Frau Arndt, die Reaktorkatastrophe von Fukushima ereignet sich fast 25 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl. Gibt es Gemeinsamkeiten?
Die Ähnlichkeiten mit der Katastrophe von Tschernobyl sind frappierend. Insbesondere die tiefe Verunsicherung und Hilflosigkeit, die der Unfall weltweit ausgelöst hat, und die gleichzeitigen Beteuerungen der Regierungen der Welt, dass ein solcher Unfall in den eigenen Kernkraftwerken nicht passieren kann, erinnern stark an die Aussagen nach der Katastrophe von Tschernobyl.
Melanie Arndt ist Projektleiterin des von der VW-Stiftung finanzierten Forschungsprojektes „Politik und Gesellschaft nach Tschernobyl“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Im April erscheint ihr Buch „Tschernobyl. Auswirkungen des Reaktorunfalls auf die Bundesrepublik und die DDR“.
Und was ist anders?
Was den Unfallhergang und den Umgang damit betrifft, gibt es Unterschiede. Der Unfall in Fukushima war die Folge einer Naturkatastrophe, die selbst ein so hochtechnisiertes Land wie Japan ziemlich unvorbereitet traf. Ob weitere technische Mängel und menschliches Versagen wie in Tschernobyl auch in Fukushima eine Rolle spielten, wird noch zu untersuchen sein. Das Containment, das heißt der schützende Mantel um den Reaktorkern, der in Tschernobyl nicht existierte, hat in Japan bisher offenbar das Schlimmste verhindert. In Tschernobyl war der Reaktorkern nur durch ein Wetterdach geschützt. Zudem muss bei aller Kritik gesagt werden, dass Japan sehr viel schneller reagierte als die Sowjetunion – sowohl was die Informationen als auch was die Evakuierungs- und Vorsorgemaßnahmen betrifft. Dennoch bleibt die Atomenergie letztlich unbeherrschbar.
Moskau schwieg damals lange. Allerdings ist auch die Informationspolitik in Japan vage.
Die Informationsmöglichkeiten sind heute ungleich größer als vor 25 Jahren. Erstens weil Japan ein demokratischer Staat ist. Und zweitens weil die Kommunikationstechnologie einen enormen Sprung gemacht hat. Die Frage ist nur, ob die Japaner von diesen Fortschritten wirklich profitieren. Gegen die Strahlung bieten sie jedenfalls keinen Schutz. Bis heute sind die Risiken radioaktiver Strahlung nicht bis ins letzte Detail geklärt, über die Auswirkungen auf den Menschen wird heftig gestritten.
In Deutschland hat die Debatte längst begonnen.
Auch hier gibt es erstaunliche Gemeinsamkeiten zu 1986. Knapp einen Monat vor Tschernobyl hatte die Anti-AKW-Bewegung noch einmal einen Höhepunkt in Wackersdorf erlebt. Nach Tschernobyl gab es zum ersten Mal eine deutliche Mehrheit gegen die Atomenergie. Grüne und SPD forderten gemeinsam mit hunderttausenden Demonstranten den Ausstieg. Umgesetzt wurde er nicht. Bis zum Atommoratorium 1998 sind mehr als zehn Jahre vergangen, in denen es zwischendurch wieder ziemlich ruhig wurde um die Atomenergie. Jetzt passiert kurz nach der umstrittenen Laufzeitverlängerung Fukushima. Der Widerstand gegen die Atomenergie wird nun stärker werden. Die Politik kann die Augen davor nicht verschließen.
1986 hat die Bundesregierung angekündigt, die AKWs zu überprüfen – genau wie jetzt.
Im Grunde kann dies gar nicht viel mehr als eine Beschwichtigung sein. Jede noch so ausgefeilte weitere Sicherheitsvorkehrung, von denen ja nach Tschernobyl einige umgesetzt wurden, kann das Risiko eines verheerenden Unfalls nicht ausschließen. Das hat Japan, dem selbst kritische Experten höchste Sicherheitsanforderungen bescheinigt haben, gezeigt. Es gibt in Bezug auf die Nutzung der Atomenergie keine Sicherheit. Noch dazu solange das Problem des radioaktiven Abfalls nicht geklärt ist.
Bringt Fukushima die Wende, die nach Tschernobyl ausblieb?
Der Unfall wird eine weltweite Debatte auslösen. Allerdings ist kaum davon auszugehen, dass alle Länder auf die Nutzung der Atomenergie verzichten werden.
Interview: Markus Decker
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