Das Ansehen der Demokratie bröckelt, das Vertrauen in die soziale Sicherung sackt auf Rekordtief, das Interesse an Politik schwindet in freiem Fall und Karl Marx erlebt eine Renaissance - so jedenfalls liest sich die aktuelle Ausgabe des "Datenreport 2008", in dem Statistisches Bundesamt und Sozialforscher den Deutschen den Puls fühlen.
Das vielleicht überraschendste Ergebnis der Studie, die sich auf Befragungen und Daten aus 2006/2007, also weit vor der aktuellen Finanzkrise, bezieht: 74 Prozent der Ostdeutschen, aber auch 47 Prozent der Westdeutschen meinen, der Sozialismus sei "eine gute Idee, die schlecht ausgeführt wurde". In der Berufsgruppe der Selbstständigen bejaht sogar auch jeder zweite "Wessi" die These von der gut gemeinten aber schlecht gemachten sozialistischen Idee.
Die Bundesbürger halten die Demokratie nach wie vor für die beste Staatsform. In der Praxis jedoch outen sie sich als Demokratiemuffel Europas. Zwar bejahen 89 Prozent der Westdeutschen und 63 Prozent der Ossis die Demokratie ausdrücklich. Doch auf der Skala, wie zufrieden sie sind mit der Demokratie im eigenen Land, stufen sich die Bundesbürger auf Platz 14 der westeuropäischen EU-Staaten und damit im unteren Drittel ein. Fragt man nur die "Ossis", landet Deutschland im Demokratie-Ranking sogar knapp vor Portugal auf dem vorletzten Platz.
Eine "besorgniserregend niedrige Demokratiezufriedenheit" beobachten die Autoren des Datenreports vor allem bei unteren Einkommensschichten. Der Befund drohe zum "Risiko- und Konfliktpotenzial für die Demokratie werden", warnen die Wissenschaftler. Der Frust über die demokratische Praxis sei sogar noch größer als der über das seit Jahren nicht gestiegene Haushaltseinkommen und die weiter auseinanderdriftende Schere zwischen Arm und Reich, so der Report.
Besonders pessimistisch beurteilen die Deutschen ihre wirtschaftliche und soziale Perspektive. Nicht einmal ein Drittel glaubt, dass es ihnen in fünf Jahren besser gehen wird. Wenig Vertrauen haben die Deutschen vor allem in ihre Altersversorgung. Nur ein Viertel glaubt, dass die Rente sicher ist. Obwohl Deutschland fast 30 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für soziale Ausgaben ausgibt und jeder zehnte staatliche Leistungen bezieht, ist die Zufriedenheit mit dem Sozialsystem so gering wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.
Am ehesten sind doch die Älteren mit sich und ihr sozialen Situation im Reinen. Bei den Jüngeren hingegen regieren Frust und Verunsicherung. Besonders die unter 40-Jährigen, die künftig hohe Belastungen im sozialen Sicherungssystem zu tragen haben, rufen nach mehr Staat bei der Bewältigung der Probleme. Zugleich ist bei den unter 29-Jährigen das Interesse an Politik so niedrig wie bei keiner anderen Altersgruppe. In Westdeutschland, so registriert der Report, liegt das politische Interesse der Jüngeren sogar zehn Prozent unter dem der Älteren, so tief wie noch nie gemessen.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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