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Das Lager in Trawniki: Die Ausbilder kamen straflos davon

SS-Offiziere rekrutierten Tausende nichtdeutsche Kriegsgefangene als Helfer für den Holocaust - ein deutsches Gericht sprach sie 1976 von jeder Schuld frei. Von Volker Schmidt

"Trawniki" nannten die Häftlinge der Konzentrationslager die nichtdeutschen Helfer der SS, die meist aus der Ukraine kamen. Iwan Demjanjuk soll laut Anklage einer von ihnen gewesen sein. Auch Letten, Esten, Litauer, Polen und Russlanddeutsche wurden in Trawniki in der Nähe von Lublin im Osten Polens ausgebildet. Im Herbst 1941 hatte die SS hier ein Ausbildungslager für die "Hilfswilligen" der SS eingerichtet.

Die meisten Rekrutierten waren kriegsgefangene Rotarmisten. Von 1943 an zwang die SS auch Einheimische aus dem besetzten Polen zur Ausbildung. Nach Schätzungen durchliefen bis zu 5000 "Hilfswillige" das Lager.

Trawniki vor Gericht

Liudas Kairys, in Litauen geboren, Oberwachmann im Vernichtungslager Treblinka. 1993 wurde er aus den USA nach Deutschland abgeschoben. Ein deutsches Ermittlungsverfahren stellte die Staatsanwaltschaft Darmstadt sechs Jahre später ein: Kairys war gestorben.

Dimitri Sawchuk, gebürtiger Ukrainer, soll an brutalen Ghetto-Räumungen mitgewirkt und im Vernichtungslager Belzec jüdische Zwangskommandos überwacht haben, die Leichen verbrennen mussten. Er reiste 1999 freiwillig aus den USA nach Deutschland aus. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg stellte ein Verfahren nach drei Jahren ein, weil Ermittlungen in Polen nach deutscher Sicht Vorrang hatten. Sawchuk starb ohne Prozess 2004.

Franz Swidersky trug als Wachmann in Treblinka den Beinamen "der Hammer": Er erschlug Insassen, die zu schwach oder zu jung für die Zwangsarbeit waren. 1971 wurde er in Düsseldorf als "Exzesstäter" verurteilt und saß sieben Jahre in Haft. (olk)

Die meist 18 bis 22 Jahre alten Männer wurden nach einigen Monaten Ausbildung unter anderem in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Auschwitz, Stutthof, Belzec, Sobibór und Treblinka eingesetzt. Auch an der Deportation und an Erschießungen von Juden in Polen waren sie beteiligt. Sie bewachten auch militärische und kriegswichtige Objekte, bekämpften Partisanen und kamen bei der brutalen Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943 zum Einsatz.

Die Befehlsgewalt über das Lager in Trawniki hatte seit Oktober 1941 SS-Sturmbannführer Karl Streibel. Während Hunderte der in Trawniki Ausgebildeten nach Kriegsende von sowjetischen Gerichten als Kollaborateure hingerichtet wurden, wurden Streibel und fünf weitere Beschuldigte im Juni 1976 von einem bundesdeutschen Gericht freigesprochen.

Staatsanwältin Helge Grabitz sah als erwiesen an, dass Streibel "an der grausamen Ermordung von insgesamt mindestens 850000 Menschen mitgewirkt" habe. Doch der SS-Mann behauptete, er habe lediglich zwei Gruppen von Ausgebildeten nach Belzec und Sobibór abgestellt - Ende 1941, zum Bau von Lagern, deren Zweck er nicht gekannt habe.

Streibels Vorgesetzter war der SS- und Polizeiführer von Lublin, Odilo Globocnik, Cheforganisator der "Aktion Reinhardt" genannten Ermordung der Juden im besetzten Polen. Globocnik, so Streibel, habe stets vorausgesetzt, dass alle von der "Aktion" wussten, daher sei darüber nie gesprochen worden. Das Gericht glaubte ihm: Es sei nicht erwiesen, dass Streibel, SS-Offizier seit 1936, vor August 1942 von der Judenvernichtung wusste.

Das Lager Trawniki habe, so die Richter, keine große Rolle beim Judenmord gespielt. Dass ein SS-Offizier aus dem Stab Globocniks das Lager als eine Voraussetzung der "Aktion Reinhardt" bezeichnete, taten sie damit ab, der Mann habe keinen umfassenden Einblick gehabt. Und als Streibel sich erinnerte, eine "nicht ganz niedrige Anzahl Trawnikis" sei für Deportationen abgestellt worden, attestierte ihm der Richter, er habe sich von der Staatsanwältin beeinflussen lassen.

Vergleichbare Urteile für mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher kennt man aus den 50er und 60er Jahren. Acht Jahre nach 68 hätte, sollte man meinen, ein Aufschrei durch die deutsche Öffentlichkeit gehen sollen. Doch die bekam vom Prozess wenig mit: Die Zeitungen hatten den zähen Prozess bald aus den Augen verloren.

Autor:  Volker Schmidt
Datum:  30 | 11 | 2009
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