Mario Salgado macht mit Daumen und Zeigefinger das Pistolenzeichen und sagt: "Pum, pum, pum." Dann bürstet er weiter die Schuhe eines Kunden. "Jeden Tag haben wir hier inzwischen sieben, acht Tote." Salgado, Baseballmütze auf dem Kopf, blaue Schürze über dem runden Bauch, ist 52 Jahre alt. Sein halbes Leben sitzt er schon an der Plaza de Armas von der nordmexikanischen Stadt Chihuahua und putzt Schuhe. "Diese Gewalt ist völlig neu", sagt er und deutet mit der Schuhbürste auf die Kreuzung vor dem Rathaus: "Da haben neulich zwei auf einem Moped am helllichten Tag einen Passanten umgelegt. Pum, pum, pum - und weg waren sie."
Es ist ein sonniger Sonntagmittag im März. Familien laufen zur Messe in die Kathedrale, im Pavillon auf der Plaza spielt ein Jugendorchester. Wenige Stunden später werden ein paar Kilometer vom Zentrum entfernt Auftragsmörder vier Jugendliche an einer Tankstelle aus ihrem Auto zerren, sie auf die Knie zwingen und mit mehreren Salven aus Sturmgewehren hinrichten. Polizisten werden später Hunderte Patronenhülsen sicherstellen, und anderntags werden die Zeitungen von 18 Toten im Drogenkrieg berichten und dem blutigsten Wochenende in der Geschichte der Stadt.
Nachts stirbt das Leben
Chihuahua ist erst seit Anfang März Kampfzone im Drogenkrieg. Die Hauptstadt des größten mexikanischen Bundesstaats, auch er heißt Chihuahua, wurde praktisch über Nacht Schauplatz im Krieg der Kartelle untereinander und gegen den Staat. Der mexikanische Präsident Felipe Calderón hatte fast zehntausend Soldaten und Bundespolizisten in die Grenzstadt Ciudad Juárez entsandt. Die Stadt , 400 Kilometer nördlich von Chihuahua, liegt dem texanischen El Paso gegenüber. Sie war mehr als ein Jahr lang Hauptfront im verbissenen Kampf der Kartelle um die Macht auf den Drogenmärkten. 1900 Menschen wurden zwischen Januar 2008 und Ende Februar 2009 allein in der Wüstenstadt erschossen, geköpft oder auf dem Müll verbrannt, was rund einem Drittel aller Morde in Mexiko entsprach. Calderón wusste sich nur noch mit der Besetzung der Stadt durch die Truppen zu helfen.
Die Kartelle stellten in Juárez zwar umgehend das Morden ein, ließen ihre Privatarmeen aber dafür an anderen Orten des Bundesstaats aufmarschieren. Nach einer Zählung der Staatsanwaltschaft stieg in der 800 000-Einwohner-Stadt Chihuahua im Monat März die Zahl der Morde sprunghaft auf 60.
Inzwischen reden Menschen wie der Schuhputzer Mario Salgado vom "Cucaracha-Effekt", dem Kakakerlaken-Effekt. Politiker und Polizisten nehmen das Wort nur ungern in den Mund, weil er für das Scheitern der rein auf Militär-Macht setzende Regierungsstrategie steht.
"Es ist wie beim Kammerjäger und der Küchenschabe. Wenn das Haus ausgeräuchert wird, ziehen die Kakerlaken einfach ein Haus weiter", erklärt Patricia Gónzalez, die Generalstaatsanwältin von Chihuahua, den Cucaracha-Effekt. Nach Ermittlungen ihrer Behörde sind in den vergangenen Wochen fast tausend Kriminelle, vom Dealer bis zum Auftragskiller, nach Chihuahua emigriert. "Diese Zahl von Gewalttaten hier und in den kleinen Gemeinden ist ohne Beispiel", sagt die Juristin, die in ihrem Job als oberste Ermittlerin im Staat mit den meisten Bluttaten Mexikos gelernt hat, auch fürchterliche Dinge noch mit einem gewinnenden Lächeln zu verkaufen. "Aber wir haben im Rest des Staates nicht die entfesselte Gewalt, wie wir sie in Ciudad Juárez gesehen haben."
In der Stadt mit ihren 1,5 Millionen Einwohnern herrscht seit Anfang März eine gespenstische Ruhe. Tag und Nacht patrouillieren Soldaten und Bundespolizisten unter Kapuzen auf den Avenidas und Ausfallstraßen und nehmen jeden fest, der irgendwie verdächtig erscheint. Das öffentliche Leben ist wie erstorben, die Touristen bleiben weg. Nach 20 Uhr ist kaum noch ein Restaurant geöffnet. Händler und Wirte beklagen Umsatzeinbußen von 80 Prozent. Das Töten ist weniger geworden, aber jeder weiß, dass sich das wieder ändert, wenn das Militär abzieht. Denn Ciudad Juárez gilt wie Tijuana, das dem kalifornischen San Diego gegenüberliegt, als Filetstück für die Banden. Wer hier regiert, dominiert die wichtigsten Transitrouten.
Staatspräsident Calderón erklärte bei seinem Amtsantritt im Dezember 2006 den Kartellen den Krieg und hat seither 45 000 Soldaten und Bundespolizisten im ganzen Land stationiert, um mit Waffen Frieden zu schaffen. Doch die Strategie, der Gewalt der Banden mit Gegengewalt zu begegnen, ist gescheitert. Wenn die Justiz Mafiabosse festnimmt, wie kürzlich zwei der Junior-Chefs der Kartelle von Sinaloa und Juárez, werden sie sofort ersetzt. Obwohl Waffen und Drogen sichergestellt werden, gehen die Geschäfte und das Morden weiter. In diesem Jahr haben die Kartelle bereits 1600 Menschen erschossen. Seit Calderón sein Amt antrat, starben im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen 10 000 Menschen.
Die Krake wächst
Edgardo Buscaglia sitzt weit weg von Chihuahua in einem Café in Mexiko-Stadt und rollt mit den Augen, wenn er sich zur Effektivität der Regierungsstrategie äußern soll. "Sie ruft doch genau den Cucaracha-Effekt hervor", sagt der Experte für organisierte Kriminalität und Hochschullehrer an der Hauptstadt-Universität ITAM. Die Soldaten löschten allenfalls lokale Feuer, die aber dann an anderer Stelle wieder aufflammten. "Die Mafia verlagert lediglich ihre Operationsbasis und geht ihren Geschäften weiter nach."
Buscaglia fordert ein radikales Umdenken: "Die Regierung muss auch die Finanznetze der Mafia zerstören und die Korruption in Politik, Justiz und Polizei unterbinden." Unerlässlich sei es, Villen, Firmen und Ländereien ins Visier zu nehmen und zu verhindern, dass aus schmutzigem sauberes Geld wird. "Nur wenn du an ihre Vermögenswerte und Besitztümer gehst, hast du eine Chance, den Krieg zu gewinnen." Aber dies tue die Regierung nicht, weil Politik und Justiz bis in hohe Instanzen von der organisierten Kriminalität unterwandert seien. Wenn man die Regierungsstrategie zu Ende denke, werde irgendwann ganz Mexiko vom Militär besetzt sein. "Dann lassen vielleicht die Morde nach, aber wir haben trotzdem einen Narco-Staat."
Buscaglia nennt Mexiko in einem Atemzug mit Ländern wie Afghanistan, Pakistan und Nigeria und beschwört die Apokalypse: Weite Teile Mexikos seien inzwischen der Kontrolle des Staates entzogen. 17 von 32 Bundesstaaten habe die Mafia gekapert oder sei im Begriff, es zu tun. Drogengeld stecke in 75 Prozent des gesamten Wirtschaftssektors des Landes. "Mexiko als Ganzes ist noch kein gescheiterter Staat. Aber der Weg dahin ist eingeschlagen", sagt der Experte.
Das fürchtet auch Mario Salgado, der Schuhputzer auf der Plaza de Armas in Chihuahua. Und er zieht seine Konsequenzen. "Ich gehe praktisch nicht mehr raus. Eis essen mit meinen Töchtern ist gestrichen", sagt Salgado und verabschiedet den Kunden mit einem Schulterklopfen: "Pass auf Dich auf, es ist hässlich geworden hier."
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