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Das Model und die Diamanten

Naomi Campbell belastet den Ex-Diktator Taylor vor dem Haager Tribunal nicht direkt

        

Das Model will nicht gewusst haben, wer ihr Steine schenkte.
Das Model will nicht gewusst haben, wer ihr Steine schenkte.
Foto: afp
Den Haag –  

Über das Gesicht des Angeklagten huscht ein kurzes Lächeln. Es läuft gut. Gerade sorgt sein Anwalt souverän dafür, dass die Sache mit den Blutdiamanten deutlich an Gefahr verliert. Er lockt aus der Zeugin die richtigen Antworten heraus.

Die Zeugin ist das Supermodel Naomi Campbell. Der 40-jährige Star, der nur unter Androhung von Strafe bereit war, vor dem UN-Sondergerichtshof Sierra Leone auszusagen und seine Anwesenheit dort als „ausgesprochen lästig“ empfindet, hat zwar gerade – entgegen früheren Äußerungen – zugegeben, vor 13 Jahren Diamanten erhalten zu haben. Das war nach einem Galadinner in der Residenz des damaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela in Pretoria, gibt die elegant aber in einem hellen Kleid nicht auffällig gekleidete Starzeugin zu Protokoll.

Das Tribunal

Der Sondergerichtshof für Sierra Leone (SCSL) wurde von den Vereinten Nationen und der Regierung Sierra Leones aufgebaut als internationaler Gerichtshof, der auch klar definierte Verstöße gegen nationales Recht aufgreifen darf. Sein Sitz ist Freetown, die Hauptstadt Sierra Leones.
Um die Finanzierung muss sich das Gericht selbst kümmern. Er ist der erste internationale Hof, der vollständig von Zuschüssen der UN-Mitglieder abhängig ist. Bislang hat er Unterstützung von 40 Staaten erhalten.
Präsidentin der zweiten Kammer, die über Taylor urteilen muss, ist Julia Sebutinde aus Uganda. Der Prozess gegen Charles Taylor, der aus Sicherheitsgründen nach Den Haag verlegt wurde, begann im Sommer 2007. Er wurde sofort ein halbes Jahr lang unterbrochen und im Januar 2008 fortgesetzt. wal


Und es geschah so: Mitten in der Nacht hätten zwei Männer an ihre Tür geklopft und ihr ein Stoffsäckchen in die Hand gedrückt. Das hätte sie erst am nächsten Morgen geöffnet und darin „zwei oder drei sehr kleine schmutzig aussehende Steine“ gefunden. Sie habe keinerlei Ahnung, wer ihr dieses Geschenk machte, gefragt habe sie auch nicht. Sie habe schlaftrunken die Tür ihres Zimmers geöffnet und sich nach Erhalt des Präsents sofort wieder schlafen gelegt.

Erst beim Frühstück, sei von der Schauspielerin Mia Farrow die Vermutung geäußert worden, die Steine seien Diamanten und sie könnten nur von Charles Taylor, dem damaligen Präsidenten Liberias kommen, der an dem Wohltätigkeitsessen teilgenommen hatte. Sie selbst habe das nie gesagt, betont Campbell, und verschränkt ihre Hände.

Campbell will nie gesagt haben, die Diamanten seien von Charles Taylor

Sie antwortet schnell, gelegentlich bevor die Fragen ganz formuliert sind, was ihr zwei Rügen der Gerichtspräsidentin einträgt. Dann zeigt die Zeugin einen Anflug von Gereiztheit, den sie aber sofort überspielt und wieder zu ihrer respektvollen Rolle der stets zur Aufklärung bereiten Zeugin zurückkehrt: Ja, es sei eine Lüge, wenn behauptet werde, sie habe jemals gesagt, das Geschenk in jener Nacht sei von Charles Taylor.

Charles Ghankay Taylor ist der Angeklagte. Der heute 62-Jährige, war von 1997 bis 2003 gewählter Präsident im westafrikanischen Liberia, davor sieben Jahre lang Rebellenführer. Damals ließ er sich im Kampfanzug ablichten. Heute trägt er einen eleganten Nadelstreifenanzug und mit seiner schmalen Brille sieht er aus wie ein pensionierter Manager. Das UN-Sondergericht will seine Verantwortlichkeit für den Bürgerkrieg im westafrikanischen Sierra Leone klären, dem mehr als 100000 Menschen zum Opfer fielen – die Angaben schwanken stark. Zeugen, die das Gericht bereits hörte, berichteten von Kannibalismus, Vergewaltigungen und Verstümmelungen.

Die Anklage will beweisen, dass die Rebellen von Liberia aus ausgerüstet wurden

In Sierra Leona hat Taylor aber nie offiziell regiert. Die Anklage will – und muss – beweisen, dass er die dortigen Rebellen vom südlich gelegenen Liberia aus aufgestachelt und ausgerüstet hat. Das ist juristisch problematisch. Es ist leichter, jemandem direkte Beteiligung an Gräueln nachzuweisen, als Anstiftung und Finanzierung rechtlich wasserdicht zu belegen. Deshalb haben die Ankläger, die ihre Zeugenbefragung schon zu Beginn des vergangenen Jahres abgeschlossen hatten, Naomi Campbell nachträglich in den Zeugenstand gerufen. Deshalb kommt Brenda Hollis, ihre Chefin, immer wieder auf das Geschehen im September 1997 zurück, an das sich die Zeugin in vielen Details nicht mehr erinnern kann: „Das ist 13 Jahre her“, sagt sie und spielt mit ihrem Halsschmuck, der gelegentlich im Licht der Scheinwerfer blinkt.

Taylor marschierte 1989 an der Spitze der von ihm gegründeten nationalen Patriotischen Front Liberias (NPFL) von der Elfenbeinküste aus in Liberia ein und eroberte fast das ganze Land. Schwesterorganisation der NPFL wurde in Sierra Leone die Revolutionäre Einheitsfront (RUF), mit Foday Sankoh, einem ehemaligen Hochzeitsfotografen, an der Spitze. Geld, so die Ankläger in Den Haag, beschaffte sich die RUF mit dem Export von Rohdiamanten. Dabei spielte Taylor eine entscheidende Rolle. Er soll für die edlen Steine Waffen besorgt haben – nicht ohne genügend davon zur Vermehrung seines Vermögens zu nutzen. Der Angeklagte hat bestritten, jemals Rohdiamanten besessen zu haben.

Auch von der Schauspielerin Mia Farrow hängt nun ab, ob Taylors Schuld bewiesen wird

Mit der Aussage von Naomi Campbell hoffte Hollis beweisen zu können, dass es Taylor war, der dem Model die Diamanten geschickt hat. Ihre Hoffnung gründet sich auf eine Aussage von Mia Farrow. Die Schauspielerin teilte dem Gericht im Dezember schriftlich mit, Campbell habe ihr beim Frühstück die alles entscheidende Geschichte so erzählt: In der Nacht seien Männer gekommen, die ihr einen großen Diamanten geschenkt hätten. Und: Er sei Geschenk von Taylor, habe sie hinzugefügt. Sollte Hollis gehofft haben, mit Campbells Aussage Taylor den Besitz von Blutdiamanten nachwiesen zu können, hat sie gestern eine Niederlage erlitten. Farrow wird ebenso wie Campbells frühere Agentin Carole White, die ebenfalls am Frühstückstisch in Pretoria saß, am Montag vor Gericht erscheinen. Dann steht möglicherweise Aussage gegen Aussage. Bis dahin kann Charles Ghankay Taylor lächeln.

Autor:  Werner Balsen
Datum:  5 | 8 | 2010
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