München. Der Sitzungssaal 101/1 ist der größte, den sie im Münchner Justizzentrum haben - doch die Schwurgerichtskammer des Landgerichts München II musste feststellen: Er ist mit 147 Plätzen zu klein für das Interesse am Prozess gegen den mutmaßlichen SS-Helfer Iwan Demjanjuk. Zuschauer aus den USA, Israel und den Niederlanden sind gekommen, 211 Journalisten akkreditiert.
Viele müssen in einen anderen Saal, der Prozess wird per Video übertragen. Bitten von Besuchern, die vor Saal 101/1 nächtigen wollten, um einen Platz zu ergattern, wurden aus Sicherheitsgründen abgelehnt.
Im Rollstuhl wird John Demjanjuk endlich hereingerollt. Eine Stunde verspätet beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher. Der 89-jährige gebürtige Ukrainer hat den Kopf weit zurückgelehnt, das blaue Käppi sitzt schief auf dem Kopf, die Augen hält er geschlossen - reglos lässt er zum Prozessauftakt das minutenlange Blitzlichtgewitter über sich ergehen.
Als im Dezember 1966 elf ehemalige SS-Wachleute aus dem Konzentrationslager Sobibór verurteilt wurden, war die Aufmerksamkeit weit geringer. Ein Urteil lautete damals auf lebenslang: SS-Oberscharführer Karl Frenzel galt als "Exzesstäter", der das Maximum des vom Regime Verlangten getan und dazu aus eigenem Antrieb getötet habe. Fünf Angeklagte mussten zwischen drei und acht Jahre hinter Gitter.
Fünf niedere Chargen sprach das Landgericht Hagen ganz frei: Sie hätten widerstrebend mitgewirkt und nur, weil sie glaubten, sonst ihr Leben zu riskieren - wenn auch irrig. Einer von ihnen war laut Anklage gegen Demjanjuk dessen Vorgesetzter: Erich Lachmann, als SS-Unterführer für die nichtdeutschen SS-Helfer in Sobibór verantwortlich.
Antrag auf Befangenheit
Demjanjuk ist der erste Angeklagte, der in Deutschland nicht wegen konkreter Mordtaten, sondern ausschließlich deshalb verurteilt werden soll, weil er als SS-Helfer in einem Konzentrationslager am Holocaust mitwirkte. US-Gerichte erklärten den Einsatz des gebürtigen Ukrainers in Sobibór für erwiesen und nahmen ihm seinen US-Pass auf den Namen John Demjanjuk ab. Weil die Ukraine ihn nicht wollte, wurde er im Mai nach Deutschland abgeschoben. Das Landgericht München II bekam den Prozess zugewiesen, weil Demjanjuk vor der Ausreise 1952 in Bayern lebte.
Verteidiger Ulrich Busch stellt gleich zu Beginn einen Antrag auf Befangenheit von Gericht und Staatsanwaltschaft. Deutsche SS-Männer seien in deutschen Prozessen mit Freispruch davongekommen, unter Berufung auf den Befehlsnotstand. "Man fragt sich, wie kann es sein, dass Vorgesetzte und Befehlshaber unschuldig sind, der Untergebene aber schuldig?" Demjanjuk sei Opfer wie die Nebenkläger.
Wegen der angeschlagenen Gesundheit des Angeklagten darf nur zwei Mal 90 Minuten verhandelt werden. Demjanjuk hält die ganze Zeit die Augen geschlossen, die blaue Decke rutscht von seinen Händen, gelegentlich geht der Mund auf. Döst er, atmet er, flüstert er? Ein Gutachter bescheinigt ihm zu Prozessbeginn erneut Verhandlungsfähigkeit.
Hauptbeweisstück ist ein Dienstausweis. Ihm zufolge war Demjanjuk von März bis September 1943 in Sobibór eingesetzt. Die Anklage lautet auf Beihilfe zum Mord in mindestens 27900 Fällen - so viele Juden wurden in diesen sechs Monaten in Sobibór nachweislich ermordet. Anders als etwa in Auschwitz gab es dort kein Arbeitslager, deshalb, so die Anklage, waren alle Aufseher auch an den Morden beteiligt.
Doch genau das wird einer der Knackpunkte sein. Die Staatsanwaltschaft hat wohl keine Zeugen gefunden, die Demjanjuk mit dem Morden in Verbindung bringen können. In der Revision des Sobibór-Prozesses der 60er Jahre befand ein Gutachter 1983, Demjanjuk sei als Zeuge ungeeignet: Er sei nur in der Außensicherung des Lagers eingesetzt gewesen.
Hatte Demjanjuk eine Wahl?
Eine weitere Hürde für die Anklage: Demjanjuks Anwalt Ulrich Busch macht geltend, dass sein Mandant bereits in Israel mehr als sieben Jahre in Haft saß. Diese müsse auf eine eventuelle deutsche Strafe angerechnet werden - weil aber mehr als sieben Jahre Gefängnis nicht zu erwarten seien, sei Demjanjuk freizulassen.
Demjanjuk stand in Israel nicht als Wachmann aus Sobibór vor Gericht. Er wurde 1981 aus den USA abgeschoben und 1988 in Jerusalem zum Tode verurteilt, weil er als "Iwan der Schreckliche" im Lager Treblinka Häftlinge gefoltert haben sollte; Sobibór spielte nur eine Nebenrolle. 1993 hob der Oberste Gerichtshof Israels das Urteil auf: Nach dem Ende des Kalten Krieges fanden sich in sowjetischen Archiven Protokolle der Aussagen von 21 Wärtern aus Treblinka, die einen Iwan Martschenko beschuldigten.
Demjanjuk war also nicht "Iwan der Schreckliche" aus Treblinka. Aber hat er wirklich, wie er behauptet, von 1942 bis 1944 im Kriegsgefangenenlager Chelm gesessen? Einem Lager, in dem viele Gefangene schon nach Wochen vor Hunger und Entkräftung starben? Dessen Name ihm in seinem Jerusalemer Prozess einmal partout nicht einfallen wollte?
Die Ankläger glauben, dass Demjanjuk in Chelm als SS-Helfer rekrutiert, im nahen Trawniki ausgebildet und dann in Sobibór eingesetzt wurde. Welche Wahl er hatte, welche Strafe ihm gedroht hätte, wenn er desertiert wäre: Auch das muss das Gericht behandeln. Zweimal 90 Minuten Verhandlung am Tag sind dem 89-jährigen Angeklagten zuzumuten, sagen die Ärzte. Der Prozess wird sich ziehen.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.