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Das Kopftuch wird hoffähig

Chef der türkischen Volkspartei, Deniz Baykal, wirbt um religiös-konservative Wählerinnen / Abkehr vom Erbe Atatürks

Der "Türban", mit dem viele fromme Türkinnen ihr Haupt verhüllen, war für den Oppositionsführer Deniz Baykal bisher ein rotes Tuch. Erfolgreich blockierte Baykal im Frühjahr mit einer Verfassungsbeschwerde den Versuch der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, das Kopftuchverbot an den türkischen Universitäten zu lockern. Doch jetzt, fünf Monate vor den Kommunalwahlen, entdeckt Baykal die Kopftuchträgerinnen als Wählerpotenzial: "Hand in Hand gehen wir mit jenen voran, die zuvor nicht zusammenkommen konnten, ob sie nun ihren Kopf bedecken oder nicht", verkündete Baykal am Dienstag vor der Parlamentsfraktion seiner Republikanischen Volkspartei (CHP). Die Kopftuchträgerinnen "praktizieren, woran sie glauben", philosophierte Baykal, es sei "ungerecht, sie wegen ihrer Kleidung zu diskriminieren".

Das sind ganz neue Töne aus dem Mund des CHP-Chefs. Der hatte bisher Staatsempfänge gemieden, nur um der türkischen First Lady Hayrünnisa Gül oder der Premiersgattin Emine Erdogan nicht begegnen zu müssen - beide Frauen tragen ein Kopftuch. In dem Stück Stoff sah Baykal das Symbol des politischen Islam und ein Indiz für die angebliche "geheime Agenda" des Premiers Tayyip Erdogan, der islamischen Unterwanderung der Türkei.

Doch nun gibt es plötzlich Bilder, auf denen Deniz Baykal Kopftuchträgerinnen Parteiabzeichen anheftet und sie herzlich in den Reihen der CHP begrüßt. So wie Güzel Lacin. Obwohl die junge Frau sogar einen Tschador trägt, ein bis zum Boden reichendes dunkles Gewand, das nur Teile des Gesichts frei lässt, heftete ihr Baykal kürzlich bei einer Kundgebung im Istanbuler Stadtteil Eyüp ohne sichtbare Berührungsängste eine CHP-Nadel an.

Baykals Versuch, die CHP für religiös-konservative Wähler zu öffnen, findet in der Partei keineswegs ungeteilte Zustimmung. Denn die CHP geht auf keinen Geringeren als den Staatsgründer Atatürk zurück und versteht sich als Wächterin über sein politisches Erbe, die Trennung von Staat und Religion sowie die Westorientierung der Türkei. Baykals neue Begeisterung für das Kopftuch sei "eine Enttäuschung für unsere Wähler", klagt die CHP-Abgeordnete Necla Arat, und die Fotos des Parteichefs mit den Türban-Trägerinnen seien "keine schönen Bilder". Baykal hatte allerdings schon im Wahlkampf 2007 in Zentralanatolien Kopftücher an Frauen verteilen lassen, um konservative Wählerinnen zu gewinnen.

Jetzt hofft Baykal offenbar bei den wichtigen Kommunalwahlen im Frühjahr im religiösen Wählerreservoir der regierenden AKP wildern zu können. Ob die Rechnung aufgeht, ist aber fraglich. Die Tschador-Trägerin Güzel Lacin jedenfalls gab sich ob Baykals Ansteck-Attacke überrascht: Sie sei gar kein CHP Mitglied, sagte sie. Sie habe nie für die Partei gestimmt und dies auch nicht vor.

Autor:  GERD HÖHLER
Datum:  20 | 11 | 2008
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