Die Nazifizierung des Auswärtigen Amtes wurde ihm nicht angetan. Die „Gleichschaltung“ war eine Selbstgleichschaltung. Norbert Frei, Professor an der Universität Jena, erklärte bei der Vorstellung der Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ eine scheinbare Banalität zur zentralen Einsicht: Das Auswärtige Amt im Dritten Reich war das Auswärtige Amt des Dritten Reiches. In der Arbeit begriffen wir, sagte er am Donnerstagabend, dass es nicht um die Rolle des Auswärtigen Amtes im NS-Staat gehen konnte. So als gäbe es ein unabhängiges Amt, das sich zum NS-Staat als etwas Äußerem verhalten könne.
Der Nationalsozialismus war kein Alien, der sich aus einer anderen Welt kommend, in Deutschland breit machte. Er war made in Germany. Es gab ihn nicht nur in Springerstiefeln. Es gab ihn auch im Cut. Mit einem Male steht groß im Raum, ohne dass er genannt wird, der Totalitarismus. Wir hatten uns daran gewöhnt, ihn vor allem als Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus zu kritisieren. Jetzt aber, da wir Norbert Frei hören, wissen wir wieder, worauf es den Theoretikern des Totalitarismus wirklich ankam. Sie beschreiben eine Gesellschaft, in der keine Nischen erlaubt sind, eine Gesellschaft, die alle und jeden mobilisiert, die das so gut tut, dass sie nicht mehr gleichschalten muss, weil alle sich bevor sie das tun konnte, sich schon gleichgeschaltet haben. „Alle“ ist falsch. Es sind nie alle. Aber immer wieder sind es lebensgefährlich viele.
Das Haus der Kulturen der Welt war gestern ausverkauft, als die Professoren Frei, Eckart Conze, Peter Hayes und Moshe Zimmermann ihre Studie vorstellten. Nach Reden der ehemaligen Außenminister Frank Walter Steinmeier und Joschka Fischer setzten sich die Herren – Steinmeier, der gehen musste, wurde von Gernot Erler ersetzt – moderiert von der Tagesspiegel-Redakteurin Tissy Bruns zusammen und versuchten ein wenig klar zu machen, was ihnen wichtig war an der Studie.
"Die Übergänge waren fließend"
„Wie kam es dazu?“ fragte Bruns. „Wie kam es dazu, dass kultivierte, gebildete Menschen mittaten bei den Schlächtereien der Nazis?“ „Und wenn es keine gebildeten, kultivierten Menschen waren? Wenn sie nur einen Riesenbohei um ihre Kultiviertheit machten, wenn aber nichts dahinter war?“ antwortete ihr Fischer. „Sie können ruhig kultiviert gewesen sein“, erwiderte Moshe Zimmermann. „Zunächst hatten sie nur das Gefühl, die Juden spielten eine zu große Rolle im Staat. Das war ein Problem. Sie machten sich daran, es zu lösen. Zunächst sollten die Juden aus dem Staatsdienst vertrieben werden, dann aus ihren Geschäften, aus dem Land und endlich sollten sie ermordet werden. Das war eine schiefe Ebene. Wer sie betrat, der schlidderte in den Massenmord. Es gibt da keinen Sprung, durch den aus einem anständigen deutschen Bürger ein wilder Nazi geworden war. Die Übergänge waren fließend.“ Das war die erschreckendste Auskunft an diesem Abend. Denn sie sprach von der Zukunft. „‘Wehret den Anfängen‘, sagt man in Deutschland so gerne“, erklärte Moshe Zimmermann. „Wir Historiker müssen nach den Anfängen suchen und die scheinen harmlos. Aber sie sind der Anfang des Schreckens.“
„Warum legten die ehemaligen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes soviel Wert auf einen ehrenden Nachruf im internen Blättchen des Amtes?“ fragte Fischer und er gab dem Publikum die Antwort gleich mit: „Sie wollten einen letzten, über den Tod hinaus gehenden Persilschein“. Norbert Frei fügte hinzu: „Es war ja auch ein Stück Erfolgsrezept der alten BRD: Die alten Nazis – die ja 1945 erst Mitte dreißig, vierzig Jahre alt waren – halfen die Bundesrepublik aufbauen. Sie wollten das besonders gut machen. Die neuen Erfolge sollten die alte Geschichte auslöschen.“ Das sollten die Nachrufe quittieren. Eine Generation also, die sich in die Arbeit stürzt, weniger um zu vergessen, als vielmehr gut zu machen? Ob sie auch daran dachten, dass ihr Eifer, ihr Fanatismus – wie Hitler gerne sagte – ja wesentlich dazu beigetragen hatte, dass alles zerschlagen worden war, was sie jetzt mit ihrem – neuen? – Eifer wieder auf bauten? Jedenfalls sollte in diesen Nachrufen nichts stehen von dem, was sie in ihrem ersten Eifer für den NS-Staat getan hatten. In den Nachrufen ging es nur um den zweiten, den für die Bundesrepublik.
Genau das erschütterte Marga Henseler, als sie, die ehemalige Dolmetscherin im Auswärtigen Amt, 2003 den Nachruf auf Franz Nüßlein las. Der Mann war im Protektorat Böhmen und Mähren mitverantwortlich gewesen für Todesurteile. Dafür war er in der CSSSR als Kriegsverbrecher verurteilt worden. Zu zehn Jahren Gefängnis. Als er 1955 frei kam, bekam er sofort eine Stelle im Auswärtigen Amt. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung 1972. Als er 2003 starb, hieß es in dem Nachruf „Das Auswärtige Amt wird ihm ein ehrendes Gedenken bewahren“. Marga Henseler protestierte bei Joschka Fischer. Als der nicht reagierte, wandte sie sich an den Kanzler. Schröder schickte Fischer Henselers Beschwerde. Jetzt reagierte Fischer. Er änderte die Nachrufpraxis und setzte eine Historikerkommission ein. Sie erstellte die Studie „Das Amt und die Vergangenheit“. „Marga Henseler sollte vom Bundespräsidenten geehrt werden. Sie hat den Stein ins Rollen gebracht.“ So Joschka Fischer. Marga Henseler ist ein Beispiel dafür, dass der Einzelne etwas tun, dass er etwas verändern kann. Er braucht Glück dazu und einen Dickkopf. Aber er kann es schaffen. „Marga Henseler“, so Fischer, „hat sich um Deutschland verdient gemacht.“
Er erklärte auch, dass er damals als Außenminister sich nicht um Geschichtspolitik gekümmert habe – „ein großer Fehler!“ -, dass er aber vor allem sich nicht – „das würde ich heute ganz anders machen!“ – darum gekümmert habe, die Strukturen des Auswärtigen Amtes zu ändern. Fischer forderte, das Archiv des Auswärtigen Amtes ins Bundesarchiv überzustellen. Ein Unding, dass die, die untersucht werden sollen, die Herrschaft haben über den Zugang zu den Informationen über sie.
Das alles hat mit ihrer Hartnäckigkeit Marga Henseler getan. Auch sie ist Made in Germany.
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