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16. Mai 2013

Daniel Cohn-Bendit: Die Grünen und ihr Umgang mit Pädophilie

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Aus Protesten gegen die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises für Daniel Cohn-Bendit ist eine Debatte über die "pädophile Vergangenheit" seiner Partei geworden.  Foto: imago stock&people

Die Debatte um 40 Jahre alte pädophile Äußerungen des Grünen Daniel Cohn-Bendit zwingt seine Partei, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten. Ein kritischer Blick zurück in die Zeit der sexuellen Revolution.

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Dany le Rouge, wie sich Daniel Cohn-Bendit nennen ließ, veröffentlichte sein Buch „Der große Basar“ im Jahr 1975. Es berichtet von seiner Zeit als Kindergärtner in der Frankfurter Sponti-Szene. „Mein ständiger Flirt mit den Kindern nahm erotische Züge an“, heißt es darin und „es kam vor, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln“.

Er habe zurückgestreichelt, behauptet Cohn-Bendit in dem Buch. Das gesagt zu haben, ist dem grünen Europapolitiker heute peinlich, mehr als das, er findet es geschmacklos, unsäglich. Die inkriminierten Szenen, behauptet er, seien Fiktion („eine Männerfantasie“, wie Alice Schwarzer richtig analysiert habe) und Provokation. Das Buch sei „unglaublich angeberisch“ und von dem Wunsch beherrscht, „immer noch einen draufzusetzen“, gestand er in dieser Woche dem Spiegel.

Schlechte Literatur

Cohn-Bendit hat sich, seitdem der Text 2001 wieder hervorgekramt wurde, vielfach für die „schlechte Literatur“ entschuldigt. Er will aber nicht verfolgt werden für etwas, dass er nicht getan hat, sagt er. Er will Wort und Tat voneinander getrennt wissen.

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Einer Tat ist Cohn-Bendit nie beschuldigt worden. Kein von ihm betreutes Kind hat ihm Missbrauch vorgeworfen. Es sind seine Worte, die ihn verfolgen, und inzwischen nicht mehr nur ihn. Die Debatte um Cohn-Bendit ist zu einer Debatte über „die pädophile Vergangenheit“ seiner Partei geworden.

Sie zieht Kreise. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt erklärte am Dienstag, er habe große Zweifel daran, dass es richtig sei, dass die Grünen, „die schützende Hand über einen so widerwärtigen Typen wie den Cohn-Bendit“ halten. Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, warf Dobrindt daraufhin vor, „Wahlkampf auf dem Rücken von Missbrauchsopfern“ zu machen. Den Versuch von Pädophilen, in den Achtzigerjahren Einfluss auf das Parteiprogramm der Grünen zu nehmen, räumte Lemke ein – er sei aber gescheitert. Nun will die Partei das Kapitel von unabhängigen Forschern aufarbeiten lassen.

„Die Grünen“, schreibt die taz am vergangenen Sonnabend, „haben sich in den 80er- Jahren möglicherweise weit stärker für die Interessen Pädophiler eingesetzt als bisher bekannt gewesen sei“. Unbekannt war dieser Einsatz mitnichten. Er geriet in Vergessenheit, wohl auch, weil viele Grüne die „Kindersex-Debatte“ nur allzu gern im Parteiarchiv versenkten.


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1985 setzte sich die grüne Arbeitsgruppe „Sexualität und Herrschaft“, die sich nach den ihr angehörenden Schwulen und Pädophilen SchwuP nannte, vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen für die Straffreiheit von „einvernehmlichem Sex“ zwischen Minderjährigen und Erwachsenen ein. Die Forderung legten sie dem Landesparteitag zur Beschlussfassung vor. Die Delegierten nahmen die Vorlage an, allerdings nur als Arbeitspapier.

„Die Grünen sind alle Kinderficker“

Die taz fasste die öffentliche Empörung über den Vorgang damals in dem Satz „die Grünen sind alle Kinderficker“ zusammen. Dass Teile der Grünen Pädophile zu den schutzwürdigen Minderheiten zählten, war allerdings keine Schrulle der Partei.

Ende der Sechzigerjahre diskutierten in der BRD auch Sexualwissenschaftler und Kriminologen über einen neuen Umgang mit sexuellen Kontakten zwischen Kindern und Erwachsenen. Die erst in Heidelberg und später in Nürnberg aktive Indianerkommune war ein Wohnprojekt für Erwachsene und Kinder, das als „Kinderrechtsinitiative“ für pädosexuelle Beziehungen warb – auch auf Parteitagen der Grünen.

Die sexuelle Revolution fegte mit dem, was ihre Anhänger für verklemmt und spießig hielten auch viele Bedenken beiseite. Noch in den Anfangsjahren der Bundesrepublik war das gesellschaftliche Klima geprägt von tabuisierter, unterdrückter Sexualität, erklärt Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker. Überall habe man sexuell Verbotenes gewittert, warnte vor dem „bösen fremden Onkel“ und übersah den Inzest in der eigenen Familie.

Erst die sexuelle Liberalisierung der späten Sechzigerjahre führte schließlich zu einer Liberalisierung des Sexualstrafrechts. Gleichwohl war es auch in den Achtzigerjahren noch restriktiv. Ersatzlos gestrichen wurde der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches in der BRD erst 1994, in der DDR bereits 1988. Am „sittlichen Empfinden“ weiter Teile der Bevölkerung änderte die Strafrechtsreform zunächst nichts. Homosexualität galt noch lange Zeit danach als „widernatürlich“.

        

Grenzenlose Freiheit: In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden alle Tabus infrage gestellt und spielerisch die neue Freiheit, wie hier in Woodstock, kollektiv ausgetestet.
Grenzenlose Freiheit: In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden alle Tabus infrage gestellt und spielerisch die neue Freiheit, wie hier in Woodstock, kollektiv ausgetestet.
 Foto: Action Press

Den Grünen ging es darum, überkommene Verbote zu beseitigen. „Der Topos dieser Zeit war, dass die Unterdrückung der Sexualität zu psychischen Störungen und damit zu einer unfreien Gesellschaft führt“, schreibt Becker. Man sei allerdings in dem Verlangen nach Befreiung zu großzügig gewesen, sagt Sexualforscher Gunter Schmidt. Man wollte sexuelle Minderheiten nicht auszugrenzen. „Da sind wir heute sehr viel genauer: Wir gehen davon aus, dass es einen sexuellen Konsens zwischen einem Kind und einem Erwachsenen nicht geben kann, dass die Selbstbestimmung eines Kindes durch solche sexuellen Handlungen verletzt wird.“

Das Recht des Stärkeren

Dass es auch vehemente Vorkämpfer einer von Tabus befreiten Sexualität von Kindern und Jugendlichen gab, die sich, wie etwa der Sozialwissenschaftler Günter Amendt, schon 1984 dezidiert gegen sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und vorpubertären Kindern aussprachen, ist allerdings ebenso wahr. Amendt sprach von Sexualdarwinismus, also dem Recht des Stärkeren, dem die Befürworter vorgeblich „einvernehmlicher“ Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen das Wort redeten.

Vielen Grünen kam diese Erkenntnis erst später. Daniel Cohn-Bendit erinnerte sich jetzt im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel daran, wie er irgendwann, als das mit der Indianerkommune losging, die für die Herabsetzung der Altersgrenze für sexuellen Verkehr zwischen Erwachsenen und Jugendlichen einstanden, gesagt habe: „Schluss mit diesem Indianerscheiß, die sind doch alle meschugge.“

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