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Brasilien: Das Madeira-Projekt

An einem Zufluss des Amazonas entstehen riesige Kraftwerke. Mit der Fischerei ist aber Schluss. Von Wolfgang Kunath

Wenn man nach einem Gespräch mit Minister João Carlos Gonçalves durch die Straßen von Porto Velho spaziert, fragt man sich fast, ob dieser Mann noch ganz bei Trost ist. Dieses zur Großstadt gewucherte Provinznest soll die "Drehscheibe des Kontinents" sein?

Im Flusshafen, nur ein paar Blocks von des Ministers Büro entfernt, flitzen Arbeiter in T-Shirts und Badelatschen mit Kartoffelsäcken auf dem Rücken die unbefestigte Uferböschung hinunter zu den Dampfern, die das 1200 Kilometer amazonasabwärts gelegene Manaus ansteuern. Sieht so das "Gravitätszentrum Südamerikas" aus?

Ein Kaff, das seit nicht einmal 30 Jahren mit dem Rest Brasiliens durch eine Straße verbunden ist, hat eine "extrem wichtige strategische Position"?

Ja, sagt Gonçalves, ja, ja. Er ist Planungsminister des Bundeslandes Rondônia, das an der Grenze zu Bolivien und Peru liegt. Rondônia und die Hauptstadt Porto Velho haben, sagt Gonçalves, die einmalige Chance, zum Musterbeispiel für umweltverträgliche Entwicklung zu werden, und zwar durch ein Mega-Projekt, durch Großkapital, modernste Technik und jede Menge Beton.

Im Rio Madeira werden zwei Wasserkraftwerke gebaut, die mehr Strom erzeugen sollen als die Durchschnittsleistung von fünf deutschen Atomkraftwerken. Quasi nebenher wird der Fluss durch Schleusen von einem Stausee zum anderen schiffbar gemacht, womit ein riesiger Teil Ost-Boliviens für die Soja-Produktion erschlossen werden kann. Zusammen mit neuen Straßenverbindungen von West-Brasilien über die Anden zum Pazifik wird die Provinz, wird die Hauptstadt Porto Velho kräftig aufgewertet, und das alles, schwärmt Gonçalves, bei "fast null Auswirkungen auf die Umwelt".

Präsident Lula macht Druck

Sieben Kilometer stromaufwärts hat die Zukunft gerade begonnen. Hier wird die Staumauer für das erste, das Santo-Antônio-Wasserkraftwerk, gebaut, und nochmal 100 Kilometer Luftlinie weiter oben entsteht Jirau, das zweite. 6450 Megawatt werden sie beide erzeugen, und zusammen mit einer 2450 Kilometer langen Überlandleitung in den Großraum São Paulo wird das Mega-Projekt um die elf Milliarden Euro kosten.

Das Madeira-Projekt ist das Schaustück des 200 Milliarden Euro schweren Wachstums-Beschleunigungsprogramms PAC, das 2010 abgeschlossen sein soll, ein Wahljahr. Präsident Lula will bis dahin seine Superministerin Dilma Rousseff als Nachfolgerin aufbauen. Sie verwaltet das Programm, deshalb preist er sie als "Mutter des PAC". Entsprechend groß ist der politische Druck: Die Madeira-Projekte müssen 2010 zwar nicht fertig, aber vorzeigbar sein. Verzögerungen sind unerwünscht, und offenbar hat man unter diesem Druck immer wieder alle Fünfe gerade sein lassen.

Teotônio ist eine der Stromschnellen, die den Wasserspiegel des Madeira jäh in ein tosendes Gesäuse verwandeln und die Schifffahrt auf dem oberen Madeira unmöglich machen. Die Fische aber beißen gut, deshalb kommen am Wochenende auch die Hobby-Angler aus Porto Velho hergefahren.

Maria Paula dos Santos betreibt eine der schlichten Kneipen am Ufer. Sie ist hier geboren , aber sie ist realistisch: Sie wird hier wegmüssen. Irgendwo weit über ihrer beschaulichen Terrasse wird von 2012 an der Wasserspiegel liegen, und die Stromschnellen von Teotônio werden in Vergessenheit geraten. "Ja, ich verliere natürlich meine Existenzbasis", sagt auch Aníbal Pereira dos Santos, 64, der sein Leben lang hier Fischer war. Er zeigt hinauf zu dem hölzernen Gerüst, von dem aus er bei Hochwasser - dann steigt der Fluss um zwölf Meter - bis zu 100 Kilo schwere Fische harpuniert: "Das ist dann vorbei."

Bisher habe ihnen noch niemand eine Entschädigung angeboten, sagt die Wirtin. Ihre Nachbarin Maria Gima da Silva lebt davon, den Anglern Parkplätze zu vermieten. Aber wie die meisten Brasilianer auf dem Land hat sie keinen Besitztitel auf das Land. Wenn es Entschädigung gibt, dann nur für ihr Häuschen. Die Wirtin bezweifelt, dass überhaupt ein Ausgleich bezahlt wird: "Wir kennen doch unser Brasilien."

Die beiden Madeira-Stauseen überfluten pro Megawatt 0,078 und 0,086 Quadratkilometer, vorbildlich wenig etwa im Vergleich zum berüchtigten Balbina-Kraftwerk, das 9,4 Quadratkilometer pro MW verschlungen hat. Das loben auch die Umweltschützer am Madeira-Projekt, dessen Turbinen die starke Strömung des Flusses ausnützen und deshalb wenig Staufläche brauchen.

Aber die Gegner fürchten um den Fischbestand, von dem Tausende Menschen leben: 459 Fischarten, so steht es im amtlichen Umweltgutachten, könnten in Mitleidenschaft gezogen sein. Ungeklärt ist der Umweltschutzgruppe International Rivers zufolge auch, wie sich bei veränderten Strömungsverhältnissen die Überreste jener 40 Tonnen Quecksilber verhalten, die sich während des Gold-Booms vor mehr als zwanzig Jahren im Flussbett abgelagert haben.

Volmir Bavaresco vom Indianerrat der Katholischen Kirche wettert, die Projekte kämen drei bis vier isoliert lebenden Indianerstämmen gefährlich nahe. "Aber die Gesellschaft will diese Völker ja zerstören." Porto Velho, sagt der Soziologe Luis Novoa, sei auf Projekte dieser Größe nicht vorbereitet. Angelockt von der Aussicht auf Arbeit, kämen in den nächsten Jahren 100 000 Menschen, von denen aber nur ein kleiner Teil Beschäftigung finden werde.

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Autor:  WOLFGANG KUNATH
Datum:  30 | 12 | 2008
Seiten:  1 2
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