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Dänemark: Angst vor Landser-Latein

Dänemarks Militär will das Buch eines Ex-Elitesoldaten verbieten lassen. Doch der Text steht schon in der Presse. Eine neue Debatte über Zensur und Meinungsfreiheit ist entfacht. Von Hannes Gamillscheg

Cover des Buches Jägersoldat im Krieg vom Thomas Rathsack.
Cover des Buches "Jägersoldat im Krieg" vom Thomas Rathsack.
Foto: cover

Kopenhagen. "Ich setze den einen Fuß einen halben Schritt vor und taste nach, wo die Erde weich ist. Ein kleiner Zweig knickt. Ich erstarre. Der Wächter reißt den Kopf herum und starrt direkt in meine Richtung. Jetzt nimmt er die AK-47 hoch und bewegt sich langsam auf die Baumgruppe zu, hinter der ich stehe."

Sind es Sätze wie diese, die dem dänischen Militär so gefährlich erscheinen, dass man dadurch die "Sicherheit des Reichs" bedroht sieht? Gegen das Erlebnisbuch "Jägersoldat im Krieg" des Ex-Elitesoldaten Thomas Rathsack fährt das Kopenhagener Verteidigungskommando schweres Geschütz auf. Durch einen Richterspruch will man dem Verlag People´s Press die Auslieferung des Buchs verbieten. Zu spät: Am Tag vor der Verhandlung machte die Zeitung Politiken am Mittwoch den gesamten Inhalt in einer Sonderbeilage publik.

"Es ist nicht das Militär, das entscheiden soll, welche Bücher in Dänemark erscheinen", verteidigt Chefredakteur Tøger Seidenfaden den Abdruck, mit dem er eine neue Debatte über Zensur und Meinungsfreiheit entfacht nach dem Karikaturenstreit. Nur stehen diesmal die Kontrahenten für gegenteilige Ansichten. Damals hatte Seidenfaden zu den "Tauben" gezählt, die meinten, die Provokation von Muslimen reiche nicht als Grund, die Grenzen der Meinungsfreiheit auszuloten. "Jyllands-Posten"-Chefredakteur Jörn Mikkelsen hingegen, der im Streit um die in seiner Zeitung erschienenen Mohammed-Karikaturen einer der Hardliner war, meint diesmal, die Rücksicht auf das Militär habe Vorrang vor der Informationspflicht.

Armee sieht Sicherheitsgefahr

Das Buch sei ein "Nachschlagewerk über die Arbeitsmethoden des Jägerkorps", begründete das Verteidigungskommando die harsche Reaktion, und Karikaturisten weiden sich schon an der Vorstellung, wie Taliban in ihren Gebirgshöhlen im dänischen Wälzer schmökern. Niemand versteht, was an dem Landser-Latein so gefährlich sein soll. Die Enthüllung, dass die dänische Elitetruppe als Taliban verkleidet einen US-Agenten in sein Operationsgebiet geleitete? Dass man Sicherheitskontrollen umgeht, indem man einem Wächter 50 Dollar zusteckt?

Die Verleger hatten das Verteidigungskommando gebeten, die strittigen Passagen zu benennen, und sich bereit erklärt, diese zu ändern oder zu streichen. Doch das Militär weigerte sich. Stattdessen appellierte Armeechef Tim Sloth Jørgensen "eindringlich" an die Chefredakteure des Landes, den Inhalt nicht weiter zu verbreiten und dafür zu sorgen, dass verteilte Rezensionsexemplare nicht in falsche Hände kämen. Zu spät: als der Brief des Admirals eintraf, zitierten die Blätter bereits tagelang aus den Erinnerungen des 44-jährigen Feldjägers.

Das Vorgehen des Militärs sehen die einen als Zensurversuch und die anderen als notwendige Schutzmaßnahme der in Afghanistan kämpfenden Soldaten. "Man muss Meinungs- und Informationsfreiheit gegen die Rücksicht auf fremde Mächte und die Sicherheit künftiger Militäroperation abwägen", sagt Kenneth Buhl vom Institut für Militärstudien. Er versteht, warum das Armeekommando sich weigert, die Vorwürfe zu präzisieren: "Wenn man erzählt, was problematisch ist, macht man auch einen möglichen Feind darauf aufmerksam."

Poul Dahl, ehemaliger Chef des Jägerkorps, hält die Geheimniskrämerei für übertrieben. Er meint, die Aktion ziele nicht so sehr auf Rathsack ab, sondern sei als Warnung für künftige Möchtegern-Skribenten gedacht. Was das Militär vermeiden will, sei ein Wettlauf von Ex-Soldaten, mit immer härteren Enthüllungen den Markt der Landserliteratur zu erobern.

Autor:  Hannes Gamillscheg
Datum:  17 | 9 | 2009
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