Die bundesweite Suche nach dioxinverseuchten Eiern wird sich hinziehen: Zwar ist inzwischen der Verursacher des aktuellen Lebensmittel-Skandals gefunden, aber die lange Kette von betroffenen Produkten ist noch nicht entschlüsselt. Unzählige Höfe haben die dioxinbelasteten Produkte der Firma Harles & Jentzsch aus Uetersen in Schleswig-Holstein bezogen.
Der Produzent soll im November und Dezember 2700 Tonnen mit Dioxinen belastetes pflanzliches Fett an 25 Futtermittelhersteller in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg und Sachsen-Anhalt geliefert haben. Das Westfalen-Blatt berichtete unter Berufung auf das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebenssicherheit, allein 2500 Tonnen seien nach Niedersachsen gegangen. Bisher war lediglich von zwölf Firmen die Rede.
Wie viele davon tatsächlich dioxinverseuchtes Futter verarbeitet und belastete Lebensmittel ausgeliefert haben, ist noch unklar. Schon am Montag wurden bundesweit vorsorglich mehr als 1000 Höfe gesperrt, am Dienstag schloss Nordrhein-Westfalen weitere 139. Offenbar ist die Futterkette besonders anfällig für Verunreinigungen: Schon im Mai 2010 wurde dioxinbelastetes Biofutter aus der Ukraine in Geflügelhöfe geliefert.
In Seveso bei Mailand wird 1976 bei einem Chemieunfall TCDD-Dioxin freigesetzt. Die Anzahl der Todesopfer ist unbekannt, Untersuchungen zeigen aber einen Anstieg von Krebsarten. 200 Menschen erkranken an Chlorakne.
In Thüringen weisen 2003 230 Tonnen Backabfälle eine bis zu 18 Mal höhere Dioxin-Belastung auf als zulässig.
In Vietnam ist im August 2003 auch drei Jahrzehnte nach dem Krieg in vielen Regionen die Dioxin-Belastung noch fast so hoch wie in den Tagen des Einsatzes des amerikanischen Entlaubungsmittels „Agent Orange“.
Im Pflanzenöl eines hessischen Futtermittelherstellers wird 2004 Dioxin gefunden.
Das nordrhein-westfälische Landesamt für Verbraucherschutz sperrt 2010 knapp ein Dutzend Bio-Geflügelhöfe wegen Dioxin-Verdachts. Grund für die Futterverschmutzung ist dioxinbelasteter Mais aus der Ukraine. (dapd/vf/mwo)
Lange juristische Auseinandersetzung möglich
Wahrscheinlich finden sich noch immer dioxinverseuchte Eier im Handel. Die Futtermittelfirma hat technische Mischfettsäure benutzt, die nie in die Nahrungskette hätte gelangen dürfen. Laut BVL sei durch die Kennzeichnung klar gewesen, dass die Säure nur für die technische Industrie, etwa zur Herstellung von Schmiermitteln, geeignet war. Zwar hat sich der Geschäftsführer der Firma auf „Leichtfertigkeit“ berufen. Aber auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) hält diese Aussage für „wenig glaubwürdig.“
Letztendlich müssen Staatsanwälte herausfinden, wie vorsätzlich die Firma gehandelt hat. Die verdächtige Firma hat wohl auf demselben Hof das Industriefett und das verzehrbare Speiseöl nebeneinander gelagert. Harles & Jentzsch könnte zudem gegen das Futtermittelrecht verstoßen haben. Ohnehin scheint dieses mangelhaft zu sein.
Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch fordert, die Hersteller zu verpflichten, alle Zutaten eines Futtermittels routinemäßig auf Dioxine zu testen.
Der Skandal könnte lange juristische Auseinandersetzungen nach sich ziehen: Der Deutsche Bauernverband hält einen Millionenschaden wegen der gesperrten Höfe für möglich. „Wir reden über eine Sperrung von vielleicht einer Woche. Das sind sehr schnell 10000 oder 20000 Euro Umsatz weniger“, sagte Generalsekretär Helmut Born. Er forderte Schadenersatz vom Lieferanten.
Streit zwischen den Ländern
Auch die Länder könnten Geld von den Verursachern reklamieren. „Auch wir werden mögliche Schadensersatzansprüche gegenüber der Firma prüfen“, so der Sprecher des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums, Wilhelm Deitermann. Schließlich seien dem Land große Kosten durch die Schließung der Höfe und durch die Proben entstanden. Vorrang hätte aber zunächst die Aufklärung des Falles.
Der neuerliche Skandal hat nicht nur die Eier vergiftet. Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen kritisieren wechselseitig ihr Krisenmanagement. Laut der rot-grünen Düsseldorfer Landesregierung hätten die Niedersachsen das Problem ignoriert, bevor sie dann, fast zehn Tage später als NRW, rund 1000 Legehennen-Farmen, Schweine- und Putenzüchter gesperrt hätten. Bis Ende der Woche soll das wahre Ausmaß der Dioxin-Verseuchung bekannt sein: Erst dann liegen die Ergebnisse von allen Höfen vor, die das Futtermittel verwandt oder verarbeitet haben. Alle betroffenen Hühner werden gekeult. In Nordrhein-Westfalen haben so schon achttausend Hühner den Dioxin-Skandal nicht überlebt. mitddp
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