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01. März 2015

DDR: Die kriminelle Energie der Treuhand

 Von 
Protest vor SKET-Schwermaschinenbau in Magdeburg 1992 gegen die Abwicklung durch die Treuhand.  Foto: dpa

Man kann die kriminelle Energie, die die Treuhand an sich zog, kaum überschätzen. Mit dem Ende der DDR wurde ihr gesamtes Volksvermögen verramscht – die Treuhand half mit, wo sie konnte.

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Am 1. März 1990 beschloss der Ministerrat der DDR die Gründung der „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“. Die Modrow-Regierung war am 13. November 1989 gebildet worden und noch bis zum 12. April im Amt. Aufgabe des neu gegründeten Unternehmens sollte die Entflechtung der Kombinate sein, die Bildung von Kapitalgesellschaften, die Verhinderung der Verschleuderung der Vermögen und die Erhaltung möglichst vieler Arbeitsplätze. Am 1. Juli 1990 waren der Treuhand etwa 8500 Betriebe unterstellt mit mehr als vier Millionen Arbeitern und Angestellten. Dazu kamen 2,4 Millionen Hektar Land, das Vermögen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit, Liegenschaften der Nationalen Volksarmee und andere Immobilien.

Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 kamen auch die Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der Ex-DDR unter Treuhand-Aufsicht. Die Treuhand war für kurze Zeit das größte Kombinat, das die DDR je hatte. Das Wirtschaftssystem, das sie auflösen sollte, lebte in der zentralistischen Lenkungsstruktur der Treuhand fort.

Nach der Wiedervereinigung wurde an den offiziellen Zielen der Treuhand nichts geändert. Es ging weiter darum, die Betriebe möglichst teuer zu verkaufen und Arbeitsplätze zu erhalten. In der Praxis aber kam es dank der Maxime „schnell privatisieren“ zu einer Schnäppchenjagd, bei der eine ganze Generation von Raubrittern, flankiert von Anwälten und „Beratern“, sich bereicherte.

Dass die Treuhand in zahllosen Fällen weder die Bonität der Käufer noch die Einhaltung der Verträge überwachte, ist aktenkundig. Es gibt allerdings – soweit ich sehe – bis heute keine Studie, die sich den aus der Vereinigungskriminalität von Tausenden oder Zehntausenden und den persönlichen Anstrengungen von Millionen entstandenen neuen Mittelstand der ehemaligen DDR angesehen hat. Wir waren dabei, wie eine neue Gesellschaft entstand. Wir wissen aber viel zu wenig darüber, wie das geschah.

Das von der Treuhand verwaltete Volksvermögen bezifferte der damalige Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder auf etwa 600 Milliarden DM. Die Einnahmen der Treuhand beliefen sich bis Ende 1994 auf 60 Milliarden DM. Die Ausgaben dieses Kombinats zur Abschaffung der Kombinate lagen bei 300 Milliarden DM. Die Treuhand war so gerechnet eine gewaltige Fehlinvestition.

Verfehlte Ziele

Das andere Unternehmensziel – die Verhinderung oder doch wenigstens Minimierung der Arbeitslosigkeit – wurde ebenso verfehlt. Es gibt zwar keine überprüfbaren Zahlen. Das liegt aber nicht zuletzt daran, dass weder die Treuhand noch sonst jemand systematisch überprüfte, was von den Beschäftigungsversprechen der Käufer nach einem Monat, nach zwei Monaten oder gar Jahren übrig blieb. 1992 jedenfalls gab es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine Arbeitslosigkeit von 14,2 Prozent. Die Proteste blieben nicht aus – waren aber meist wirkungslos. So auch die spektakuläre Betriebsbesetzung der Kali-Arbeiter im thüringischen Bischofferode im Sommer 1993.

Am Ende ihrer Arbeit am 31. Dezember 1994 hatte die Treuhand das von ihr verwaltete Vermögen zu etwa fünf Prozent über Management Buy Out oder Genossenschaften an ehemalige Bürger der DDR verkauft, zu zehn Prozent an internationale Investoren und zu 85 Prozent an Westdeutsche. Eine Eigentumsübertragung wie man sie selten in der Weltgeschichte findet. Man kann sich nur wundern darüber, dass das Gefühl, von einer Besatzungsmacht ausgenommen worden zu sein, nicht weiter verbreitet war. Auch das ist Verdienst der Treuhand. In der öffentlichen Debatte verkörperte sie den Ausverkauf der DDR. Alle Augen starrten auf sie. Über sie wurden dutzendweise Bücher geschrieben sowie wütende Dokumentarfilme, hinreißende Satiren gedreht. Die Treuhand war der Beelzebub, auf den eingedroschen wurde. Sie war das Hassobjekt, die Zielscheibe. Am 1. April 1991 wurde Detlev Karsten Rohwedder, der dritte Chef der Treuhand, ermordet.

Kurz zuvor hatte Rohwedder erklärt, die Anstalt müsse einen Kurswechsel vornehmen. Man dürfe nicht alles privatisieren, sondern mehr in Formen des Gemeineigentums überführen. Rohwedder hatte auch im März 1991 vor Betriebsräten erklärt: „Die Treuhand-Anstalt ist hilflos gegenüber diesem Tornado an Kritik und der Vielzahl von Vorwürfen, die überwiegend berechtigt waren.“ Berechtigt!

Heerschar von Glücksrittern

Man kann die kriminelle Energie, die die Treuhand an sich zog, kaum überschätzen. Innerhalb von vier Jahren wurde ein ganzer, freilich weitgehend marode gewordener Industriestaat abgewickelt. Das musste eine Heerschar von Glücksrittern anlocken.

Das führte bei den Mitarbeitern der Behörde selbst aber auch zu einem rapiden Abbau des kaufmännischen Verstandes. Der erste westdeutsche Chef der Treuhand, Reiner Maria Gohlke, erkannte das sofort. Er hatte seinen Dienst am 16. Juli 1990 angetreten. Am 20. August trat er zurück. Seine später vorgetragene Begründung sagt alles über die Arbeitsweise – sagen wir ruhig: die Arbeitsmoral – der Treuhand: „Ich wollte nicht jede halbe Stunde irgendeine Milliarde unterschreiben und dann zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen.“

Man kann sich nicht ernsthaft hinstellen und die Treuhand preisen. Man kann sie aber auch nicht einfach schmähen. Was wäre die Alternative gewesen? Sich Zeit nehmen? Das entscheidende Wort dazu sprach Helmut Kohl. Es lautete 1 Mark der DDR ist 1 DM. Von da an war klar: Die Vereinigung wird teuer. Hätte man die Ex-DDR in eine Wirtschaftszone verwandelt zum Beispiel mit DDR-Löhnen – vielleicht hätte es beim Übergang weniger Arbeitslose gegeben. Aber Deutschland wäre ganz sicher kein einig Vaterland geworden. Das Gefühl der Erniedrigung wäre noch stärker gewesen, die Abwanderung größer.

Viele Verbrechen der Treuhand waren eine Konsequenz ihrer Konstruktion, ihrer Aufgabenstellung – und Teil ihres Auftrages. Es wäre gut, einmal einen Blick auf die anderen Volksrepubliken zu werfen und auf die Verfahren, mittels derer sie herausfanden aus der Kommandowirtschaft. Oder auch nicht herausfanden. So gesehen haben wir wieder mal Glück gehabt.

Die Wiedervereinigung bescherte der bundesrepublikanischen Wirtschaft einen Boom, der sie hinwegtäuschte über die Herausforderungen der Globalisierung. Das war ein Nachteil, aber zumindest die Geschäftsbücher wurden noch einmal gefüllt. Diese Polster halfen über die ersten Schwierigkeiten hinweg. Das gilt nicht nur für „die Wirtschaft“. Die Prosperität – während die Welt ringsum sich von Problemen bedroht sah – gab den Bundesbürgern ein Selbstvertrauen, das ihnen half, die sozialen Einschnitte der Agenda 2010 zu verdauen.

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