Fast neun Jahre nach der Entführung und Ermordung des elfjährigen Bankierssohns Jakob von Metzler geraten der damalige Präsident des Landeskriminalamts (LKA), Norbert Nedela, und der frühere Innen-Staatssekretär, Udo Corts (CDU), unter Druck. Sie haben dem damaligen Innenminister und heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) versichert, nichts von der Gewaltandrohung des Polizisten Wolfgang Daschner gegen Metzlers Mörder Magnus Gäfgen gewusst zu haben. Daschner, der damals Vizepräsident der Frankfurter Polizei war, behauptete vorige Woche vor Gericht jedoch, die beiden seien informiert gewesen – Corts allerdings nur „in groben Zügen“.
Jetzt stellt sich die Frage, ob Nedela und Corts falsche dienstliche Erklärungen abgegeben haben. SPD und Grüne wollen in der nächsten Woche im Innenausschuss des Landtags von Innenminister Boris Rhein (CDU) Auskunft bekommen.
Magnus Gäfgen: Der Frankfurter Jurastudent entführt am 27. September 2002 den elf Jahre alten Jakob von Metzler. Gäfgen erstickt den Jungen und versteckt die Leiche in einem See. Als die Polizei ihn drei Tage später festnimmt, gibt er ein falsches Versteck an. 2003 wird Gäfgen wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
Wolfgang Daschner: Der damalige Vizepräsident der Frankfurter Polizei droht dem Entführer Gäfgen im Verhör am 1. Oktober 2002 schmerzhafte Gewalt an, wenn er nicht das wahre Versteck des Kindes preisgebe. Im Jahr 2004 wird Daschner deswegen zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt.
Norbert Nedela: Der ranghohe Polizist war zur Zeit von Jakobs Entführung Präsident des hessischen Landeskriminalamts. Daschner sagt, er habe sich von Anfang an Rückendeckung für sein Vorgehen bei Nedela geholt. Nedela wurde später Landespolizeipräsident. Innenminister Boris Rhein (CDU) setzte ihn im vorigen Jahr wegen Differenzen ab.
Udo Corts: Der CDU-Politiker war zur Zeit von Jakobs Entführung Staatssekretär des damaligen Innenministers Volker Bouffier. Später wurde er Wissenschaftsminister. 2008 stieg Corts aus der Politik aus und ging in den Vorstand eines Unternehmens. pit/dpa
Rhein sagte auf Anfrage der FR am Donnerstag, sein Ministerium prüfe, welche Schlüsse aus Daschners Aussage zu ziehen seien. „Nach meinem heutigen Sachstand gibt es keine Veränderung der damaligen Lage.“ Nedela war bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen. Corts sagte der FR, er äußere sich nicht, ehe das Verfahren am Frankfurter Landgericht abgeschlossen sei. Dort klagt Mörder Gäfgen wegen der Folterandrohung auf Schmerzensgeld.
Daschner hatte dort erstmals berichtet, dass Nedela von Beginn der Entführung an sein ständiger Kontaktmann im Ministerium gewesen sei. Der damalige LKA-Präsident habe Daschners Strategie befürwortet, Gäfgen Gewalt anzudrohen, um das Leben des Kindes zu retten. Corts sei von Nedela zumindest kursorisch auf dem laufenden gehalten worden.
Nedela und Corts hatten in dienstlichen Erklärungen versichert, nichts gewusst zu haben. Das berichtete der damalige Innenminister Bouffier im Innenausschuss des Landtags, wie das Protokoll belegt, das der FR vorliegt. Bouffier äußerte danach im November 2004: „Im Moment, auch als Disziplinarvorgesetzter, kann ich nicht mehr tun, als bei allen, die in Betracht kommen, entsprechende Erklärungen einzufordern. Dies habe ich bereits im vergangenen Januar getan. Sie sind sämtlich negativ.“ Seine Nachfrage habe „all diejenigen, die überhaupt in Betracht kommen“, umfasst, auch Corts. Norbert Nedela sei jedoch im Januar 2004 nicht befragt worden. Er kam offenbar zunächst nicht „in Betracht“, weil er als LKA-Präsident nicht zuständig für die Aufsicht über Daschner war.
Erklärung an Bouffier
Bouffier berichtete im November 2004, er habe nach entsprechenden Medienberichten „auch den jetzigen Landespolizeipräsident (Nedela, Red.) aufgefordert, eine Erklärung abzugeben“. Das habe dieser auch getan. „Danach kann ich sagen: Ich habe keinen anderen Stand“, sagte Bouffier. Der damalige Innenminister und heutige Regierungschef kündigte an, sollte es „einen neuen Ansatzpunkt“ geben, werde er „erneut handeln“. Mehrfach wies er darauf hin, dass er „auch Disziplinarvorgesetzter“ sei.
Nach dem Mord vom 27. September 2002 und den Foltervorwürfen gegen Daschner hatte sich Bouffier bereits im April 2003 im Innenausschuss geäußert. Dort verteidigte er seine Auffassung, dass er Daschners Vorgehen für „menschlich verständlich“ halte. „Hier hatte offenkundig keiner der Beteiligten jemals vor, etwas zu vertuschen. Das hätte mich dann auch besonders in Zorn versetzt.“
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