Die Männer in den feldgrauen und blauen Uniformen marschieren die Rue de la Plage eilig entlang, als wäre es ihre Paradestrecke. Am Straßenrand verfolgen Franzosen das Schauspiel mit sehr begrenzter Begeisterung. Jean-Paul Lescorce, sieben Jahre alt, steht mit seinen Eltern auf dem Balkon ihres Hotels an der Strandstraße, er schaut und fröstelt.
Es ist ein Tag im Februar 1944, der deutsche Feldmarschall Erwin Rommel ist in das südfranzösische Seebad Soulac sur Mer gekommen, um den Fortgang der Arbeiten am Atlantikwall zu inspizieren. Jener Kette von Tausenden Bunkern, die Hitler an der Atlantikküste vom Nordkap bis zur spanischen Grenze bauen lässt, um eine Invasion der Alliierten von der See her zu unterbinden. Vier Monate später, im Juni 1944, wird sich zeigen, dass der Aufwand umsonst war. Mit hohen Verlusten, aber doch unaufhaltsam überwinden die Landungstruppen der Amerikaner und Briten in der Normandie den Verteidigungswall.
Heute sitzt Jean-Paul Lescorce auf der Terrasse des Cafés Le Rallye und schaut auf dieselbe Straße wie einst. Es ist ein sonniger Herbsttag, bummelnde, plaudernde Touristen bevölkern die Rue de la Plage, die zu einer Fußgängerzone geworden ist. Es ist schwer, sich in jene Szene von vor 67 Jahren zurückzuversetzen.
Jean-Paul, wie er sich nennen lässt, kann das. Er lebt im Gestern und Heute zugleich. Er ist einer, dem die Geschichte keine Ruhe lässt. Weil es auch seine Geschichte ist. Die Geschichte der deutschen Bunker in den französischen Dünen.
Wer will, kann sie heute noch sehen. Nördlich von Soulac liegt die Festung von Arros, ein Komplex von etwa einhundert Betonbunkern, halb verborgen im feinen, weißen Sand und dem struppigen Dünenbewuchs, gruppiert um den mächtigen, dreistöckigen Leitstand. Noch immer beherrscht die einstige Kommandozentrale der Kriegsmarine den Küstenstreifen bis zur nördlich gelegenen Girondemündung, noch immer ein gewaltiger, gedrungener Fremdkörper, der sich in eine friedliche Landschaft duckt.
Les Arros, nördlich des südfranzösischen Seebads Soulac sur Mer gelegen, ist die am besten erhaltene deutsche Bunkeranlage in Frankreich, möglicherweise des ganzen Atlantikwalls.
Bis zum April 1945 harrten hier 4000 deutsche Soldaten auf längst verlorenem Posten aus. 400 französische und 650 deutsche Soldaten starben in der abschließenden Schlacht um die Festung, die sechs Tage andauerte. Die Franzosen siegten.
Der Atlantikwall geht auf einen Befehl Hitlers vom 25. August 1942 zurück. Bis 1944 wurden zwischen Nordkap und spanischer Grenze 8 119 Bunker errichtet, die oft in Sichtweite zueinander standen und durch Betonpisten miteinander verbunden waren.
Allein in Frankreich arbeiteten im Jahr 1943 fast 300.000 Männer an dem Bollwerk, darunter viele Zwangsarbeiter. Dem Ansturm der Alliierten im Juni 1944 konnte der Wall allerdings nicht lange standhalten.
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