kalaydo.de Anzeigen

Der Fluch des Euro: "Ich habe Angst"

Immer mehr Griechen fürchten den Staatsbankrott - und verfluchen den Euro, mit dem der Ratenkredit hoffähig wurde: Noch mehr fürchten allerdings die Rückkehr der Drachme. Von Gerd Höhler

Proteste gegen die Sparmaßnahmen.
Proteste gegen die Sparmaßnahmen.
Foto: dpa

"Das war kein guter Tag", sagt Lambros Papaioannou und räumt mürrisch die Teller von Tisch sechs ab. Erst vor wenigen Stunden hat die Ratingagentur Standard & Poor’s griechische Staatsanleihen auf Ramschniveau herabgestuft, und Premier Giorgos Papandreou mahnte die Bevölkerung zur Geschlossenheit "in der schwersten Krise seit Jahrzehnten".

Lambros hat keine Aktien, und den Politikern traut er sowieso nicht. Aber längst hat die griechische Schuldenkrise auch seine Taverne "Elia" in Rafina erreicht, einer kleinen Hafenstadt nordöstlich Athens.

Spezial

Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen. Reden Sie mit über Wege aus der Krise

Es ist ein gemütliches Lokal: allerlei Schiffsutensilien und alte Stiche schmücken die Wände, sie zeigen die Akropolis, den Poseidon-Tempel am Kap Sounion und andere antike Stätten. Kleine Öl-Lämpchen flackern auf den Tischen, die mit blau-weiß karierten Tüchern gedeckt sind.

Die Preise sind erschwinglich: vier Euro nimmt der Wirt Lambros für die "choriatiki", den typischen griechischen Landsalat, acht Euro kosten die "keftedakia", die Hackfleischbällchen in Tomatensauce, die Stammkunden besonders häufig bestellen. Aber heute ist nicht viel los, in der "Elia".

Das griechische Debakel mit dem Euro

Bildergalerie ( 10 Bilder )

An Tisch vier sitzen zwei Rentner aus der Nachbarschaft, drüben am Fenster lassen sich vier junge Touristen aus Kanada den Tischwein schmecken, und dann sitzt da noch das junge Paar gleich neben der Küchentür. "Aber die zählen nicht", sagt Lambros, "das ist mein Sohn mit seiner Frau, die essen hier, weil es sie nichts kostet."

Sein Umsatz liege um ein Viertel unter dem des Vorjahres, erzählt der Wirt. "Viele drehen jetzt jeden Euro zweimal um, wegen der Krise. Und wer weiß, was noch auf uns zukommt - vielleicht zahlen wir schon bald wieder in Drachmen", sagt Lambros.

Unterhalb der Taverne liegt der Hafen von Rafina. Hier legen die Fähren nach Andros, Tinos und Mykonos ab. Aber drei Tage lang war diesen Monat der Hafen bereits dicht, Demonstranten des kommunistischen Gewerkschaftsbundes PAME blockierten die Anleger, kein Schiff konnte auslaufen.

"Als wir ankamen, streikten die öffentlichen Verkehrsmittel, dann saßen wir zwei Tage auf Mykonos fest, und jetzt haben wir auch noch unseren Rückflug verpasst", erzählt Cindy aus dem kanadischen Halifax, die mit drei Freundinnen und Freunden in Griechenland Urlaub gemacht hat - zum ersten und letzten Mal, wie sie sagen, nicht nur wegen der Streiks: "100 Euro für ein Zimmer ohne Bad, 18 Euro für eine Liege am Strand: das können wir uns nicht leisten", erklärt Cindys Freund Skyler.

Die nächsten Hafenblockaden plant die Gewerkschaft für den 1. Mai. "Wenn sie jetzt auch noch den Tourismus kaputtstreiken, gehen in Griechenland die Lichter aus", fürchtet der Wirt Lambros. Der 66-Jährige bezieht zwar eine Rente, aber von den 550 Euro kann er nicht leben. "Deshalb führe ich den Laden weiter, so lange es geht", sagt er.

Sich selbst hat Lambros nichts vorzuwerfen, aber er räumt ein: "Nicht nur der Staat hat über seine Verhältnisse gelebt, sondern auch viele Bürger - fragen Sie mal meinen Sohn." Der will zunächst nicht raus mit der Sprache. Loukas ist 34 und Lehrer an einer Oberschule, Sport, Mathematik und Physik. Rechnen müsste er eigentlich können. Aber er gibt zu: "Wir haben uns übernommen."

Knapp 1.400,- Euro netto verdient der Lehrer. Seine vier Jahre jüngere Frau kümmert sich um die kleine gemeinsame Tochter und hat kein eigenes Einkommen. Erst die Hypothek für die Eigentumswohnung, dann der Kredit für das neue Auto, und Ende letzten Jahres der große Flachbild-Fernseher - nach Abzug der monatlichen Ratenzahlungen bleiben dem jungen Paar gerade mal 500 Euro.

Davon müssen Lebensmittel, Strom, Telefon und Kleidung für die dreiköpfige Familie bezahlt werden. Und jetzt wird es noch enger: im April bekam Loukas bereits 90 Euro weniger - ein Ergebnis der Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst, mit denen Finanzminister Giorgos Papakonstantinou den Staatshaushalt sanieren will. "Ich würde auf das Auto verzichten", sagt Loukas, "aber verkaufen kann ich es nicht - ich habe ja erst zweitausend Euro abbezahlt."

Nicht nur der griechische Staat sitzt in der Schuldenfalle sondern auch viele Bürger. "Zu meiner Zeit gab es keine Ratenkredite, und trotzdem habe ich Dich zur Uni schicken können", sagt Lambros. Er glaubt: "Schuld ist der Euro."

Da ist was dran. Vor der Euro-Ära konnten die Griechen nicht nur mit Abwertungen der Drachme ihre Exporte und Tourismus-Dienstleistungen billiger anbieten. Zu Zeiten der inflationären Drachme waren auch Ratenkredite in Griechenland fast unbekannt.

Man sparte, bekam hohe Zinsen von der Bank, und wenn man das Geld beisammen hatte, kaufte man sich eine Waschmaschine oder ein Auto. Der Euro ermöglichte den Griechen plötzlich einen Wohlstand auf Pump, den sie sich mit der Drachme nie hätten leisten können.

Seit der Euro-Einführung hat sich die Summe der Verbraucherkredite von sieben auf 36 Milliarden Euro verfünffacht. Das Bruttoinlandsprodukt nahm im gleichen Zeitraum aber nur um 50 Prozent zu. "Man hat uns die Kredite doch regelrecht aufgeschwätzt", erinnert sich Loukas’ Frau Amalia. "Noch vergangenes Jahr bekam ich an manchen Tagen Anrufe von zwei, drei Banken, die mir günstige Darlehen und neue Kreditkarten andrehen wollten."

Jetzt fürchtet die junge Mutter, dass die Bank die Kreditkarten zurückverlangt, wenn das Telefon klingelt. Eigentlich ist ihr Mann als Lehrer zwar unkündbar. "Aber was bedeutet das heute noch?", fragt die junge Mutter und gesteht: "Langsam bekomme ich richtig Angst."

Immer mehr Griechen haben Angst, immer neue Gerüchte laufen um: dass der Staat schon im Mai keine Renten mehr zahlen könne; dass die Regierung die Bankguthaben beschlagnahmen werde; dass über Nacht der Euro abgeschafft und die Drachme wieder eingeführt werde - die neuen, alten Scheine seien schon gedruckt, heißt es.

Sechs von zehn Griechen, so eine Umfrage, fürchten einen bevorstehenden Staatsbankrott. "Der Euro ist unser Fluch", stellt Schwiegervater Lambros nüchtern fest. Die letzten Gäste sind gegangen. Draußen ziehen drei Straßenmusikanten vorbei. "Jetzt schreiben sie wahrscheinlich, dass es Griechenland zugeht wie auf der Titanic, wo die Kapelle bis zum Untergang spielte", sagt Lambros und knipst das Licht aus. Es ist Mitternacht.

Von Rafina ist es nur ein Katzensprung nach Loutsa. Hier hat der Abend noch gar nicht richtig angefangen. Vor einem der Nachtlokale an der Uferpromenade parken mehrere schwere Geländewagen, darunter gleich zwei schwarze Porsche Cayenne.

Davon soll es in Athen, umgerechnet auf die Bevölkerung, mehr geben als in jeder anderen europäischen Großstadt, Monaco ausgenommen. Der Name des Klubs soll nicht erwähnt werden, und seiner auch nicht, sagt der Besitzer, sonst will er nicht reden. "Sie verstehen, ich bin in einer sensiblen Branche", erklärt der Mittvierziger.

Nennen wir ihn Giannis. Gel hält das schüttere Haar in Form. Die drei oberen Knöpfe des weißen Seidenhemdes sind geöffnet. Eine Goldkette mit Kreuz ziert die gebräunte Brust. Am Handgelenk blitzt eine schwere goldene Rolex. Wie Lambros klagt auch Giannis, aber auf höherem Niveau: "Vor sechs Monaten war der Parkplatz jeden Abend knallvoll, drei Parkwächter hatte ich damals", sagt er und spendiert einen Whisky.

Normalerweise kostet der hier 15 Euro. "Jetzt kommen deutlich weniger Gäste, vor allem unter der Woche", sagt Giannis. Dafür war am vergangenen Samstag die Steuerfahndung da. "Früher kannten wir die örtlichen Finanzbeamten", erzählt Giannis vielsagend und steckt sich eine Zigarre an. Jetzt seien es andere, unbekannte Prüfer gewesen, sagt er nachdenklich. Ob sie etwas zu beanstanden hatten, wird er erst in einigen Wochen erfahren.

Von 1.600 griechischen Nachklubbesitzern meldeten vergangenes Jahr 831 Betriebsverluste. Weitere 361 deklarierten Einkommen von bis zu 15.000 Euro - im Jahr. Kein Wunder, dass sich die Steuerfahnder für die Branche interessieren. "Aber das bringt doch nichts", sagt Giannis und verzieht die Miene, als hätte er in eine Zitrone gebissen, "das verunsichert die Gäste doch nur und stört die Stimmung".

Klar, sagt Giannis, hier werde vielleicht auch manchmal Geld ausgegeben, das nicht versteuert sei. Die Steuerhinterziehung wird in Griechenland auf rund 30 Milliarden Euro im Jahr beziffert, fast 13 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt. "Aber das Geld fließt doch in den Wirtschaftskreislauf zurück", erklärt Giannis. Nach seiner eigenen Steuerklärung befragt, legt Giannis stumm den Kopf in den Nacken und zieht die Augenbrauen hoch, eine Art negatives Nicken - die endgültigste Art, auf Griechisch die Aussage zu verweigern.

Es ist mittlerweile kurz vor eins, aber immer noch verlieren sich in Giannis Nachtklub nur etwa ein Dutzend Gäste. Stimmung will nicht aufkommen, trotz der Musik und der hübschen Kellnerinnen. "Dienstag ist immer ein schwacher Tag", entschuldigt sich der Inhaber. Aber dies ist nicht nur schwacher, es ist ein schwarzer Tag: die Athener Börse ist um sechs Prozent abgestürzt, die Risikozuschläge für griechische Staatsanleihen sind auf ein neues Zwölfjahreshoch gestiegen.

Die Schockwellen reichen bis an die Wall Street und nach Tokio. Statt über ihrem Drink grübeln Giannis’ Stammkunden heute nacht wohl über ihrem Depot.

Autor:  Gerd Höhler
Datum:  28 | 4 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Katholische Kirche und Reformpädagogik unter Druck: Immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs werden bekannt.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!