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16. August 2010

Der Todesfall David Kelly: Zweifel am Suizid

 Von Barbara Klimke
Merkwürdige Todesumstände: Ärzte halten es für „höchst unwahrscheinlich“, dass Kelly verblutete.  Foto: rtr

Trotz der Indizien: Britische Mediziner bezweifeln, dass der Waffenexperte David Kelly sich selbst tötete. Sie fordern, den Fall neu aufzurollen.

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London –  

Ein Messer, ein Toter, eine aufgeschnittene Pulsader und eine Handvoll Tabletten. Eine Reihe von Indizien wiesen darauf hin, dass sich der britische Waffenexperte David Kelly im Juli 2003, wenige Monate nach Beginn des Irakkriegs, in einem Waldstück nahe Oxford das Leben nahm. Auf Selbsttötung lautete auch das Urteil, zu dem im Januar 2004 der 750-seitige Bericht einer öffentlichen Untersuchungskommission kam. Das Ergebnis wird bis heute angezweifelt. In einem offenen Brief an die Zeitung The Times haben sich Juristen, Mediziner und Pathologen für eine Wiederaufnahme der Untersuchung ausgesprochen.

David Kelly, der mit 59 Jahren starb, wurde nach der Bombardierung Bagdads als Quelle eines BBC-Berichts enttarnt, der der damaligen Labour-Regierung von Tony Blair ein Aufbauschen von Geheimdienst-Dossiers über Iraks Waffenarsenal vorwarf. Wie sich herausstellte, hatte das Verteidigungsministerium seinen Namen weitergegeben. Kelly gilt als Paradefall eines unbescholtenen Mannes, der im Zusammenhang mit der propagandistischen Auswertung von Geheiminformationen kompromittiert worden war. Wie seine Familie damals mitteilte, hatten die Ereignisse der letzten Wochen vor seinem Tod „sein Leben unerträglich gemacht“.

Die These, dass er sich selbst tötete, wie die von Blair 2003 eingesetzte Kommission des ehemaligen Richters Lord Hutton nach fünfmonatiger Untersuchung befand, halten die acht Unterzeichner des Briefs indes für anfechtbar. Zu ihnen gehören der Arzt und Jurist Michael Powers, Pathologe des Royal College of Physicians, sowie Julian Bion, Professor für Intensivmedizin. Ein Verbluten ist für sie „aus medizinischer Sicht höchst unwahrscheinlich“, da Kellys Ellenarterie im Handgelenk verletzt war. Lebensbedrohlich sei die Beschädigung einer derart kleinen Arterie aber normalerweise nur im Zusammenhang mit Problemen bei der Blutgerinnung, auf die es keine Hinweise gab.

Die Experten verlangen eine neue, amtliche Untersuchung der Todesumstände. Denn zu den Merkwürdigkeiten des Falls gehört die relativ kleine Blutmenge, die sich am Ort des Todes fand. Am Wochenende hat sich der ehemalige Parteichef der Konservativen, Michael Howard, den Forderungen nach einem sogenannten „Inquest“ angeschlossen.

Zeugen standen nicht unter Eid

Dieser formale Inquest ist generell üblich bei nichtnatürlichen Todesfällen in Großbritannien. 2003 wurde vom damaligen Lordkanzler Charles Falconer stattdessen eine aufwendige öffentliche Untersuchung angeordnet, die 74 Zeugen vernahm und deren Vorsitz Lord Hutton übernahm. Die Entscheidung wird im Nachhinein von Kritikern insofern als unglücklich angesehen, als sie die konkrete Feststellung der Todesursache Doktor Kellys mit allgemeinen Ermittlungen über die undurchsichtigen Motive und Manöver der Regierung im Vorfeld des Irakkrieges verband. Zudem standen die Zeugen bei der Hutton-Untersuchung nicht unter Eid. Die Regierung wurde damals von einer Mitschuld an David Kellys Tod freigesprochen.

Bis heute sorgen in Großbritannien die Entscheidungsprozesse, die zur britisch-amerikanischen Irak-Invasion führten, für allgemeines Unbehagen. Blairs Labour-Nachfolger Gordon Brown berief im vergangenen Jahr eine unabhängige Irak-Untersuchungskommission, deren Bericht in Kürze erwartet wird.

Derweil überlegen sowohl der Generalstaatsanwalt als auch der Justizminister der neuen liberal-konservativen Koalition, Kenneth Clarke, wie der öffentlichen Sorge über vermeintliche Unzulänglichkeiten der offiziellen Version des Todes David Kellys zu begegnen ist. Clarke erwägt, die Dokumente der Untersuchung freizugeben. Lord Hutton hatte empfohlen, sie 70 Jahre lang unter Verschluss zu halten.

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