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07. Oktober 2015

David Berger: Die Angst im Vatikan vor der Homosexualität

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Die katholische Kirche kann sich vor der Debatte über schwule Priester nicht mehr verschließen.  Foto: dpa

Der schwule Theologe David Berger spricht im Interview über das Outing des schwulen Geistlichen Krzysztof Charamsa und über Homosexuelle im Vatikan. Die Segnung homosexueller Paare lehnt Berger jedoch ab.

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Herr Berger, der Vatikan hat den schwulen Geistlichen Krzysztof Charamsa nach seinem Coming-out – weltlich gesprochen – fristlos entlassen. Wird dieses Krisenmanagement greifen?
Im Versuch, Stärke zu demonstrieren, zeigt der Apparat in Wahrheit seine Schwäche und seine Verwundbarkeit. Die große Rechtstradition der katholischen Kirche, auf die sie eigentlich stolz sein könnte, ist in dem Augenblick nichts mehr wert, in dem die nach außen abwehrende Haltung zur Homosexualität als Lebenslüge offensichtlich wird.

Die Reaktion fiel heftig aus, weil Charamsa mit der Terminwahl unbotmäßig Druck auf die zeitgleich beginnende Bischofssynode ausgeübt habe. Was ist von dieser Kritik zu halten?
Ich kenne Charamsa aus früheren Zeiten, als ihm seine Mentoren eine „große Zukunft in der Kirche“ voraussagten, was er jetzt auf eine ganz eigene Weise bestätigt hat. Er ist ein kluger Kopf, der sein Coming-out natürlich genau platziert hat. Trotzdem könnte sein Schritt für die Synode sogar kontraproduktiv sein. Bei den homophoben Gegnern jeglicher Veränderung der kirchlichen Positionen hat das bereits zu nochmaliger Verhärtung geführt: „Jetzt erst recht nicht! Wir lassen uns von diesem Homo doch nicht erpressen.“ Und den Anschein der Erpressbarkeit wollen sich auch die nicht geben, die reformwillig sind.

Gerade war im Zitat von „dem“ einen Homo die Rede. Sie selber sprechen aber von 50 Prozent schwulen Priestern im Vatikan. Was helfen solche Zahlen?
Sie geben einfach die Wirklichkeit wieder. Und jeder, der näher mit dem Klerus in der Kurie zu tun hat, weiß das. Der Schuss kann allerdings in zwei Richtungen losgehen: Die Angst vor der „Homolobby“ im Vatikan könnte zu noch mehr Verdrängung führen. Oder, zweite Möglichkeit, es setzen sich diejenigen durch, die das System der Doppelmoral und Scheinheiligkeit beenden wollen, weil es der Kirche schadet.

Was will die „Homo-Lobby“ denn selbst?
Lobby ist eigentlich das falsche Wort. „Netzwerk“ passt besser. Die schwulen Kleriker im Vatikan, wie ich sie kennengelernt habe, wollen gar keine Interessenvertretung sein, sondern suchen nur Wege, ihre Sexualität möglichst unentdeckt ausleben zu können – bis hin zu einer bestens organisierten Versorgung mit Strichern für die speziellen Wünsche der Herren Prälaten über das Internet.

Dr. David Berger (Theologe und Autor).  Foto: imago stock&people

Nun sorgt ausgerechnet ein Priester für Wirbel, der bisher als sehr konservativ und linientreu galt. Ein Zufall?
Über die Anziehungskraft der katholischen Kirche auf schwule Männer brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren. Das ist allzu offensichtlich. Die Lust an der Inszenierung, dieser ganze Gewänder-Fetischismus – das alles ist allerdings bei den Konservativen besonders stark ausgeprägt. Darum ist der Vatikan das ideale Biotop für diese Leute, während die – nennen wir sie – Liberalen darauf weniger abfahren. Man braucht nur den pompösen Operetten-Katholizismus im Erscheinungsbild Papst Benedikts XVI. mit dem Auftreten von Papst Franziskus zu vergleichen, um den Unterschied festzustellen.

Apropos Unterschied: Auf der Synode pochen afrikanische Bischöfe darauf, dass gelebte Homosexualität nicht in ihre Kultur passe und nur das dekadente Import-Produkt eines neuen Kolonialismus westlicher Kirchen sei. Damit scheint jeglicher Wandel ausgeschlossen zu sein.
Das Argument ist schlau: Man schlägt die Progressiven mit ihren eigenen Waffen, indem man auf die Pluralität kultureller und sozialer Prägungen pocht. Und das ist ja nicht verkehrt. Deswegen bin ich zum Beispiel dagegen, dass ein Priester in Rom darüber bestimmt, ob eine Nonne in Afrika zur Aids-Prävention Kondome verteilen darf. Weil sie in komplett verschiedenen Situationen sind.

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Was hieße das für die Haltung der Kirche zur Homosexualität?
Zum einen, dass sie niemals die Verfolgung und Bedrohung bis hin zur Todesstrafe für Homosexuelle akzeptieren darf, nur weil das in einem Land eben „so üblich“ sei. Zum anderen aber müsste die Kirche nicht gleichzeitig und überall auf der Welt die Segnung schwuler und lesbischer Paare einführen. Würde die Synode oder der Papst tatsächlich das Unmögliche beschließen, wäre eine Kirchenspaltung die Folge.

Ein Preis, der Ihnen zu hoch ist?
Ja, mit Blick auf das große Ganze. Nicht alles in der Kirche steht und fällt mit den Rechten für Homosexuelle.

Interview: Joachim Frank

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