kalaydo.de Anzeigen

Der Unvollendete: Wie Lafontaine die Linke schuf

Über alle Grenzen, alle Differenzen und alle juristischen Hürden hinweg: "Die Linke hätte es ohne Oskar Lafontaine mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gegeben", sagt Gregor Gysi. Von Jörg Schindler

Der eine geht, der andere bleibt, froh ist keiner: Oskar Lafontaine und Gregor Gysi beim Abschied in Berlin.
Der eine geht, der andere bleibt, froh ist keiner: Oskar Lafontaine und Gregor Gysi beim Abschied in Berlin.
Foto: dpa

Berlin. Am Ende versuchten sie noch einmal die Frotzelnummer. Schulter an Schulter saßen sie oben auf einem feuerroten Podium und warfen sich die Stichworte zu. Ein Witzchen über das Alter, ein schnoddriger Exkurs über die Eitelkeit, eine launige Bemerkung über das Orakel von Delphi. Fast fünf Jahre lang hatten sie sich selbst und andere mit solcherlei Späßen unterhalten. Aber an diesem Samstag wollte der Funke nicht so recht überspringen. Zu offenkundig stand in den Gesichtern von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die Resignation und Ratlosigkeit. Beide trugen Schwarz an diesem Tag - als wohnten sie einer Trauerfeier bei.

Zwei Stunden zuvor hatte sich Oskar Lafontaine zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder im Vorstand der Linken zurückgemeldet. Aber nur, um zu verkünden, dass er nicht mehr auf die Bundesbühne zurückkehren werde. 2009 habe er "eine Reihe von gesundheitlichen Attacken zu überstehen" gehabt. Noch bis zum Herbst war der 66-Jährige wohl entschlossen, ihnen zu trotzen - dann kam die Diagnose: Prostatakrebs. "Ein Warnschuss" den er nicht ignorieren könne.

Der eine geht, der andere bleibt, froh ist keiner: Oskar Lafontaine und Gregor Gysi beim Abschied in Berlin.
Der eine geht, der andere bleibt, froh ist keiner: Oskar Lafontaine und Gregor Gysi beim Abschied in Berlin.
Foto: dpa

Betont sachlich erinnerte Lafontaine an eine andere "existenzielle Krise", das Messer-Attentat von 1990, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte. So schwer es ihm falle, nun sei die Zeit gekommen, das Bundestagsmandat und auf dem Parteitag im Mai auch den Linken-Vorsitz abzugeben. Diese Entscheidung habe "nichts, aber auch gar nichts" mit den jüngsten Querelen in seiner Partei zu tun. "Ich wäre dankbar, wenn das respektiert werden könnte."

Über alle Grenzen hinweg

Neben ihm saß Gregor Gysi und schluckte. Der Vorstand, sagte er, respektiere den Schritt. "Aber es tut ausgesprochen weh." Dann würdigte er den Mann, der über die Jahre nicht nur sein Parteifreund geworden ist, als "herausragende Persönlichkeit" der deutschen und europäischen Politik. Kaum jemand habe in 40 Jahren so viel bewegt. "Die Partei Die Linke hätte es ohne Oskar Lafontaine mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gegeben."

Tatsächlich war es Lafontaine, der - neben einem anderen früheren SPD-Vorsitzenden - vor knapp fünf Jahren maßgeblich zur Gründung einer neuen linken Partei beitrug. Es war im Mai 2005, als Kanzler Gerhard Schröder nach einer weiteren Wahlniederlage seiner SPD, diesmal in Nordrhein-Westfalen, überraschend Neuwahlen für den Herbst ausrief. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Gysi und der privatisierende Noch-Sozialdemokrat Lafontaine bereits mehrfach getroffen, um eine Zusammenarbeit zu erörtern. Nun drängte plötzlich die Zeit.

Da stellte Lafontaine seine Bedingung: Wenn die im Osten darbende PDS und die im Westen neu gegründete WASG gemeinsame Sache machten, sei er mit von der Partie. Über alle Grenzen, alle Differenzen, alle juristischen Hürden hinweg führte das dazu, dass die beiden Parteien gemeinsam zur Wahl antraten - und mit 8,7 Prozent aus dem Stand viertstärkste Kraft wurden. Fraktionschef des labilen Gebildes wurde Oskar Lafontaine. Er, der sich von seiner alten Liebe SPD missachtet und ausgebootet fühlte, hatte eben dieser SPD die denkbar größte Demütigung zugefügt. Das haben ihm viele Sozialdemokraten bis heute nicht verziehen.

Klare Ansage für die im Osten

2007, als sich die noch immer fremdelnden Quellparteien PDS und WASG endgültig vereinigten, wurde Lafontaine dann auch Chef der Linken. Nicht jedem gefiel das. Vor allem im Osten machte sich der autoritäre Saarländer rasch unbeliebt. Dort hatte sich die alte, seit 1990 mehrfach gehäutete PDS längst zu einer quasi-sozialdemokratischen Volkspartei mit Machtanspruch entwickelt - nun begann ihnen Lafontaine genüsslich in die Suppe zu spucken. Den Berliner Genossen, die mit Wowereits SPD paktierten, diktierte er seine linken "Haltelinien": keine Privatisierungen, keine Politik gegen den kleinen Mann, keine zu große Annäherung an die Sozis. Im Westen, wo die Linke zunächst vor allem aus Ex-Sozialdemokraten bestand, huldigten sie ihm dafür. Im Osten grummelten sie. Aber der Konflikt blieb stets unter dem Deckel.

Denn eines mussten alle Linken Lafontaine lassen: Er hatte Erfolg. Einen Westlandtag nach dem anderen enterten die Dunkelroten unter seiner Führung, während die SPD den Bach runter ging. Lafontaines Trick: Er beließ es bei programmatischer Unschärfe, so dass jeder, der sich irgendwie links fühlt, bei der Linken gut aufgehoben wähnte. Die Gefahr dabei: Der schwelende Konflikt konnte jederzeit eskalieren. Lafontaine wusste um diese Gefahr. Er glaubte, sie im Griff zu haben. Er war ja der Chef. Und würde es noch lange bleiben. 2008 verkündete er: "So lange ich gesund bin, mische ich weiter mit." Ein Jahr später hatte er Krebs. Und musste vom Krankenbett aus verfolgen, wie seine Partei sich ohne Not anschickte, sein linkes Werk zu zerstören. Dass ihm gerade in dieser Situation der Rückzug über die Maßen schwer fällt, dürften ihm sogar seine Gegner glauben. Sein Werk werden andere vollenden müssen.

Ganz verschwinden wird er nicht. Fraktionschef im Saarland will er bleiben. Und von dort aus "ab und zu etwas zur Bundespolitik" sagen. Man darf das als Drohung verstehen. Dann ging er, wie er gekommen war: kantig, wie immer leicht geduckt, lächelnd. Von Wehmut zumindest äußerlich keine Spur. Wie sagte er noch? "Ich bin nicht begabt darin, rührende Abschiedsworte anzunehmen."

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  24 | 1 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!