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27. Oktober 2010

Deutsche Diplomaten: Die schwankenden Gestalten aus der Nazizeit

 Von Christoph Albrecht-Heider
Adenauer-Zitat: „Wir sollten jetzt mit der Naziriecherei einmal Schluss machen, denn, verlassen Sie sich darauf, wenn wir damit anfangen, weiß man nicht, wo es aufhört.“ Foto: dpa

In einer Serie für die FR deckte der Journalist Eckart Heinze-Mansfeld bereits im Jahr 1951 die oftmals braunfleckige Vergangenheit deutscher Diplomaten auf. Damit brachte er auch Kanzler Adenauer gegen sich auf.

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Die Überschrift „Ihr naht euch wieder …“ (die Ergänzung der Zeile aus Goethes Faust lautet „schwankende Gestalten“ ) las sich kryptisch, die Unterzeile „Einblicke in die Personalpolitik des Bonner Auswärtigen Amtes“ klang nicht alarmierend. Was unter diesem Titel dann aber folgte, machte monatelang Schlagzeilen in der jungen Bundesrepublik.

In einer fünfteiligen Serie vom 1. bis 6. September 1951 deckte der freie Journalist Michael Mansfeld in der Frankfurter Rundschau auf, dass das neue Außenministerium an der Bonner Koblenzer Straße viele Beschäftigte aus der Berliner Wilhelmstraße, in der das Außenministerium des faschistischen Deutschland residierte, übernommen hatte. Mansfeld belegte, dass die Bundesrepublik im Auswärtigen Dienst eine Reihe ehemaliger NSDAP-Mitglieder angestellt hatte, auch solche, die an Deportationen beteiligt waren.

Vor 60 Jahren enthüllte Mansfeld, der nach eigenen Angaben sein Material aus Entnazifizierungsunterlagen und den Akten der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse hatte, damit jene fatale Personalkontinuität, die jetzt in „Das Amt“ nachgezeichnet wird, der Geschichte des Auswärtigen Amtes seit 1933.

Die Besatzungsmächte hatten am 6. März 1951 der Bundesrepublik Deutschland die Gründung eines Außenministeriums gestattet, das bis 1955 in Personalunion von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) geleitet wurde. Robert M.W. Kempner, stellvertretender Chefankläger in den Nürnberger Prozessen und später Rechtsanwalt in Frankfurt, warnte in einem Artikel in der FR im September 1950 vor einer Rekrutierung der Diplomaten aus dem Personal der Ribbentrop-Behörde, über die er schrieb: „Mit wenigen rühmlichen Ausnahmen waren die leitenden Beamten daheim und draußen teils Schwächlinge und Opportunisten ohne Charakter und Zivilcourage, teils ausgesprochene Verbrecher.“

Reagierte die Regierung zunächst empört auf die Enthüllungen, so leitete Adenauer gegen die angegriffenen Personen schon im September ein Ermittlungsverfahren ein und der Bundestag beschloss am 24. Oktober 1951, einen Untersuchungssausschuss einzurichten, der die FR-Recherchen überprüfen sollte. Mansfeld legte Ende 1951 nach und publizierte in der FR unter dem Titel „Ich sehe diese würd'gen Peers …“ (das ganze Zitat aus Schillers „Maria Stuart“ heißt: „Ich sehe diese würd'gen Peers mit schnell vertauschter Überzeugung unter vier Regierungen den Glauben viermal ändern“) in einer Serie weitere Details der skandalösen Personalpolitik.

Selbst Franz Josef Strauß, damals Bundestagsabgeordneter und Generalsekretär der CSU, schloss sich im März 1952 der Kritik an. Mansfeld wurde unterstellt, sein Informant sei Kempner. Als Zeuge im Untersuchungsausschuss berief sich der FR-Mann, nach Quellen befragt, auf sein Zeugnisverweigerungsrecht. Michael Mansfeld war übrigens ein Pseudonym. Dahinter verbarg sich der Regisseur, Schriftsteller und Journalist Eckart Heinze-Mansfeld. Er schrieb später vor allem Drehbücher für Fernseh- und Kinofilme, darunter das für „Die Brücke“ von Bernhard Wicki. Werner Holzer, Ex-Chefredakteur der FR, erinnert sich an schroffe Reaktionen auf die Enthüllungen. „Einige aus dem Auswärtigen Amt“, sagt Holzer, „sind der FR aus dem Weg gegangen, als hätten wir die Lepra.“

Mitte 1952 wurde der Bericht des Untersuchungsausschusses vorgelegt. Man hatte sich die Biografien von 21 Beamten vorgenommen und kam zum Resultat, dass vier von ihnen nicht und sieben nur bedingt geeignet seien für das Auswärtige Amt.

Adenauer, der immer wieder betont hatte, dass man beim Aufbau des Außenministeriums auf erfahrene Diplomaten zurückgreifen müsse, sagte in der Bundestagsdebatte über den Ausschussbericht im Oktober 1952 unter anderem: „Wir sollten jetzt mit der Naziriecherei einmal Schluss machen, denn, verlassen Sie sich darauf, wenn wir damit anfangen, weiß man nicht, wo es aufhört.“

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