören wollte: „Ich bitte um Vergebung. Das ist mein Beitrag zur Versöhnung.“

Cecilia Quidel befremdet all das. Warum jetzt? Warum so spät? Irgendwie sei es gerade schick, sich zu entschuldigen für damals, denkt sie: „Aber ich frage mich noch immer, wie es passieren konnte, dass sich Menschen gegenseitig so etwa antun. Zudem noch Landsleute.“

Auch der chilenische Schriftsteller Roberto Brodsky sieht mit Erstaunen auf sein Land und sagt etwas zynisch, es müsse die Midlife-Crisis der Gesellschaft sein, die all das Gedenken und Bedenken auslöse. Der 55-Jährige lebt schon seit dem Putsch im Ausland. Erst Exil, dann freiwilliges Fernbleiben der Heimat. Brodsky findet sich in dem Chile von heute nicht zurecht, verarbeitet sein Befremden in Büchern. Chile sei eine apolitische, konsumorientierte Gesellschaft. „Das ist vielleicht das größte Vermächtnis der Pinochet-Diktatur“, sagt Brodsky im Gespräch mit der FR.
All die Jahre habe sich niemand gegen das Wirtschafts- und Sozialmodell der Diktatur gewehrt. Erst die Studenten seien es gewesen, die 2011 gegen die teuren Studiengebühren und das Gewinnstreben im Bildungssektor den Aufstand wagten und auf die Straße gingen.

Am Sonntag ist auch Cecilia Quidel auf die Straße gegangen. Mit ihren beiden Kindern und 20 000 Landsleuten hat sie der Opfer des Putsches gedacht. Schweigend marschierten die Menschen zum Zentralfriedhof. Hunderte hielten dabei Bilder der Opfer der Diktatur in die Höhe. „Wir sind noch immer hungrig nach der Wahrheit“, sagt Quidel. Wer waren die Verantwortlichen für all die Verbrechen? „Es ist unerlässlich für uns und unser Land, dass wir all die rehabilitieren, die Terroristen genannt wurden, weil sie für eine gerechtere Gesellschaft und später gegen eine Diktatur gekämpft haben.“

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

München und Ansbach

Das Märchen von der Sicherheit

Von  |
Der Amoklauf in München erfordert eine andere Diskussion als ein Terroranschlag des "IS".

Der Wunsch, alle Risiken zu vermeiden, ist menschlich. Aber wenn Politiker selbst nach München, Würzburg oder Ansbach so tun, als wäre das möglich, machen sie uns etwas vor. Der Leitartikel.  Mehr...

Donald Trump

Grand Old Party vor dem Ende

Von  |

Als wären sie von Sinnen, sind die Republikaner Trumps Parolen aufgesessen. Die Partei von Abraham Lincoln ist zum Wahlverein eines Populisten ersten Ranges verkommen. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung