Berlin. Am Ende einer in vieler Hinsicht linken Woche meldete sich dann auch Gregor Gysi wieder zu Wort. Die Entscheidung von Dietmar Bartsch, sich vom Amt des Bundesgeschäftsführers zurückzuziehen, verdiene "meinen höchsten Respekt", schrieb der Linksfraktionschef am Freitag in einer kurzen Erklärung. Und dann fügte er, ungewöhnlich genug, hinzu: "Dietmar Bartsch war, ist und bleibt mein Freund." Die Frage ist, ob Bartsch das genauso sieht.
Zwei Stunden zuvor hatte sich auch der 51-jährige Hanseat per Presseerklärung an die Öffentlichkeit gewandt. "Über mich wurden Lügen verbreitet, gegen mich wurden inakzeptable Vorwürfe in zum Teil extrem kulturloser Weise erhoben. Sogar von Illoyalität war die Rede" - unter anderem seitens Gysi. Nichts davon sei haltbar, so Bartsch. Gleichwohl werde er im Mai, auf dem Bundesparteitag in Rostock, nicht mehr als Geschäftsführer kandidieren. Er wolle den Weg frei machen, "weg von einer Personaldebatte, hin zur Politik".
Dietmar Bartsch, 51, wurde 1991 - auf dem Höhepunkt der Konflikte um das SED-Parteivermögen - Schatzmeister der in PDS umbenannten Partei. 1997 wurde er erstmals Bundesgeschäftsführer. Ab 2007 bekleidete er das Amt auch für Die Linke, an deren Wahlerfolg 2009 (11,4 Prozent) er maßgeblich beteiligt war. Er sitzt für die Partei auch im Bundestag. ( ind)
Kehrt jetzt also wieder Ruhe ein in der Linken? Wohl eher nicht. Wütend nämlich reagierten am Freitag die sechs östlichen Landesverbände auf die Demontage ihres Gewährsmannes. "Die Methode der Auseinandersetzung durch Denunziation hat Erfolg gehabt", sagte Berlins Landeschef Klaus Lederer der FR. Zugleich verlangte er das Ende eines Prozesses, "in dem es nur Sieger und Besiegte geben darf".
Vertreter der West-Verbände reagierten dagegen zufrieden. So sprach Baden-Württembergs Landeschef Bernd Riexinger, der mit an Bartschs Stuhl gesägt hatte, von einer "guten Entscheidung" und forderte an dessen Stelle "eine Person mit größerer Integrationskraft". Jetzt sei "eine wesentliche Spannung aus der Partei raus", so Riexinger zur FR.
"Jetzt stehen einige Veränderungsprozesse an"
Möglich, dass er sich da täuscht. Mit Bartschs bevorstehendem Abgang nämlich ist das "Vakuum" an der Linkenspitze, von dem Gysi am Montag gesprochen hatte, noch größer geworden. Drei aus dem engsten Machtzirkel fallen nun mindestens vorübergehend aus: Parteichef Oskar Lafontaine ist krank, seine Rückkehr ungewiss. Ko-Chef Lothar Bisky ist de facto nur noch Europaabgeordneter; Bartsch eine "lame duck". Übrig bleiben fürs Erste Parteivize Klaus Ernst, dem viele Ostdeutsche weiter mit Misstrauen begegnen - und Gregor Gysi, der sich die Zukunft seiner Partei alleine aufgebuckelt hat.
"Jetzt stehen einige Veränderungsprozesse an", sagte der Thüringer Linksfraktionschef Bodo Ramelow der FR. Keiner davon ist unproblematisch. Da ist zunächst Bartschs Zukunft. Noch am Freitag bot ihm Gysi an, sein Stellvertreter in der Fraktion zu werden. Ob er das will? Wohl eher, als zur SPD zu wechseln, die ihm ebenfalls "politisches Asyl" anbot. Dann die Frage, wer Bartsch nachfolgt. Ein Ossi dürfe es schon sein, findet sogar Riexinger, aber nur, wenn Lafontaine zurückkehre. Und wenn nicht? Daran will augenblicklich kein Linker denken.
Bleibt als pikantestes Problem, wie genau die Führungsspitze der Linken künftig aussehen soll. Am Montag trifft sich der geschäftsführende Vorstand zu einem ersten Gespräch, es wird wohl nicht das letzte sein. Im Licht der jüngsten Ereignisse fordert Ramelow schon mal, dass der Vorstand künftig nicht mehr nach Proporz besetzt wird - also Ex-PDS und Ex-WASG gleich stark -, sondern "nach Handlungsfähigkeit und Qualifikation". Zudem sei er die "Männerrituale" im engsten Führungszirkel leid, so Ramelow, der sich "eine weibliche Handschrift" wünscht.
Die Parteifrauen werden es gerne hören. Nur: Auch die sind sich nicht flügelübergreifend grün, weswegen sich auch keine bislang aus der Deckung traute. Einig sind sich alle Linken nur darin, "dass das Klima der Illoyalität und des Misstrauens überwunden werden muss", so der Berliner Landeschef Lederer.
Der Weg dahin ist weit. Und bis Mai sind es nur noch vier Monate.
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