Das zweite Leben der Valentina Rosendo Cantú beginnt, als sie kaum 17 Jahre alt ist. Es ist ein Samstag im Februar 2002, Waschtag in Barranca Bejuco, einem Weiler in den Bergen von Guerrero im Süden Mexikos. Um drei Uhr nachmittags schrubbt Valentina, ein paar hundert Meter von ihrem Dorf entfernt, an einem Bach Hemden und Hosen. Da treten acht Soldaten auf sie zu und fragen mit vorgehaltener Waffe nach den „Encapuchados“.
Encapuchados, die Vermummten: damals wie heute ein Synonym für Aufständische. In Guerrero brachte die Armut schon in den 70er Jahren erste Rebellen-Bewegungen hervor. Doch die Regierungen beantworteten Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit nicht mit Hilfsprogrammen. Sie schickten Soldaten.
In Mexiko bleiben Menschenrechte vor allem im Kampf gegen das organisierte Verbrechen auf der Strecke, den Präsident Felipe Calderón vor vier Jahren ausgerufen hat. Drogenkartelle morden, entführen, zerstören, vertreiben. Vor allem Menschenrechtsaktivisten in Nordmexiko sind im Fadenkreuz der Mafia.
Der Staat tut wenig, um die Verbrechen aufzuklären. Und die Sicherheitskräfte töten selbst Zivilisten. In einem Bericht vom Februar dokumentiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) acht solcher Verbrechen aus dem nördlichen Bundesstaat Nuevo León. Soldaten erschossen laut HRW eine unbewaffnete 29-jährige Frau aus nächster Nähe, obwohl sie die Hände erhoben hatte. Die Armee habe das Opfer als Mitglied einer Bande bezeichnet, sie hatte aber erwiesenermaßen keine Verbindung zum Verbrechen.
Bundespolizei und Armee ließen mindestens zwölf Menschen „verschwinden“ – sie wurden entführt oder ermordet. „Das sendet das Signal aus, dass ein solches Vorgehen eine zulässige Taktik bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens ist“, kritisierte der Amerika-Direktor von HRW, José Miguel Vivanco.
Im Süden Mexikos, in Bundesstaaten wie Chiapas, Guerrero und Oaxaca, sind vor allem die Ureinwohner Opfer von Misshandlungen – meist im Namen des Kampfes gegen Drogenkartelle. In Chiapas und Guerrero, wo aus Armut aufständische Bewegungen entstanden, gehen die Streitkräfte rücksichtlos vor. Sie durchsuchen ohne rechtliche Grundlage Häuser, misshandeln und bestehlen Ureinwohner und konstruieren Beschuldigungen gegen die Führer ihrer Organisationen.
Obtilia Eugenio Manuel, Chefin der Organisation der Me’phaa-Ureinwohner OPIM, musste Guerrero nach mehreren Morddrohungen verlassen. In Drohbriefen und Anrufen wurde ihr immer wieder klargemacht, sie möge sich nicht mit dem Staat anlegen. Von der Verfassung garantierte Rechte würden missachtet, kritisiert der Anwalt Santiago Aguirre: Im Kampf gegen die Drogenkartelle hätten „die Streitkräfte eine noch viel größere Geltung und mehr Spielraum bekommen“.
Ausgezeichnete Arbeit
Der Gründer und Direktor des mexikanischen Menschenrechtszentrums Tlachinollan, Abel Barrera Hernández , erhält in diesem Jahr den 6. Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von Amnesty International. Der Preis wird am 27. Mai bei einem Festakt in Berlin verliehen; am 28. Mai ist der 50. Jahrestag der Gründung von Amnesty International. Bereits am 12. Mai wird der Amnesty International Report 2011 zur Lage der Menschenrechte weltweit vorgestellt.
In Guerrero, einem der rückständigsten Gebiete von Mexiko, setzt sich Barrera für die Ureinwohner ein. In den Bergen der Region leben 450000 der insgesamt 750000 Ureinwohner des Bundesstaates Guerrero. Sie machen 17 Prozent der Einwohner aus.
1994 gründete Barrera das Centro de Derechos Humanos de la Montaña, Tlachinollan − das „Menschenrechtszentrum in den Bergen“ – als Reaktion auf die systematische Misshandlung der Ureinwohner. Tlachinollan ist der alte Ureinwohner-Name für die Stadt Tlapa und bedeutet „Verbrannte Felder“.
Alles begann damit, dass sich Barrera, unterstützt von Freunden, um Indígenas kümmerte, die grundlos in Haft saßen. „Plötzlich wendeten sie sich an mich mit Alltagsproblemen wie Streit um Land und Übergriffen der Sicherheitskräfte.“
Internationale Geldgeber, darunter das bischöfliche Hilfswerk in Aachen sowie Unterstützer aus Spanien, Kanada und den USA, finanzieren Tlachinollan hauptsächlich. Zunächst führte Barrera Tlachinollan von einem Zimmer im Hotel seines Vaters aus, bis ein kanadischer Spender ein Haus zur Verfügung stellte.
Bedrohungen wegen seines Einsatzes für die Ureinwohner erlebt Abel Barrera immer wieder. „Es stört eben, wenn Tlachinollan die unangenehmen Dinge ausspricht“, sagt er. „Wir sind 25 gegen die halbe Welt.“ keh
Valentina Rosendo ist Indígena, gehört zum Me’phaa-Volk. Damals reicht ihr Spanisch gerade aus, um zu verstehen, dass die Soldaten jemanden suchen. Sie kann ihnen nicht sagen, dass sie niemanden gesehen hat und gar nicht weiß, was die Militärs von ihr wollen. Die Männer stoßen ihr einen Gewehrkolben in den Bauch, sie fällt zu Boden. Zwei Soldaten vergewaltigen das Mädchen, die anderen schauen zu, verspotten sie. Endlich kann Valentina entkommen. Halbnackt rennt sie nach Hause in ihr 200-Seelen-Dorf zu ihrem Mann und ihrer drei Monate alten Tochter. Drei Tage lang liegt Valentina mit Fieber im Bett. Reden kann sie nicht.
Neun Jahre später an einem warmen Februar-Tag sitzt sie, inzwischen eine Frau von fast 26 Jahren, in einem Raum eines sicheren Treffpunktes in Mexiko-Stadt und erzählt ihre Geschichte mit der Abgeklärtheit, die von einem langen Kampf zeugt.
Valentina beschreibt, wie sie die Wahl hatte: aufgeben oder kämpfen, ein neues Leben beginnen. „Alles was ich hatte, hat mir die Regierung, haben mir die Soldaten zerstört, aber ich will, dass so etwas keiner anderen Frau passiert“, sagt Valentina. Spanisch spricht sie mittlerweile so sicher wie Me’phaa.
Bei diesem Kampf begleitete sie von Anfang an „Don Abel“, wie sie Abel Barrera, den Chef des Menschenrechtszentrums Tlachinollan, mit einem Ausdruck von Respekt nennt. Die Mitarbeiter von „Tlachi“ gingen mit ihr zum Arzt, zur Staatsanwaltschaft und zogen mit ihr vor Gericht: „Wir haben ihr die Sicherheit gegeben, dass wir den Weg mit ihr bis zu Ende gehen“, sagt Abel Barrera.
So ertrug Valentina, dass ihr Mann sich von ihr abwandte, dass sie ihr Dorf verlassen musste und sie ständig bedroht wurde: Leg dich nicht mit der Regierung an. Vor zwei Jahren überstand ihre Tochter einen Entführungsversuch. „Zehnmal habe ich in neun Jahren meine Wohnung wechseln müssen“, erzählt Valentina.
Am 30. August 2010 erhielt sie vor dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof in Costa Rica in allen Punkten recht. Die Richter verurteilten Mexiko in ihrem und dem Fall von Inés Fernández Ortega, der das Gleiche passiert war, zur Entschädigung. Sie erkannten Vergewaltigungen als Folter an und stellten fest, dass die Ureinwohner in Guerrero Opfer „institutionalisierter Verfolgung“ durch die Streitkräfte sind. Mexiko wurde zudem verpflichtet, die Verfahren gegen die Soldaten von der Militär- an die Ziviljustiz zu übergeben. Die Fälle von Valentina Rosendo und Inés Fernández haben Tlachinollan viel internationales Prestige eingebracht. „Aber die wenigsten unserer Fälle gehen so weit“, betont Abel Barrera. „Die meisten Probleme werden in Gemeindeversammlungen beigelegt – oder hier in diesem Raum.“ Barrera sitzt in der Bibliothek seines Zentrums, wo in den Regalen Menschenrechtsberichte, Lehrbücher zum „Recht der Indigenen“ stehen.
Barrera ist spät dran, er wurde aufgehalten in den Straßen von Tlapa. So ist das oft, wenn der Tlachinollan-Chef zu Fuß in der 45000-Einwohner-Stadt unterwegs ist. Die Menschen kennen ihn und sein Zentrum. Sie nennen es das „Büro, wo den Armen und Ureinwohnern“ geholfen wird. Barrera ist 50 Jahre alt, grau meliertes Haar, kräftiger Oberlippenbart, ansteckendes Lachen. Er wechselt mühelos von ernster Analyse zu fröhlichem Plausch. „Die wenigsten Menschen, die zu uns kommen, kennen die Fälle von Valentina und Inés. Sie schätzen uns wegen der alltäglichen Unterstützung“, sagt Barrera.
Jeden Morgen füllt sich das Wartezimmer in der Gasse Mina 77 im Zentrum von Tlapa. Ein Gewirr von Sprachen, gemischt mit Spanisch, füllt den kleinen Raum. Ein alter Mann in Sandalen und Sombrero, eine Schwangere, eine stillende Mutter, ältere Damen, die ihre Einkaufstaschen vor den Bauch drücken. Alle Ratsuchenden haben diese gegerbten Gesichter, in denen sich das harte Leben in den Bergen und der ständige Hunger abzeichnen. Sie kommen mit unterschiedlichsten Anliegen: vom Vaterschaftstest über fristlose Entlassungen und familiäre Gewalt bis hin zu Übergriffen von Polizei und Militär. Manche sind auch nur auf einen Kettenbrief reingefallen. „Sie vertrauen uns mehr als der Polizei oder dem Bürgermeister“, sagt Barrera. Auch spätabends brennt in den Büros von Tlachinollan noch Licht. Das dreistöckige Menschenrechtszentrum überragt alle anderen Häuser der Innenstadt. 25 Menschen arbeiten hier, gut ein Drittel Anwälte, die übrigen Sozialarbeiter, Lehrer, Journalisten und Mitarbeiter, die sich um internationale Kontakte zu anderen Organisationen kümmern.
Eine der Letzten, die abends das Büro verlassen, ist Margarita Nemecio. Sie kümmert sich um die Probleme von Migranten und Tagelöhnern, die auf den Gemüsefeldern in Nordmexiko schuften. Nemecio fordert bei Arbeitgebern ausstehenden Lohn ein oder organisiert die Behandlung verunglückter Arbeiter. „Wir helfen, dass sie da oben zu ihrem Recht kommen und hören uns auch ihren Kummer an.“ Rund 30000 Menschen verlassen jedes Jahr für mehrere Monate mit Kind und Kegel ihre Dörfer, um im Norden zu arbeiten, weil sie in Guerrero ihre Familien nicht ernähren können.
In Guerrero, dem Bundesstaat an der Pazifikküste im Südwesten Mexikos liegt Acapulco, der wohl bekannteste Badeort Mexikos mit Villen und Vergnügungstempeln. Hier liegt aber auch Cochoapa El Grande, die ärmste Gemeinde des Landes mit einem Entwicklungsstand, der dem von Kenia oder Malawi gleicht. 42 Prozent der Einwohner Guerreros sind unterernährt. Viele Menschen stehen angesichts der dramatischen Armut vor der Wahl, als Saisonarbeiter in den Norden oder als Migrant ohne Papiere in die USA zu gehen – oder für die Drogenkartelle Mohn anzubauen.
Der Weg aus der Provinzhauptstadt Chilpancingo in das vier Stunden entfernte Tlapa führt über gewunden Straßen, kahle, trockene Bergrücken, vorbei an abgeernteten Maisfeldern, von großen Kakteen durchsetzt. Männer reiten auf Eseln, Kinder treiben Ziegen vor sich her. Irgendwo in diesem grauen Niemandsland liegt Mini Numa, eine Gemeinde von 400 Ureinwohnern der Mixtecos. Die meisten Familien leben in Lehmhütten, schlafen auf dem Boden oder einem blanken Bettgestell. Für eine Matratze haben nur jene Geld, die eine Zeit auf den Gemüsefeldern Nordmexikos oder in den Hühnchen-Schlachtereien der USA gearbeitet haben.
In Mini Numa baut Tlachinollan Latrinen: „Wir machen die Dinge, zu denen der Staat nicht in der Lage ist“, sagt Tlachi-Mitarbeiter Román Hernández. „Auch diese sozialen Rechte sind schließlich Menschenrechte.“ Die Tlachinollan-Leute packen mit an, übernachten in der Gemeinde, teilen die knappen Tortillas mit den Menschen. Barreras Anwälte halfen der Gemeinde auch beim Kampf für eine Gesundheitsstation. Drei Jahre dauerte es, bis ein Bundesgericht den Mixtecos in Mini Numa die Station und einen Arzt zugestand.
In Mexiko-Stadt lächelt Valentina Rosendo, als sie erzählt, dass sie gerade ihren Schulabschluss macht. „Dann will ich Krankenschwester werden und in meine Gemeinde zurück.“ Nur eines ärgert sie: Bis heute hat Mexiko nichts getan, um das Urteil vom August umzusetzen. „Früher oder später müssen sie es tun“, sagt Valentina. Mit der Gelassenheit eines Menschen, der weiß, dass der Weg zur Gerechtigkeit lang ist.
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