Drei Tage nach dem Auftauchen eines Pakets mit Tausenden Kreditkartenabrechnungen bei der Frankfurter Rundschau wird weiterhin nach dem Daten-Dieb gefahndet. Die Frankfurter Polizei hat am Montag eine spezielle Ermittlungsgruppe gebildet, die sich vorwiegend um den Datendiebstahl kümmern soll. Sie besteht aus Beamten des Betrugskomissariats.
Am Montag suchte die Polizei auch die Kurier-Firma auf, die die Fahrten vom Finanzdienstleister Atos Worldline in Frankfurt-Niederrad zur Landesbank Berlin (LBB) übernimmt. Zum Ergebnis der Vernehmungen äußerten sich die Beamten am Montag nicht.
Die Frage, warum es so schwer ist, den Schuldigen für den Datenklau dingfest zu machen, beschäftigte am Montag die Republik. Die LBB wollte sich zu den laufenden Ermittlungen nicht äußern, konnte aber nicht ausschließen, dass auch andere Täter als der Kurier in Betracht kommen könnten. "Es liegen uns keine Hinweise auf Erpressung vor", sagte LBB-Sprecherin Christina Pries der FR, "aber wir können es auch nicht ausschließen".
Aus Polizeikreisen verlautete, man ermittele "in alle Richtungen". Beobachter spekulierten, dass neben der Kurier-Tätervariante auch ein Erpressungsversuch oder bankeninterne Machtkämpfe um die richtige Sicherheitspolitik zu dem gigantischen Datenverlust geführt haben könnten.
Bislang habe sich bei der Frankfurter Polizei noch kein geschädigter Bankkunde gemeldet, sagte Behördensprecher Karlheinz Wagner. Es sei aber nicht auszuschließen, dass Geschädigte in ihren Heimatstädten Strafanzeige erstatten und die Informationen erst in den nächsten Tagen in Frankfurt zusammenlaufen.
Bei der Frankfurter Rundschau kamen jedoch seit Samstag unzählige Leserzuschriften, Faxe, E-Mails und Anrufe von Geschädigten Kartenbesitzern an. Quer durch die Republik berichten die Einsender von illegalen Abbuchungen von ihren Konten - bis hin zu vierstelligen Beträgen. Vielen Schreiben liegen Briefe der Banken und Kreditkartenfirmen bei, die die illegalen Abbuchungen bestätigen. Oft wurden die Daten der Kunden für missbräuchliche Käufe im Internet verwendet. Ob diese Flut von Kartenmissbrauchs-Fällen, die der FR gemeldet werden, dem üblichen Fall-Aufkommen entspricht, oder außergewöhnlich ist, lässt sich noch nicht beurteilen.
Auch die Call-Center der Berliner Landesbank registrieren viele Anrufe von besorgten Kunden, sagte LBB-Sprecherin Pries. Der Bank lägen keine Hinweise auf einen Zusammenhang von Kartenmissbrauchs-Fällen und dem verlorenen Paket vor. "Wir unterstützen die Polizei bei den Ermittlungen", so Pries. Auch bankintern seien "alle möglichen Stellen" mit der Klärung des Vorfalls beschäftigt.
Entsetzt zeigt sich der Fachverband für multimediale Informationsverarbeitung (FMI) über das Datenleck beim Finanzdienstleister Atos Worldline. Die "Schlamperei ruiniert den Ruf einer ganzen Branche", sagte Achim Carius, FMI-Geschäftsführer, der FR. Die Herstellung von Mikrofiches erfordere spezielle Geräte. Die Investitionskosten für die Geräte "liegen im fünf- bis sechsstelligen Bereich", weiß Carius.
Datenschutzgesetze schreiben eine "lückenlose Dokumentation" des Herstellungsprozesses von Mikrofilmen und -fiches vor. Damit lasse sich jederzeit exakt der Mitarbeiter feststellen, der einen bestimmten Datensatz bearbeitet hat, sagte Carius. Auch der Transport der Mikrofiches sei durch Gesetze "streng geregelt", die Filme oder Folien würden in speziellen Behältern verschickt. Dass die Fiches bei der FR in einem Pappkarton angekommen sind, sei "abenteuerlich". Kuriere, die die Container transportieren, müssen laut Carius immer "auf den Datenschutz verpflichtet" werden. Das gelte auch für Subunternehmen.
Atos müsse also wissen, wer die Kreditkarten-Daten, die der FR zugespielt wurden, bearbeitet habe, so Carius. Allerdings gehöre Atos Worldline nicht dem Fachverband an, der bundesweit rund 45 Spezialbetriebe vertritt. "Atos Worldline stellt die Mikrofiches in Frankfurt am Main selbst her, sagte LBB-Sprecher Marcus Recher der FR am Montag Abend. Das habe Atos gegenüber der LBB bestätigt.
Der Automobilclub ADAC will die Kreditkarten von betroffenen Kunden kostenlos austauschen, die er als Großkunde der LBB vermittelt hat, sagte ein Sprecher der dpa.
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