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Die Ärztelobby ist ihr Geld wert

Mit 2,5 Milliarden Euro zusätzlich will die Politik Ruhe vor den Wahlen schaffen / Kassen reagieren entsetzt

Berlin. Am Freitag klagten die Ärzte über ihre Benachteiligung und forderten mehr Geld. In diesem Fall waren es die Herz-Mediziner, die sich und die Öffentlichkeit auf den Europäischen Kardiologenkongress einstimmten.

Nicht nur auf dem Fußballplatz ist also nach dem Spiel vor dem Spiel. Einen satten Aufschlag bereits gewonnen haben die 150 00 Kassenärzte und Psychotherapeuten. Sie bekommen im kommenden Jahr mindestens 2,5 Milliarden Euro oder zehn Prozent mehr. Darauf haben sich am Donnerstag die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) geeinigt. Die Verantwortung trage die Politik, meinte Johannes-Magnus von Stackelberg, Verhandlungsführer der Krankenkassen hinterher. Sie habe durch öffentliche Zusagen an die Mediziner den Verhandlungsspielraum "auf ein kaum erträgliches Maß eingeschränkt".

Wie wichtig der großen Koalition eine gute Stimmung in den Praxen ist, illustriert ein Vergleich mit anderen Berufsgruppen. Für die ersten sechs Monate 2009 berichtete das Statistische Bundesamt über wieder deutlich höhere Tarifsteigerungen von "teilweise über vier Prozent"! Die IG Metall schockte viele mit der Ankündigung, sie werde mit der Forderung nach sieben bis acht Prozent mehr in die Tarifrunde ziehen. Die Metallunternehmen allerdings erzielen Milliardengewinne. Die Krankenkassen machten im ersten Halbjahr 2008 Verluste.

"Durch diesen Beschluss klettert das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines niedergelassenen Arztes nach Abzug aller Praxiskosten von bisher schon über 120 000 Euro um rund 15 000 Euro im Jahr", meinte von Stackelberg. Als "völlig unangemessen" stufte SPD-Sozialexperte Karl Lauterbach "die Proportionen" ein. Er verwies im Gespräch mit der FR darauf, dass die Pflegeversicherung durch die Beitragsanhebung im Juli 2,5 Milliarden Euro mehr erhalte. In der Pflege werde "Schwerstarbeit zu Minilöhnen" geleistet. Mit den 2,5 Milliarden für die Ärzte werden laut Lauterbach Gutverdiener noch besser gestellt.

Beachtlich sind die regionalen Unterschiede. Die größten Gewinner sind die Ärzte im Osten. Sie erhalten bis zu 20 Prozent mehr, so dass ihre Vergütung im nächsten Jahr von 81 Prozent auf 94 bis 95 Prozent des Westniveaus zulegen wird. In Hessen gibt es nach Schätzungen der KBV acht bis zehn Prozent mehr. Einzig für Baden-Württemberg rechnet KBV-Chef Andres Köhler mit einer Stagnation.

Politisch besonders wichtig ist das Ergebnis für Bayern. Hier winkt ein Plus zwischen vier und fünf Prozent. Damit kann die CSU im laufenden Wahlkampf bestehen. Sie hatte monatelang gegen die regionale Umverteilung der Ärztehonorare durch den 2009 startenden Gesundheitsfonds protestiert, weil sie fürchtete, kurz vor der Bayernwahl könnten die Hausärzte im Freistaat ein Minus verordnet bekommen. Nun sorgt die kräftige Anhebung für Gesamtdeutschland dafür, dass auch in Bayern mehr statt weniger in die Kassen fließt.

Doch der Erfolg der Ärztelobby drückt sich nicht nur in Euro und Cent aus. Für Jubel sorgte auch die Systemumstellung. Schluss soll sein mit der Budgetierung, bei der die Ärztehonorare insgesamt sich nur so entwickelten wie die Löhne. Weil sich die Arbeitnehmer in Deutschland permanent bescheiden müssen, war dies für die Mediziner ein schlechtes Geschäft. Künftig richtet sich die Gesamtvergütung nach dem - steigenden - Bedarf. Nehmen die Krankheiten zu, was schon angesichts der Alterung zu erwarten ist, wächst der Finanztopf für die Ärzte. "Kopfpauschalen und Honorarbudgets nach zwei Jahrzehnten abgeschafft", freute sich KBV-Vorsitzender Köhler. Es sei "gerechter und transparenter", die Gesamtvergütung an der "Morbidität", also am tatsächlichen Krankheitsstand der Versicherten, zu orientieren.

Der Politik bleibt die Hoffnung auf eine Gegenleistung für das viele Geld. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) rief die Ärzte auf, nun stärker auf Qualität zu achten und Unterschiede bei der Behandlung von gesetzlich und privat Versicherten zu beseitigen.

Autor:  MARKUS SIEVERS
Datum:  30 | 8 | 2008
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