Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Der Pharmaverband Pro Generika sprach von völlig unrealistischen Rechnungen. Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer, nannte die Zahlen angesichts der Sparpläne der Koalition „Schnee von gestern“. Und der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) verwies auf „immense Fortschritte“ unter anderem bei der Behandlung von HIV und Aids.
Der neue Arzneiverordnungsreport hat ergeben, dass die Pharma-Industrie das deutsche Gesundheitssystem in weit stärkerem Maße als bisher bekannt mit stark überhöhten Medikamenten-Preisen schröpft. Und daran wird wahrscheinlich auch das geplante Pharmasparpaket der schwarz-gelben Regierung nur zum Teil etwas ändern. Schnee von gestern? Von wegen.
Der Herausgeber des Arzneiverordnungsreports, Ulrich Schwabe, betonte, trotz einiger Eingriffe der Politik seien Arzneimittel in Deutschland immer noch deutlich teurer als in anderen europäischen Staaten. Die Versicherung der Pharmaindustrie, dass die Mittel hier nicht teurer angeboten würden als in anderen Industriestaaten, sei falsch und „manipuliert“. Denn Länder mit sehr niedrigen Preisen wie Frankreich, Spanien oder Italien seien in Vergleichsstudien des deutschen Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller einfach weggelassen worden. Schwabe hat durch eigenen Studien herausgefunden, dass die 50 in Deutschland führenden Patentarzneimittel im Schnitt 48 Prozent teurer sind als die entsprechenden Präparate in Schweden.
Bei den Generika, also den Präparaten mit abgelaufenem Patentschutz, ist die Preisdifferenz zum Ausland laut Schwabe noch viel krasser, obwohl die Generika-Preise in Deutschland in den vergangenen Jahren gesunken sind. So habe das Magenmittel Omep in Deutschland bislang 60,46 Euro gekostet, in Schweden dagegen nur 9,36 Euro. Der deutsche Preis habe demnach 546 Prozent des schwedischen betragen. Zwar sei er kürzlich auf 43,29 Euro reduziert worden. Die Differenz bleibe aber sehr hoch. Insgesamt seien die 50 umsatzstärksten Generika im Durchschnitt 98 Prozent teurer als die entsprechenden Präparate in Schweden, sagte Schwabe.
Kranke und Ärzte unschuldig
Würde man die Generika-Preise in Deutschland nun auf das schwedische Niveau absenken, so könnte die gesetzliche Krankenversicherung laut Report 4,1 Milliarden Euro sparen. Dieser Wert ist interessant, denn in den vergangenen Jahren war im Arzneimittelreport lediglich untersucht worden, welches Einsparpotenzial es bei einem konsequenten Einsatz von Generika nach deutschen Preisen geben würde. Hier kommt Schwab für 2009 auf einen Wert von lediglich 1,3 Milliarden Euro. Das liegt daran, dass Generika bei den Verordnungen in Deutschland bereits einen sehr hohen Anteil von 86 Prozent haben.
Bei patentgeschützten Medikamenten ergäbe sich gemessen an den schwedischen Preisen ein Sparpotenzial von 2,5 Milliarden Euro, das damit deutlich kleiner ist als das im Generikamarkt. Insgesamt hat Schwab bezogen auf die gesetzliche Krankenversicherung ein Sparvolumen von 9,4 Milliarden Euro errechnet. In dieser Zahl sind auch mögliche Einsparungen bei sogenannten Analogpräparaten (Medikamente, die teuer sind, aber gegenüber herkömmlichen Präparaten keinen Zusatznutzen haben) und bei umstrittenen Medikamenten enthalten. Der von Schwab genannte Betrag von 9,4 Milliarden Euro bedeutet immerhin ein Drittel des Umsatzes von Fertigarzneimitteln aller gesetzlichen Krankenkassen.
„Es sind nicht die Ärzte, die zu teuer verordnen, und auch nicht die Apotheker, die immer nur teure Arzneimittel verkaufen. Es sind auch nicht die Patienten, die immer nur teure Arzneimittel haben wollen“, sagte Schwab: „Es ist die Pharmaindustrie, die so hohe Preise verlangt.“ Es gebe keinen Grund, dass die Preise in Deutschland viel höher als in anderen europäischen Ländern seien.
„Viele althergebrachte Privilegien der Pharmaindustrie sollten abgeschafft werden“, sagte Schwab. Er verlangte unter anderem eine wirkungsvolle Preisregulierung auch für Generika. Es sei ihm „vollkommen unverständlich“, dass hier nichts getan werde. Er verwies auf Schweden, wo die Apotheker immer nur das günstigste Generikum abgeben. Auch Leonhard Hansen vom Gemeinsamen Bundesausschuss von Kassen und Ärzten sagte, das deutsche System der Preisfestsetzung für Nachahmerpräparate funktioniere nicht mehr.
Thema bei der Vorstellung des Reports war auch die vergangene Woche bekanntgewordene erfolgreiche Beeinflussung der Koalition durch die Pharmaindustrie. Wie berichtet, hatten sich Union und FDP auf den Vorschlag des Verbandes der forschender Arzneimittelhersteller geeinigt, die Kriterien für die Nutzenbewertung von patentgeschützten Medikamenten nicht dem unabhängigen Bundesausschuss zu überlassen, sondern durch die Regierung selbst zu bestimmen. Das erregte den Verdacht, Schwarz-Gelb wolle die Kriterien pharmafreundlich gestalten.
Hansen äußerte sich zuversichtlich, dass es nun auch wegen der Sensibilisierung der Öffentlichkeit nicht mehr dazu kommen werde: „Wir werden mit Argusaugen darauf schauen, dass hier keine Klientelpolitik Eingang findet.“
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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