Inszeniert?
Wir haben Berichte von Augenzeugen, die am 12. und 13. März chinesische Lastwagen gesehen haben, auf denen offenbar Tibeter saßen, die aber niemand kannte. Die wurden nach Lhasa gebracht. Wenige Stunden später sah man sie, wie sie Gebäude in Brand setzten. Die Chinesen wollen Krisen, für die sie die Tibeter verantwortlich machen können.
Ihre Heiligkeit, als Sarkozy und Merkel Sie empfingen, löste das eine Debatte aus. Jetzt versucht man, mit einem Gipfel zwischen der EU und China die Wogen zu glätten. Großbritannien gab kürzlich seine alte Position auf und betrachtet Tibet jetzt auch als Teil Chinas. Verärgert es Sie, dass die Tibet-Frage zum diplomatischen Eiertanz wird, weil alle Welt es sich nicht mit dem starken China verscherzen will?
Die Briten unterstützen unsere Position, das haben sie klar gestellt. Jede Regierung akzeptiert Tibet. Auch die indische Regierung, die uns sehr wohlgesonnen ist und zu der wir großes Vertrauen haben, hat immer gesagt, Tibet sei eine autonome Region innerhalb der Volksrepublik China. Indien hat aber nie gesagt, Tibet sei ein Teil Chinas; die Volksrepublik wurde ja erst 1949 gegründet.
Indiens Sorgen wegen Tibet sind auch militärischer Natur, oder?
Seit so langer Zeit sind chinesische Soldaten in Tibet, also nahe der Grenze zu Indien. Die Spannungen in der Region sind nichts Neues. Nun aber hat China eine Eisenbahnstrecke nach Tibet gebaut, das Straßennetz ausgebaut, sein Netzwerk in Tibet vervollständigt. Die Inder verfügen über nichts dergleichen auf der anderen Seite der Grenze, deshalb ist deren Armee in großer Sorge. Und nun sind die Chinesen besorgt, dass sich die Inder mehr den USA zuwenden könnten. Das sollten die Chinesen auch ernst nehmen.
Ihre Heiligkeit, reden wir über Ihre Flucht. Waren Sie damals innerlich darauf vorbereitet, das Land verlassen zu müssen?
Oh ja, die Spannungen waren greifbar. Im Februar hatten mich die örtlichen Befehlshaber des chinesischen Militärs zu einer Show in ihrem Hauptquartier eingeladen. Sie hatten in den Jahren zuvor immer wieder mal wichtige tibetische Persönlichkeiten zu sich eingeladen, die dann entführt wurden. Ungewöhnlich dieses Mal aber war: Am 9. Februar besuchte der Chef meiner Leibgarde das Hauptquartier der Chinesen, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Dort sagte man ihm, dass er am Tag meines Besuches bestimmte Zonen nicht betreten dürfe. Überhaupt sollten mich nur wenige Leute begleiten dürfen - ohne Waffen. So was hatte es vorher nicht gegeben. Das hat mich stutzig gemacht.
Sie schlugen die Einladung dennoch nicht aus.
Nein, aber als die Bevölkerung Lhasas von meinem bevorstehenden Besuch erfuhr, kamen Zehntausende zum Norbulingka Palast und blockierten alle Türen. Das war am Morgen des 10. März.
Ein menschliches Schutzschild.
So kann man es sagen, und ich war verängstigt und sehr besorgt. Die Tibeter waren wild entschlossen, jedwedem Druck von chinesischer Seite zu widerstehen. Und die chinesische Seite war ebenfalls entschlossen, es zu einem Zusammenstoß kommen zu lassen. Die Tibeter riefen: "Bitte bleib nicht hier, flieh von hier." Die Chinesen verstärkten ihre Truppen und brachten ihre Artillerie in Stellung. Dann bekam ich einen Brief, ich sollte endlich heimlich ins chinesische Militär-Hauptquartier kommen. Ich war in einem Dilemma. Sollte ich die Region verteidigen oder sie zu einer Zielscheibe machen? Bis zum 17. März zögerte ich noch, ob ich fliehen sollte oder nicht. Am Morgen schlugen dann zwei Granaten im nördlichen Teil von Norbulingka ein. Um zwölf Uhr mittags entschied ich mich: Wir verschwinden. Ich erinnere mich noch an diese Ruhe draußen. Wir durften keinen Laut von uns geben, jedes Wort wäre zu hören gewesen. Ich verspürte große Angst.
Was fühlten Sie angesichts der Möglichkeit, nie wieder zurückkehren zu können?
Meine Gefühle? Von dem Moment an, da ich meine Entscheidung getroffen hatte, war alles in mir im Gleichgewicht, auch mein Dilemma-Gefühl war wie weggeblasen. Ich hatte unser Orakel befragt, mich mit meinen Ratgebern beraten und mich einer spirituellen Selbstprüfung unterzogen. Und dann war es da, das klare Zeichen: Verlasse Norbulingka - jetzt! Ich war im Reinen mit mir.
Die Flucht verlief ja zunächst auch undramatisch.
Am 18. März, am Morgen, hatten wir schon einen Pass erreicht. Da bestand erst mal keine unmittelbare Gefahr mehr. Ich fühlte mich sehr glücklich. Dann, am Nachmittag, kam meine Mutter, die mich sehen wollte. Es war ein unbeschreiblicher Moment: Da saßen meine Mutter, meine ältere Schwester und ich zusammen und uns war klar, dass wir zum ersten Mal Meinungsfreiheit genossen. Vorher waren wir immer sehr zurückhaltend gewesen, wenn es darum ging, über die Chinesen zu sprechen. An diesem Tag konnten wir sie offen kritisieren - selbst in Gegenwart meines jüngeren Bruders. Früher mussten wir vorsichtig sein, wenn er anwesend war, weil er - in seinem kindlichen Alter - oft unsere Gespräche nach außen trug. Wir zogen weiter, ich weiß gar nicht mehr den Namen des Passes, aber es lag etwas Schnee dort oben. Plötzlich hörten wir das Geräusch eines Flugzeuges. Es flog direkt auf uns zu, als wollte man uns beschießen. Es gab keinen Platz, an dem wir uns hätten verstecken können. Es war eine karge Berglandschaft, von Schnee bedeckt - und darin standen wir in Gewändern, die alles andere als weiß waren. Wir hatten keine Zeit, weiße Camouflage überzuziehen. Wir boten ein von weitem sichtbares Ziel.
Dachten Sie an den Tod?
Als Buddhist sagte ich mir nur: Wenn dies das Ende meines Lebens sein soll, ist es okay, ist es Karma. Dann kam das Flugzeug. In diesem Moment hatte ich doch große Angst. Aber das Flugzeug verschwand. Dann erreichte ich Indien. Ich war überglücklich. Aus zwei Gründen. Ich war sicher, endlich. Und zweitens: Der Offizielle der indischen Regierung, der mich empfing, war ein alter Freund. Als ich sein Gesicht sah, fühlte ich eine Wiedervereinigung. Aber glauben Sie mir: In meinem ganzen Leben war diese Flucht die gefährlichste und traurigste Phase. Nichts hat mir je so viel Angst eingejagt.
Ihre Heiligkeit, Sie haben Ihre Heimat seit 50 Jahren nicht gesehen. Haben Sie noch besonders lebhafte Erinnerungen, an Landschaften, an Gerüche?
Oh ja, mein Erinnerungsvermögen ist noch ganz in Ordnung - ab der Zeit, als ich zwei, drei Jahre alt war. Ich habe aber kein Heimweh. Ich sage immer, wir sind heimatlos, aber als Heimatlose haben wir ein neues, glückliches Zuhause in Indien gefunden. Indien ist die Heimat unserer Spiritualität.
Was ist Ihre letzte Erinnerung an Norbulingka?
Kurz bevor wir es verließen, las ich in buddhistischen Schriften. Und ich weiß noch genau, an welcher Stelle ich die Lektüre abbrach - bei den Worten: "Sei mutig."
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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