kalaydo.de Anzeigen

Claudia Roth: "Wir sind lebendiger als die anderen"

Die Chefin der Grünen hält Sticknadeln und Norwegerpullover - das Symbol der ersten Grünen im Bundestag - inzwischen für Reliquien. Im FR-Interview spricht sie über die Entwicklung ihrer Partei.

Claudia Roth ist seit 2001 - mit Unterbrechung - Co-Bundesvorsitzende der Grünen.
Claudia Roth ist seit 2001 - mit Unterbrechung - Co-Bundesvorsitzende der Grünen.
Foto: dpa

Die Grünen werden 30. Richten Sie bald ein Museum ein?

Gute Idee (lacht). Ein paar Reliquien aus der Anfangszeit - wie Stricknadeln oder Norwegerpullover - gibt es bestimmt noch. Joschkas Turnschuhe kriegen wir aber nicht mehr. Die sind ja schon im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt.

Zur Person

Claudia Roth ist seit 2001 - mit Unterbrechung - Co-Bundesvorsitzende der Grünen. Die heute 54-Jährige kam 1987 von den Jungdemokraten zur Ökopartei. Sie war bis 1998 Abgeordnete im Europaparlament und wechselte dann in den Bundestag. (jw)

Joschka Fischers Weg vom Sponti bis zum Berater von RWE und BMW ist ja vielsagend - von links unten nach rechts oben...

Ach was! Joschka berät BMW beim Bau nachhaltiger Autos und RWE in der Frage der Gasversorgung Deutschlands. Hocheffiziente Gaskraftwerke, die flexibel an- und abgeschaltet werden können, sind für einen Übergangszeitraum eine wichtige Ergänzung zu den erneuerbaren Energien. Vorbei ist die Zeit, in der Ökologie als Gegensatz zu Ökonomie gesehen wurde. Die Gesellschaft hat sich doch, auch durch uns, viel mehr verändert als wir.

Sie sind keine Anti-Partei mehr, sondern eine normale Partei.

Wir haben uns auch geändert, logisch. Aber ich behaupte: Wir sind nach wie vor die Alternative zu diesem Altparteien-System.

Trotzdem verwischen die Unterschiede.

Die Grünen sind lebendiger als die anderen Parteien. Das ist das Erbe der Gründung. Die Grünen haben sich aus vielen Gruppen, Bewegungen und politischen Richtungen gebildet. Es waren die Frauen-, die Umwelt-, die Anti-Rassismus-, die Bürgerrechts-, Friedens- und die Eine-Welt-Bewegung. Stadt und Land kamen zusammen. Es waren Spontis, Ex-K-Gruppler, Jungdemokraten. Ob daraus eine Partei werden sollte, war hoch umstritten. Dann hat sich die Idee durchgesetzt, weil die Altparteien beim Thema Umwelt und bei den Anliegen der Minderheiten einen Blackout hatten.

Viele Mitstreiter sind weg. Und bei der Jugend gräbt die Piratenpartei Ihnen das Wasser ab.

Beim Thema Netzpolitik waren wir schon frühzeitig gut aufgestellt. Netzpolitik ist einer unserer Schwerpunkte. Eine ernsthafte Konkurrenz für uns ist diese Ein-Punkt-Partei nicht.

Früher waren die Grünen klar links und stark sozial orientiert. Inzwischen geht der Trend Richtung Öko-FDP.

Falsch. Die Grünen sind weiter eine linke Partei. Und wir sind werte-orientiert, aber nicht links-ideologisch. Unsere Werte heißen unverändert: Ökologie, Selbstbestimmung, Demokratie, Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit.

Die Grünen haben in der Schröder-Regierung eine Politik mit stark neoliberalem Anstrich mitgetragen - Agenda 2010, Liberalisierung der Finanzmärkte...

Die Grundidee der Agenda 2010 war richtig. Bei einzelnen Punkten, etwa beim Schonvermögen bei Hartz IV, hätten wir mehr Widerstand leisten müssen. Und wir Grünen haben auch die Liberalisierung des Finanzsektors nicht erfunden, das hätten Union und FDP noch ganz anders angepackt. In einer Koalition muss man auch manchmal schmerzhafte Kompromisse machen. Es war in der Tat ein weiter Weg von der Anti-Parteien-Partei bis dahin.

Sie selbst haben in den 80er Jahren gegen Rot-Grün gekämpft.

Richtig. Es waren beinharte Kämpfe mit den Realos um Joschka Fischer, die das in Hessen erstmals machen wollten. Aber das ist Vergangenheit. Die Grünen sind selbstbewusst. Der Standort der Partei ist klar. Die Wähler können sich darauf verlassen, dass es unverrückbare grüne Inhalte gibt, die wir in keiner Koalition aufgeben werden. Zum Beispiel Klimapolitik, Atomausstieg...

Eine schwarz-grüne Bundesregierung ist also ausgeschlossen?

Wenn die Grünen dafür den Atomausstieg opfern müssten: Ja. Bei anderen Themen wie der Gesellschaftspolitik hat sich die Union auf uns zu bewegt. Das nehmen wir schon zur Kenntnis.

Deswegen auch im Saarland Jamaika statt Rot-Rot-Grün?!

Die SPD ist mir grundsätzlich näher als eine Union, die, speziell in ihrer bayerischen Variante, nur noch den Populismus pflegt. Aber die Konstellationen müssen verlässlich sein. Im Saarland war Rot-Rot-Grün das nicht. Deswegen kam Jamaika. Aber Jamaika ist kein Modell für den Bund.

Für Umweltpolitik braucht man keine Grünen mehr. Wir haben eine CDU-Klimakanzlerin, und die SPD will Atomkraftwerke genauso schnell vom Netz nehmen .

Merkel und die Union betreiben Greenwashing. Wenn sie wirklich durchsetzen würden, was sie sagen, wäre ich die letzte, die das kritisiert. Auf CDU-Slogans wie "Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben" haben wir das Copyright. Es ist eine gewisse Genugtuung, dass Parteien, die uns früher als Wurzelseppen, Hinterwäldler und Fortschrittsfeinde titulierten, unsere Themen übernehmen. Aber dafür, dass die Ideen auch Realität werden, braucht es uns Grüne als Antreiber. Dafür ist das Desaster beim Klimagipfel von Kopenhagen ein trauriges Beispiel. Auch hierzulande scheitert sonst alles an den Brüderles und Niebels dieser Welt.

Interview: Joachim Wille

Datum:  9 | 1 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!