In Chile sieht die Rechte erstmals seit dem Ende der Diktatur einem Wahlsieg entgegen. Ihr Kandidat Sebastián Piñera dürfte am Sonntag Expräsident Eduardo Frei überflügeln, der für die seit 20 Jahren regierende Mitte-links-Koalition antritt. Während früher das rechte Lager zwei Kandidaten ins Rennen schickte und gegen den geeinten Regierungsblock unterlag, ist es nun, bei der ersten Wahl seit dem Tod von Ex-Diktator Augusto Pinochet, umgekehrt. Piñera profitiert von der Zersplitterung der anderen Seite, seit im Sommer der sozialistische Abgeordnete Marco Enríquez-Ominami aus dem Regierungslager ausscherte und seine Kandidatur als Unabhängiger ankündigte.
Damit ist der Christdemokrat Eduardo Frei, der für das Mitte-links-Bündnis Concertación antritt, entscheidend geschwächt. Die jüngsten Umfragen geben Piñera 36, Frei 26 und Enríquez-Ominami 19 Prozent der Stimmen. Der Alt-Linke Jorge Arrate, der für die Kommunisten antritt, würde auf fünf Prozent kommen. Auch wenn in fünf Wochen noch viel geschehen kann - die Demoskopen tippen sogar schon darauf, dass Piñera bei der sicher nötigen Stichwahl am 17. Januar gewinnt. Denn die Wähler von Frei, Enríquez-Ominami und Arrate werden sich wohl nicht einfach auf einen Piñera-Gegner, also vermutlich Frei, einlassen, sondern zum Teil Piñera wählen.
Dem Milliardär Piñera gehören unter anderem die Fluglinie LAN, ein Fußballverein und ein Fernsehsender - somit taugt er als Feindbild der Linken. Aber ein Verfechter der rechten Diktatur ist er nicht; 1989 stand er, als Pinochet mit einem Plebiszit seine Macht sichern wollte, auf der Seite der Gegner des Diktators. Dennoch umgibt er sich heute mit trüben Gestalten aus jener Zeit.
Das Erstaunlichste ist aber, dass so viele Chilenen der Concertación überdrüssig sind. Denn die Koalition aus Sozialisten, Radikalen, Christ- und Sozialdemokraten regiert seit zwei Jahrzehnten höchst erfolgreich. Sie hat die Demokratie gegen Pinochet gesichert, und Chiles kontinuierliches, hohes Wachstum kann sie sich ebenso zugutehalten wie die recht erfolgreiche Armutsbekämpfung und den schnellen Aufschwung nach der Krise. Ähnlich wie ihr Vorgänger Ricardo Lagos tritt Präsidentin Michelle Bachelet mit traumhaften Popularitätswerten von 80 Prozent ab - trotzdem kann sie ihrem Nachfolge-Kandidaten Frei wohl kaum etwas davon übertragen.
Trotz aller Erfolge - offenbar ist die Concertación als Modell der institutionalisierten Behutsamkeit an ihr Ende gekommen, Vielleicht ist das Bündnis so lange nach der Diktatur auch nicht mehr nötig. Der 67-jährige Frei, der von 1994 bis 2000 schon einmal Präsident war, löst gerade bei jungen Wählern Langeweile aus.
Anders dagegen der 36-jährige Marco Enríquez-Ominami, der als Filmemacher und Philosoph ganz anders daherkommt als die verbraucht wirkenden Berufspolitiker. Sein Vater war Miguel Enríquez, Chef der linksradikalen MIR-Gruppe, der kurz nach Geburt des Sohnes 1974 im Kampf gegen die Diktatur ums Leben kam. Marco wuchs in Paris auf und trägt den Namen seines Stiefvaters Carlos Ominami, eines sozialistischen Ex-Ministers, der nun seine Kandidatur stützt.
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