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Das Leben der Ex-Politiker: Plötzlich machtlos

Hans Eichels Haus liegt wenige Minuten zu Fuß entfernt vom ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Das Aufregendste auf dem Weg ist ein Warnschild am Bach: „Bei Hochwasser Lebensgefahr“. Dann kommt das Seniorenheim. Dann das eher schlichte Haus, in dem der Ex-Sparminister mit seiner Frau lebt. Über den Schwiegereltern. Das Dachgeschoss hat er selbst ausgebaut. „Das war das Erste, womit ich mich abgelenkt habe“, sagt Eichel. „Mein Traumberuf war Architekt.“ Der „eiserne Hans“ macht jetzt sein Ding.

Er ist 68 Jahre alt. Aber er sieht noch genauso aus wie vor elf Jahren, als er nach Lafontaines Rücktritt zuerst Finanzminister und dann „Retter des fast gekenterten Tankers Rotgrün“ (FTD) wurde. Drei Jahre lang war er täglich in der Zeitung, Dauergast bei Christiansen, konnte nur noch mit Leibwächtern über den Kasseler Wochenmarkt schlendern. Als am 11. September 2001 eine Panik an den Finanzmärkten verhindert werden musste, telefonierte er mit seinen G-20-Kollegen. Hans Eichel half, die Welt zu retten. Im Ruhestand behilft er sich mit Dübeln.

Als Eichel die Macht entglitt, ließ er einfach nicht los. 2002 hatten SPD und Grüne ganz knapp noch mal die Wahl gewonnen. Danach wollte Eichel weiter sparen. Aber SPD-Fraktionschef Müntefering und Kanzler Schröder bremsten ihn aus. So wurde der Finanzjongleur erst zum Erbsenzähler, dann zum Buhmann. Aber er blieb. Auch, als Schröder sich 2005 in Neuwahlen flüchtete und klar war, dass Eichel nicht mehr im Kabinett sein würde. Warum? „In dieser Lage konnten die SPD-Leute der ersten Reihe nicht einfach abtauchen“, findet er bis heute. Es ging ums Prinzip, sagt Eichel. Es ging um einen Posten, egal welchen, schrieben viele. Dass die Kasseler SPD ihm auch noch einen Gegenkandidaten für das Direktmandat vorsetzte, war eine zusätzliche Demütigung. „Andererseits weckte es den Kampfgeist.“ Er zog in den Straßenwahlkampf, verteilte Handzettel, redete in Fußgängerzonen. Er schaffte es noch einmal in den Bundestag. 2009 aber war endgültig Schluss. Heute arbeitet er für die Friedrich-Ebert-Stiftung, leitet den Politischen Club der Evangelischen Akademie Tutzing, schreibt Gastbeiträge. Und wenn Anne Will anruft, opfert er sogar seinen Sonntagabend. Sie tut es selten.

Ole von Beust hat soeben in einem Interview gesagt, er gehe nicht als jemand, der von der Politik enttäuscht ist, „aber ich will nicht als Berufspolitiker pensioniert werden“. Man kann sagen, dass es bei Eichel andersherum ist. Die Politik hat ihn oft enttäuscht. Aber wer einfach so aus einem politischen Spitzenamt in die Wirtschaft wechsele, der degradiere Politik „zu einem Job wie jeden anderen“, sagt Eichel.

Der Hans im Unglück hat sich daran gewöhnt, nicht mehr gefragt zu werden. Nicht mal um Rat. Er habe ja auch nie seinen Vorgänger gefragt. „Ein Fehler“, findet er heute. „Die Amerikaner setzen ihre ehemaligen Präsidenten zum Beispiel in Sondermissionen ein. Man hat ja weltweite Kontakte, Erfahrung, sieht die langfristige Entwicklung.“

Eichel hat noch immer seine alte Minister-Adresse im Internet. Dort steht: „Oberbürgermeister a.D., Ministerpräsident a.D., Bundesfinanzminister a.D., Mitglied des Deutschen Bundestages a.D.“. Mails gehen an „hans.eichel@t-online.de“. Wer weiß, vielleicht meldet sich ja mal einer mit einer Mission. Hans Eichel wäre bereit.

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Autor:  Steven Geyer und Jörg Schindler
Datum:  20 | 8 | 2010
Seiten:  1 2 3
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