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Politik
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03. Januar 2016

Demographie : Deutschland wächst - gegen alle Prognosen

 Von 
Das erste Baby der Neujahrsnacht 2016 - die Geburtenrate in Deutschland steigt entgegen der vergangenen Prognosen.  Foto: dpa

Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert? Von wegen: Demoskopen haben die Zuwanderung genauso unterschätzt wie die Zahl der Geburten.

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Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Das Karl Valentin zugeschriebe Bonmot bewahrheitet sich dieser Tage wieder einmal. Prognosen, deren Eintreffen noch vor wenigen Jahren unvermeidlich schien, erweisen sich als Makulatur. Das gilt insbesondere für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, die seit Jahrzehnten scheint’s unumkehrbar nur eine Richtung kannte: Das Volk, es schrumpft und altert.

In der 9. „Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ von 1999 ermittelte das Statistische Bundesamt für das Jahr 2050 eine Bevölkerung von höchstens 70 Millionen Menschen in Deutschland, wobei optimistische Annahmen zur Zuwanderung, Geburtenzahl und Lebenserwartung zugrunde lagen. In einem weniger günstigen Szenario errechneten die Statistiker, dass die Zahl der Menschen sogar auf unter 60 Millionen sinke. Zugleich werde sich der Anteil der über 60-Jährigen im Verhältnis zur erwerbsfähigen Bevölkerung verdoppeln, so dass 2050 auf 100 Personen im Erwerbsalter 80 Rentner und Pensionäre kommen würden. „Demographische Entwicklung“ und „Alterung der Gesellschaft“ wurden nach der Jahrtausendwende zu Synonymen.

Statistik

Acht Varianten rechnet das Statistische Bundesamt mittlerweile durch, um die Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2060 zu ermitteln. Dabei werden langfristige Zuwanderungsüberschüsse von 100 000 oder 200 000 Personen pro Jahr angenommen, Geburtenraten von 1,4 oder 1,6 Kindern pro Frau, sowie ein Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung bis 2060 auf 84,8 für Jungen und 88,8 für Mädchen oder auf 86,7 Jahre (Jungen) und 90,4 Jahre (Mädchen).

Je nach Kombination kommen die Statistiker für 2060 auf eine Bevölkerung zwischen 67,56 und 78,61 Millionen. Bei einem jährlichen Zuwanderungssaldo von 300 000 und unter ansonsten günstigen Annahmen bliebe die Zahl der Menschen hingegen stabil bei rund 82 Millionen. sts

Düstere Szenarien folgten, von verwaisten Kindergärten und schließenden Schulen, verlassenen Landstrichen und leerstehenden Stadtquartieren, von gravierendem Arbeitskraftmangel und überlasteten Rentenkassen. Schon sehr bald würde der Beitragssatz zur Rentenversicherung unausweichlich die 20-Prozentmarke überspringen, sagten Experten voraus, um dann ebenso unausweichlich weiter anzusteigen. Das Ifo-Institut berechnete 1997 für das Jahr 2035 einen Rentenbeitragssatz von über 30 Prozent. Auf Grundlage solcher Prognosen wurden die Rentenreformen der Agenda 2010 und die Rente mit 67 durchgesetzt.

Heute zeigt sich: Das war Schwarzmalen mit Zahlen. Deutschland schrumpft nicht, es wächst. Und das nicht erst in diesem Jahr und der vielen Flüchtlinge wegen, sondern schon seit 2011. Damals hatte die Volkszählung noch eine um 1,5 Millionen nach unten korrigierte Einwohnerschaft von 80,2 Millionen ergeben, was die These vom Bevölkerungsschwund zu stützen schien. 2014 lebten aber bereits 81,2 Millionen Menschen im Lande. Und Ende 2015 werden es wohl an die 82 Millionen sein, Trend: weiter steigend. Das Institut der Deutschen Wirtschaft geht in einer aktuellen Bevölkerungsberechnung von bis zu 85 Millionen Einwohnern im Jahr 2020 aus und leitet daraus einen Bedarf von mindestens 400 000 Wohnungen ab, die jährlich neu gebaut werden müssten. Leerstand? Gibt es. Aber das größere Problem ist der Wohnungsmangel.

Geburtenrate steigt wieder

Neben den vielen Zuwanderern aus EU-Ländern und den seit kürzerem einwandernden Flüchtlingen tragen auch steigende Geburtenraten zum Wachstum bei. 2011 kamen 661 000 Kinder in Deutschland zur Welt. 2014 waren es 715 000. Hatte die Geburtenziffer pro Frau 2011 noch bei 1,39 gelegen, so stieg sie nach Angaben des Statistischen Bundesamts auf 1,47 im zu Ende gegangenen Jahr. Auf mittlere Sicht hält der Bremer Familiensoziologe Johannes Huinink sogar einen Schnitt von 1,7 Kindern für realistisch, gute Betreuungsangebote und eine familienfreundliche Unternehmenspolitik vorausgesetzt.

Was bedeuten all diese Entwicklungen für die aktuellen Prognosen? In der 13. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, die im Sommer veröffentlicht wurde, haben die Statistiker für 2050 bereits deutlich höhere Bevölkerungszahlen ermittelt als noch 1999. Sie gehen dabei von einer zunächst weiterhin hohen Zuwanderung aus, die sich ab 2020 aber wieder „normalisiert“ und sich auf einen Überschuss von 100 000 oder 200 000 Zuwanderern einpendelt. Je nach angenommener Geburtenrate und Lebenserwartungsanstieg kommt das Amt im ungünstigsten Fall nunmehr auf eine Bevölkerung von 71,9 Millionen im Jahr 2050, unter optimistischen Annahmen auf 80 Millionen Menschen. Selbst diese Berechnung könnte sich aber als zu konservativ erweisen. Der Sozialökonom Stephan Sievert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung etwa plädiert dafür, künftig einen jährlichen Zuwanderungsgewinn von 300 000 Menschen in den Berechnungen des Statistischen Bundesamts zugrunde zu legen. „Diese Annahme ist nicht weniger plausibel als die 100 000 Netto-Zuwanderer pro Jahr, die das Bundesamt immer noch für eine ihrer beiden Hauptvarianten verwendet“, sagt er. Die Statistiker sollten daher künftig auch ein Plus von 300 000 als Hauptvariante durchrechnen. Das ist, im Rahmen einer Modellkalkulation des Statistikamtes, tatsächlich bereits geschehen, mit frappierendem Ergebnis: Im Falle eines dauerhaft positiven Zuwanderungssaldos von 300 000 Personen pro Jahr ginge die Bevölkerung selbst unter ansonsten ungünstigsten Annahmen bis 2050 nur auf 79,5 Millionen zurück. Unter günstigen stiege sie hingegen auf 84 Millionen an.

Pyramide und Urne

Die „Bevölkerungspyramide“ stellt graphisch die Altersverteilung dar. Im Jahr 1900 hatte sie die Form eines wohlgestalten Weihnachtsbaums: Unten, im Bereich der Neugeborenen, schön breit, und dann, mit jedem älteren Jahrgang , nach oben hin sich verjüngend, bis hin zur haarfeinen Spitze der 100-Jährigen.

Bis 2060, so sagen es die Demografen voraus, wird aus der Pyramide eine Form, die am ehesten an eine Urne erinnert: Unten schmal, oben etwas breiter, ganz oben wieder zusammenlaufend. Mittlerweile ist diese Form zum Sinnbild einer vergreisenden Gesellschaft geworden, die Pyramide gilt dagegen als Ideal. Völlig zu Unrecht, findet der Bevölkerungsstatistiker Gerd Bosbach. Denn die Pyramide von 1900 weise auf eine sehr hohe Sterblichkeit im Kindes- und Jugendalter hin, die sich in den älteren Jahrgängen fortsetze und unter dem Strich eine sehr niedrige durchschnittliche Lebenserwartung ergebe. Ideal? Ist anders. sts

All diese Zahlen ändern zwar nichts daran, dass die Bevölkerung altert. Die geburtenstarken Babyboomer treten demnächst unabweisbar in den Ruhestand, und auch der Pillenknick lässt sich nicht mehr revidieren. Die neuen Berechnungen machen aber deutlich, wie sehr die alten daneben lagen. Und dass sie eben nur dies sind: Berechnungen, die vergangene Entwicklungen in die Zukunft projizieren, und die auf Basis unterschiedlicher Annahmen zu mehr oder minder wahrscheinlichen Szenarien führen.

Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass die Unwägbarkeiten zunehmen, je weiter die Prognosen in die Zukunft reichen. Daher sind Bevölkerungsberechnungen über Zeiträume von 30, 40 oder gar 50 Jahren nach Ansicht von Gerd Bosbach, Statistik-Professor an der Hochschule Koblenz, das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Bosbach unterlegt sein Argument mit einem Blick auf die Adenauer-Ära: 1960 war der millionenfache Zuzug von Gastarbeitern ebenso wenig vorhersehbar wie der Siegeszug der Antibabypille, von der Wiedervereinigung Deutschlands und der Ankunft von drei Millionen Aussiedlern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu schweigen. Dabei waren diese unerwarteten Entwicklungen für die Bevölkerungszahl von zentraler Bedeutung, so Bosbach. Weitreichenden Vorausberechnungen sei daher zu misstrauen, insbesondere dann, wenn sie Angst erzeugten, um dann politische Reformen gegen die vermeintliche Bedrohung ins Werk setzen zu können. Was bleibt, ist eine Erkenntnis, die neben Karl Valentin auch Mark Twain, Winston Churchill und Kurt Tucholsky zugeschrieben wird, also in jedem Fall wahr sein muss: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

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