Politik
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06. März 2009

Dalai Lama: "Ich bin in großer Sorge"

Foto: getty

Die Flucht vor 50 Jahren - der angstvollste Moment seines Lebens. Die FR-Redakteure Mark Obert und Martin Scholz sprachen mit ihm über Chinas harten Kurs, Kritik an der Position der Gewaltfreiheit und Augenblicke im Angesicht des Todes.

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Dalai Lama in Frankfurt

Vom 30. Juli bis zum 2. August 2009 wird der Dalai Lama in der Frankfurter Commerzbank-Arena Vorträge über die "Kunst des Lebens" halten. Er wird dabei am 30. und 31. Juli über Fragen wie "Was ist Geist?" oder "Wie kann ich bewusster leben?" sprechen.

Am 1. und 2. August nimmt er an Podiumsgesprächen zu Themen wie "Hirnforschung und Meditation" oder "Menschenrechte und Frieden" teil.

Tickets sind für einen Tag (29 bis 59 Euro), für zwei (45 bis 99 Euro) oder als Dauerkarte für vier Tage erhältlich (125 bis 230 Euro) unter www.ticketonline.com

Weitere Informationen zu den Vorträgen, Uhrzeiten, Tickets oder Hotelbuchungen unter: www.dalailama-frankfurt.de

Ihre Heiligkeit, im März vor 50 Jahren sind Sie aus Tibet geflohen. Ihre Landsleute gedenken dieser Zeit mit großer Bitterkeit. Nun hat China einen Feiertag ausgerufen: den 28. März als Tag der Befreiung durch die chinesische Armee.

Die meisten Tibeter, mich eingeschlossen, wissen gar nicht, was dieser neue Feiertag überhaupt bedeuten soll.

Seine Flucht vor 50 Jahren aus Tibet bezeichnet der Dalai Lama als den angstvollsten Moment seines Lebens.
Seine Flucht vor 50 Jahren aus Tibet bezeichnet der Dalai Lama als den angstvollsten Moment seines Lebens.
Foto: ddp

China will der Welt sagen, dass seine Volksbefreiungsarmee die Tibeter vom Joch der Mönche befreit hat. Oder was denken Sie?

Die Chinesen sehen zurzeit, dass ihre Anstrengungen, ihren Ruf bezüglich Tibets aufzupolieren, fehlgeschlagen sind. Jetzt machen sie es wieder wie all die Jahre zuvor. Sie versuchen, ihren Einmarsch nachträglich als Befreiung zu legitimieren. Aus diesem Grund zeigen sie dann Bilder und Fotos aus der Zeit vor ihrem Einmarsch, die uns Tibeter negativ darstellen.

Auch Ihr Freund Roland Koch erinnerte in einer Laudatio auf Sie daran, dass Tibet damals weit entfernt davon war, eine freie Gesellschaft zu sein.

Das ist ja auch richtig. Die Chinesen aber beleidigen unsere Kultur: mit Fotos und Geschichten über menschliche Schädel zum Beispiel.

Sie meinen Totenköpfe?

Ja, aber es führte zu weit, das hier zu erklären.

Erzählen Sie es doch bitte in Kurzform.

Also gut. In den frühen 80er Jahren hat einmal ein Reporter des National Geographic in Lhasa recherchiert und dabei viele Fotos gemacht. Später traf er sich mit mir in den USA. Er brachte alle Fotos mit. Er wollte, dass ich die Bilder kommentierte. Auf einem Foto war ein Totenschädel zu sehen. Mit einem Lächeln sagte mir der Reporter, die Chinesen hätten ihm erzählt, dieser Schädel sei ein Trinkbecher für alkoholische Getränke, für tibetisches Bier. Sie sagten ihm auch, diesen Schädel hätten sie in meinem früheren Zimmer gefunden. Sie müssen wissen: In unserer Tradition benützen wir hier und da die Schädelschale von hohen Lamas als Opferschale für Weihwasser, wir nennen sie Kapala. Aber die Chinesen haben aus diesem tantrischen Ritual die Propaganda-Geschichte kreiert, dass sich der Dalai Lama aus einem menschlichen Schädel betrinken würde. So ist das: China versucht, ein hässliches Bild von Tibet zu zeichnen, sie stellen uns als rückständig dar, als autoritär.

Vor dem Einmarsch der Chinesen herrschten feudale Strukturen. Die Mönche behandelten ihre Untertanen wie Leibeigene.

Das rechtfertigt nicht, wie herablassend und verächtlich die Chinesen über unsere Kultur reden. Sie behaupten ja sogar, dass die Tibeter damals mit großer Freude eine neue Ära in der Geschichte ihres Landes begrüßt hätten.

Die Lebensbedingungen in Tibet haben sich immens verbessert.

Das leugne ich nicht. Aber es sind Errungenschaften der modernen Zeit. In ganz China hat sich in den letzten 30 Jahren viel verändert. Man könnte fast meinen: Eine kommunistische Partei ohne eine kommunistische Ideologie ist wundervoll.

Die besseren Kapitalisten.

Guter Punkt. Die US-Kapitalisten müssen zurzeit von den kommunistischen Kapitalisten lernen.

Seit 2002 führen Ihre Abgesandten regelmäßig Verhandlungen mit Peking - wie es scheint, ohne den geringsten Erfolg.

Weil die Chinesen jeden unserer Vorschläge ablehnen, bei allen acht Treffen seit 2002 war das so.

Sie fordern mehr Einfluss auf die Wirtschaft, ein eigenständiges Bildungswesen sowie Gesundheitssystem …

Wir fordern eine echte Autonomie - im Rahmen der chinesischen Verfassung, die regionale Autonomien grundsätzlich zugesteht. Wir wollen unserer Kultur und unsere nationale Identität schützen, wir wollen endlich Herr unserer eigenen Angelegenheiten sein.

Das heißt: In letzter Konsequenz wollen Sie auch die Exekutivgewalt in Tibet übernehmen.

Wir haben nie gefordert, dass sich der gesamte chinesische Polizei- und Militärapparat zurückziehen soll, aber die Präsenz muss reduziert werden. Letztlich ist es ganz einfach: Wir wollen eine von uns gelenkte Verwaltungseinheit für alle tibetisch besiedelten Gebiete.

Und dann erklärte China im November kategorisch, Ihrer Forderung niemals nachzugeben.

So ist es, und es passt zu der harten Linie, die China seit geraumer Zeit wieder fährt. Ich geben Ihnen dazu ein Beispiel: Als der derzeitige kommunistische Parteisekretär von Tibet, Zhang Qingli, vor zwei Jahren sein Amt antrat, kündigte er bei einem Treffen in Lhasa an: "Ich werde jeden töten lassen, der uns umbringen will." Das war sein Ernst. Es gab noch nie einen Parteisekretär, der so offen seinen Hass geäußert hat.

Die Regierung in Peking betont immer wieder, dass sie fürchtet, die Tibeter würden an der chinesischen Bevölkerung in Tibet Rache nehmen, gar ethnische Säuberungen durchführen, sollte man den Tibetern wieder zu viel Macht einräumen.

Es sind ihre Schuldgefühle uns gegenüber, die ihnen solche Gedanken eintreiben. Denken Sie nur an die Schießerei auf dem Nangpala-Pass vor zwei Jahren. Einige Tibeter waren aus Tibet geflohen und sind auf dem Pass vom chinesischen Militär beschossen worden. Eine Nonne wurde getötet. Das wurde von einer Bergsteiger-Gruppe, darunter einem Rumänen, bezeugt. Sprecher des chinesischen Außenministeriums hatten die Schießerei damals zwar bestätigt, sagten aber, die Chinesen hätten sich selbst verteidigen müssen, weil die Tibeter sie angegriffen hätten. Ich habe später diesen rumänischen Bergsteiger getroffen und ihm die Version der Chinesen erzählt. Der lachte nur und sagte, die Tibeter seien zu Fuß durch den Schnee geflohen, und es habe da nicht einmal Steine gegeben. Womit sollen sie die Chinesen angegriffen haben? Mit Schneebällen?

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