Bereits einen Tag nach dem Bau der Mauer konnte sich die DDR-Regierung 1961 relativ sicher sein, dass sie von den Westalliierten nichts zu befürchten hatte. Die Welt stand nicht am Rande eines Dritten Weltkriegs, wie verschiedentlich behauptet wurde. Auch die bundesdeutschen Politiker fügten sich rasch der Realität. Das bestätigen Dokumente aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die jetzt bei den Vorarbeiten für die Edition des Jahrgangs 1961 der Berichte der „Zentralen Informationsgruppe“ des MfS im Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde an einem ungewöhnlichen Ort gefunden wurden. Sie lagerten – in einem noch unerschlossenen Teilbestand, der im MfS als Presseausschnittsammlung firmierte.
Noch am Tag des Mauerbaus, dem 13. August 1961, hatte die Stasi geschrieben: „In der ersten offiziellen Reaktion führender politischer Kreise Bonns, Westberlins und der Westmächte wird von schärfsten Protesten gegen die Maßnahmen der DDR und von sogenannten Gegenmaßnahmen gesprochen, jedoch zugleich vor ,Unbesonnenheit’ gewarnt.“ Auch in „führenden Westberliner CDU-Kreisen“ herrsche, so das MfS, „eine gewisse Unsicherheit. Man glaube einerseits nicht mehr daran, dass die ,Berlinkrise’ mit friedlichen Mitteln beigelegt werden kann. […] Andererseits glaube man nicht daran, dass die USA in ihrer Politik in der Westberlinfrage bis zum äußersten gehen würden.“ Ein „Offizier des Bundesnachrichtendienstes“ wird von einer „zuverlässigen Quelle“ mit der Aussage zitiert, „die Amerikaner in Westberlin müssten jetzt zeigen, was ihre Versprechen wert sind. Man müsse jetzt auf alles vorbereitet sein“.
Schon im Laufe des 14. August 1961 wurde die Berichterstattung der Stasi entspannter: Jetzt stellte das MfS die Bereitschaft der Westmächte in Frage, entschlossen gegen den Mauerbau vorzugehen, wie es die Bundesregierung und der Berliner Senat gefordert hatten. Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes hätten die Auffassung geäußert, „dass man sich mit den gegebenen Tatsachen abfinden müsse. Einen Krieg würden die Westmächte auf Grund der Maßnahmen der DDR keinesfalls riskieren“. In einem weiteren Bericht wurde die Information nachgeschoben, dass der US-amerikanische Stadtkommandant von Berlin, Albert Watson, bereits am 13. August bei führenden CDU-Politikern mit einer zynischen Äußerung für Empörung gesorgt hatte: Bei der Grenzschließung – so Watson laut MfS – handle es sich „nur um eine Verkehrsbehinderung innerhalb Berlins“, „von der die Freiheit der Bevölkerung Westberlins nicht betroffen werde“.
Top-Meldungen aus „führenden Westberliner SPD-Kreisen“
Bald verdichteten sich in den Berichten der Staatssicherheit die Hinweise, dass die DDR gar nichts zu befürchten hatte. Dass das MfS „Entwarnung“ geben konnte, lag nicht zuletzt an Top-Meldungen aus „führenden Westberliner SPD-Kreisen“. Bereits am 15. August wusste die Staatssicherheit zu berichten, [Willy] „Brandt habe sich mit den westlichen Kommandanten darüber geeinigt, dass alles unternommen werden soll, um von Westberlin aus keinerlei Anlass für weitere Komplikationen zu geben“. Aus gleicher Quelle meldete das MfS am 17. August, „dass Brandt erstmalig seit längerer Zeit zum Sitz der westlichen Militärkommandanten bestellt und ihm dabei klargemacht wurde, wer in Westberlin zu bestimmen hat. Brandt sei noch einmal darauf hingewiesen worden, dass die Westmächte ,nur ihre Rechte’ in Westberlin verteidigen würden“.
Das MfS war sehr schnell über die interne Meinungsbildung sowohl bei den Westalliierten als auch in der Westberliner und Bonner Politik informiert. Das war angesichts der weltpolitisch heiklen Situation nicht nur für die DDR-Führung, sondern auch für die Sowjets von eminenter Bedeutung. In den Berichten werden zum einen die offiziellen Verlautbarungen bundesdeutscher, britischer, US-amerikanischer oder französischer Politiker sowie ein Teil der Berichterstattung der Westmedien zusammengefasst. Zum anderen werden Informationen präsentiert aus, wie es hieß, „internen“ oder „verlässlichen“ Quellen – also von Agenten beschafftes Material. Hier werden die wahren Absichten und Konflikte deutlich. Sie stehen, wie wir heute wissen, in vielen Fällen im Widerspruch zur veröffentlichten Meinung.
Bundeskanzler Konrad Adenauer rief am 13. August 1961 über Radio die Bevölkerung zur Besonnenheit auf. Er kündigte Reaktionen, die gemeinsam mit den Alliierten folgen würden an, ohne zu sagen, welche. Allein der regierende Bürgermeister Willy Brandt protestierte energisch – und wurde von den Alliierten zurückgepfiffen.
Die Reaktionen der westlichen Alliierten: Nach 20 Stunden erschienen Militärstreifen an der Grenze. Nach 40 Stunden wurde eine Rechtsverwahrung an den sowjetischen Kommandanten Berlins geschickt. Nach 72 Stunden gingen diplomatische Proteste in Moskau ein. Es gab Gerüchte, dass die Sowjets den westlichen Alliierten vorher versichert hätten, deren Rechte an West-Berlin nicht anzutasten.
US-Präsident John F. Kennedy sagte: „Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg.“ Am 27. Oktober 1961 standen sich am Checkpoint Charlie jeweils zehn Kampfpanzer der US-amerikanischen und sowjetischen Armee unmittelbar gegenüber. Am nächsten Tag wurden sie abgezogen. Die USA wollten mit der Aktion belegen, dass die Sowjetunion und nicht die DDR für den Ostteil Berlins verantwortlich war. (FR)
Daniela Münkel ist seit August 2008 Projektleiterin in der Forschungsabteilung der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen und lehrt an der Leibniz-Universität Hannover.
Die Professorin ist Herausgeberin der Edition „Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung“ 1953 bis 1989. Die Reihe soll insgesamt 37 Bände umfassen. Bislang erschienen ist der Band zum Jahr 1976, im Dezember wird der Band zu 1988 veröffentlicht.
Die hier vorab veröffentlichten Forschungsergebnisse, werden kommendes Jahr im Band zum Jahr 1961 erscheinen. In Vorbereitung sind außerdem die Bände zu 1953 und 1960. (FR)
In den nun gefundenen Berichten über die ersten Tage nach der Grenzsperrung deutete sich zudem bereits an, dass das MfS im August 1961 seine Position in der DDR nicht nur festigen, sondern auch ausbauen konnte. Und die Staatssicherheit versäumte es nicht, ihre eigene Rolle ins rechte Licht zu rücken. Dabei kam ihr eine ernste Panne gleich in der Nacht der Grenzschließung entgegen: „Der Gesamtverlauf der Aktion“, die um 1.00 Uhr nachts ausgelöst wurde, sei „bisher zufriedenstellend, bis auf den Einsatz der Transportpolizei, die wegen falscher Einsatzzeit (X+4) ausfiel“, heißt es im ersten Bericht vom frühen Morgen des 13. August. Im zweiten Bericht des Tages – wenige Stunden später – schob das MfS die Information hinterher: „Der Einsatz der Trapo erfolgte auf mehreren Bahnhöfen später als der Einsatz des MfS. Wodurch die Maßnahmen in den meisten Fällen vom MfS allein durchgeführt wurden.“ Diese Formulierung ist fast schon unterkühlt, denn die Kappung des U-, S-Bahn und Fernbahnverkehrs war ein Herzstück der betonierten Teilung Berlins. Als die Einheiten der Transportpolizei nach 5.00 Uhr an ihren Einsatzorten endlich eintrafen, war diese Arbeit im Wesentlichen bereits getan – von der Stasi. Zwölf S- und U-Bahnlinien zwischen Ost- und Westberlin hatte die Geheimpolizei unterbrochen, die Bahnhöfe der „Westlinien“, die durch den Ostsektor fuhren, geschlossen.
Die Staatssicherheit hob nicht nur ihre Fähigkeit hervor, Versäumnisse anderer Sicherheitsorgane zu kompensieren, sie empfahl sich auch als übergeordnete Kontrollinstanz, die in jeder Situation den Überblick behielt und die richtigen Entscheidungen traf. So wusste sie zu berichten: „Gegen 3.00 Uhr kam es im Raum Mahlow auf Westberliner Boden zu einer Konzentration von Bürgern aus der DDR, die sich in Westberlin aufgehalten hatten und zunächst von der VP [Volkspolizei] an der Rückkehr in die DDR gehindert wurden. Lage wurde durch entsprechende Anweisungen des MfS, diese Personen sofort in die DDR einzulassen, normalisiert.“ Für viele Probleme bot das MfS geheimpolizeiliche Lösungen an. Als „Generalkontrollbeauftragter für Sicherheit“ offenbarte es die Defizite anderer staatlicher Organe bei der „Abdichtung“ der Grenze und profitierte so von den sichtbar werdenden Loyalitäts- und Sicherheitsproblemen in den anderen bewaffneten Organen. Die massive Expansion des Apparates in den folgenden Jahren war damit vorgezeichnet.
Codewort „Rose“ für bisher zwölf unbekannte Berichte
All diese Erkenntnisse finden sich in der kleinen, bisher unbekannten Berichtsserie über die dramatischen Tage des Berliner Mauerbaus. Die Berichte beginnen am 13. August und reichen bis zum 21. August. Über die Grenzschließung am frühen Morgen des 13. August 1961 – die unter dem Codewort „Rose“ lief – und die „Reaktion auf die Maßnahmen zur Sicherung der DDR“ wurden bis zum 16. August zwölf Berichte verfasst, davon allein fünf am 13. August. Wichtigster externer Adressat war neben den sowjetischen Verbindungsoffizieren des KGB der sogenannte Zentrale Einsatzstab, der für die Umsetzung der Grenzschließung zuständig war. Er stand unter Leitung von Erich Honecker, der damals als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen zuständig war. SED-Chef Walter Ulbricht steht nur selten im Verteiler, ihm dürften die Berichte aber von Honecker oder Stasi-Chef Erich Mielke, dem oftmals mehrere Exemplare zur Verfügung standen, gegeben worden sein. Intern gingen die Berichte – außer an Mielke – in der Regel an seinen Stellvertreter Bruno Beater, an einen MfS-internen Einsatzstab und häufig auch an die Auswertungsabteilung VII der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) oder später direkt an deren Chef, Markus Wolf.
Charakteristisch für viele Berichte des MfS zum Mauerbau ist die Kombination von DDR-Inlandsinformationen mit Meldungen aus dem Westen, die zumeist von der HV A stammten. Das ist eine Besonderheit, denn in der Regel war die MfS-Berichterstattung in Inlands- und Auslandsinformationen scharf getrennt. Die meisten Berichte weisen eine thematische Dreiteilung auf: westliche Reaktionen, gegnerische Tätigkeit (unter dieser Rubrik sind Meldungen aus dem Westen und dem Osten gemischt) sowie Bevölkerungsstimmung in der DDR.
Die bisher unbekannten Berichte schließen eine Lücke in der Überlieferung unmittelbar nach der Grenzschließung. Die bisherige Forschung stützte sich überwiegend auf die gut dokumentierten SED-internen Informationen – sie zeigen vor allem die Stimmung in der DDR-Bevölkerung damals. Die Berichterstattung des MfS beleuchtet darüber hinaus die operativ-organisatorische Seite der Grenzschließung. Hier profilierte sich die Geheimpolizei als Kontrolleur und griff ein, wenn die offiziell zuständigen Organe versagten. Außerdem spielen Meldungen über westliche Reaktionen und Entscheidungsprozesse eine große Rolle. Ihr Wert wird durch die Tatsache unterstrichen, dass fast alle Berichte auch an den Verbindungsstab des KGB gingen.
Die neuen Dokumente erweitern den Kenntnisstand um eine ganze Reihe von Details. Die Geschichte des Mauerbaus muss aber nicht umgeschrieben werden.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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