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Die Linke: Die Flügel schlagen noch

An einem Tag übt sich die Linkspartei in Harmonie, doch schon am Tag darauf gibt es wieder Streit. Die Linken in der Linken sind inzwischen klar in der Mehrheit. Von Jörg Schindler

Das neue Führungsduo: Gesine Lötzsch und Klaus Ernst
Das neue Führungsduo: Gesine Lötzsch und Klaus Ernst
Foto: dpa

Es ist Sonntagmorgen, kurz nach Neun, als sich die Stimmung in der "schönsten Stadt im schönsten Bundesland" doch noch ganz erheblich eintrübt. Mit zerknitterten Gesichtern laufen Ost-Linke durch die Stadthalle Rostock, zischen etwas vom "Abräumen der alten PDS", von einem "Affront gegen Gysi", von Folgen, die unabsehbar seien.

Vorne auf dem Podium sitzt mühsam beherrscht der Berliner Linkenchef Klaus Lederer, und weil es sonst keiner tut, ruft er: "Falls es der eine oder andere noch nicht gemerkt hat, wir haben hier eine ernste Lage."

Spitzenpersonal

Neben den neuen Vorsitzenden Gesine Gesine Lötzsch (48) und Klaus Ernst (55) wurden in Rostock gewählt:

Katja Kipping (32) wurde wieder Vizevorsitzende. Die Sozialpolitikerin kommt aus Sachsen und ist Mitglied des Bundestages.

SahraWagenknecht (40), wurde benfalls Parteivize. Die Wortführerin der Kommunistischen Plattform saß fünf Jahre lang als Abgeordnete im Europaparlament. Seit dem Jahr 2009 gehört die Berlinerin dem Bundestag an.

Halina Wawzyniak (36) aus Berlin ist Rechtsanwältin und wurde als Parteivize sowie zusammen mit Ulrich Maurer (61) aus Baden-Württemberg zur Parteibildungsbeauftragten gewählt, um Ost und West weiter zusammenzuführen.

Heinz Bierbaum (63) ist BWL-Professor und IG Metaller aus dem Saarland. Der Parteivize ist ist Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im saarländischen Landtag. Er gilt als eine Art Statthalter Oskar Lafontaines im neuen Vorstand.

Caren Ley (37), Landtagsabgeordnete aus Sachsen, wurde Bundesgeschäftsführerin. Die Diplom-Soziologin arbeitete als Referentin von Verbraucherschutzministerin Rente Künast (Grüne), bevor sie 2004 in die PDS eintrat.

Werner Dreibus (62) Gewerkschafter aus Hessen und Vizechef der Linksfraktion im Bundestag, teilt sich das Amt des Bundesgeschäftsführers mit Ley. Bis 1993 war Dreibus in der SPD, trat aber wegen des "unsäglichen" Asyl-Kompromisses aus der Partei aus. (FR)

Es ist Tag zwei des zweiten Bundesparteitags der Linken. Und eigentlich sind nach den Frohsinns-Festspielen des Vortags nur noch die Hintersassen der Parteispitze zu wählen. Traditionell beginnt die Linke mit den weiblichen Kandidaten. Als deren Stimmen nach dem ersten Wahlgang ausgezählt werden, passiert, womit die wenigsten gerechnet haben: Gegen jede Absprache lässt die Mehrheit der West-Delegierten fast alle Ost-Frauen ungerührt durchfallen.

Ein zweiter Wahlgang ist nötig. Die Landeschefs aus dem Osten zürnen, schon ist davon die Rede, dass deren männliche Kandidaten gar nicht erst antreten. Da ist er wieder, der Flügelkampf, der doch seit gestern Geschichte sein soll. Es ist, als wollten die Wessis den Ossis mal eben zeigen, wo der Hammer hängt. Es ist, als könnten Linke mit zuviel Harmonie nicht umgehen. Es ist, sagt einer, "zum Kotzen".

Zusammengewürfelte Führungsmannschaft

Dabei hatte der Samstag eine selten da gewesene Linken-Liaison markiert. Abschied und Neuanfang wurden von den Parteistrategen so virtuos inszeniert, dass man die schwere Krise, in die sie sich Anfang des Jahres selbst manövriert hatte, fast vergessen hätte. Im Zentrum wieder einmal: Fraktionschef und Feuerwehrmann Gregor Gysi.

Die letzte verbliebene Integrationsfigur von Rang trat in Rostock gleich ein halbes Dutzend Mal aufs Podium, um mit großem rhetorischen Geschick Gräben zwischen seinen Hell-, Karmin- und Dunkelroten zuzuschütten. Am Ende des Tages hätte der Anwalt auch stromlose Multifunktions-Haushaltsgeräte feilbieten können - man hätte sie ihm abgekauft.

So war es Gysi, der die emotionale Verabschiedung der beiden Parteichefs Lothar Bisky ("Du hast uns gerettet") und Oskar Lafontaine ("Ohne dich gäbe es uns nicht") moderierte. Er tat es mit Pathos und Witz, so dass sich gar der kühle Physiker Lafontaine gerührt zeigte. Mit einem "Macht´s gut - macht´s besser!", von Bisky geliehenen Worten, verabschiedete sich der Saarländer aus seinem zweiten politischen Leben.

Gysi war es auch, der Dietmar Bartsch, seinem Noch-immer-Freund, ein öffentliches Zeugnis ausstellte. Keine leichte Aufgabe: War es doch Gysi, der den Bundesgeschäftsführer während des Machtkampfes im Januar fallen gelassen hatte. "Es tat mir damals weh, und es tut mir heute weh", bekannte Gysi. Und: "Dietmar, du bleibst bei uns und du wirst wieder was, davon bin ich überzeugt."

Vor allem aber gelang Gregor Gysi das Kunststück, einen Personalvorschlag als Geniestreich zu verkaufen, von dem niemand, auch er selbst nicht, restlos überzeugt ist. Die neue Führungsmannschaft - in einer dramatischen Nachtsitzung zusammengewürfelt - sei endlich das "Zentrum", das er sich für seine flügelschlagenden Linken erhoffe, so Gysi.

Riss gekittet

Die neuen Vorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst seien "so was von verschieden, dass daraus nur was Gemeinsames entstehen kann". Ihre vier Stellvertreter, die beiden Geschäftsführer und die zwei Parteibildungsbeauftragten garantierten, dass nun zusammenwachse, was oft genug zusammen rauft.

Auch für umstrittene Figuren wie Sahra Wagenknecht fand Gysi nur lobende, wenn auch zweischneidige Worte: Die Kommunistin habe trotz jahrelanger Anfeindungen "nie ihre Standpunkte geändert".

Wagenknecht wurde anstandslos gewählt, wie auch alle anderen auf Gysis Personalkarussell. Die neue Führungsmannschaft ist weiblicher und gewerkschaftsnaher als die alte. Und sie hat, so Gysi, "nicht mehr viel mit der ehemaligen SED zu tun": Von zehn Spitzengenossen stammen fünf aus der SPD, drei sind erst dabei, seit die Partei Die Linke heißt, nur zwei haben die DDR-Einheitspartei erlebt.

Das beste Ergebnis erzielte mit 92,8 Prozent die neue Parteichefin Gesine Lötzsch. Und auch der Bayer an ihrer Seite, Klaus Ernst, kam auf respektable 74,9 Prozent. Der Jubel war groß. Schon schien es, als habe die Partei und "Freiheitsbewegung" (Lafontaine) Die Linke ihre bislang schwerste Krise fast spielerisch beigelegt. Dann kam der Sonntag.

Dass es da den West-Delegierten gelang, die Ost-Frauen - und später auch die Ost-Männer - quasi en bloc zu demütigen, während die neue Parteiführung tatenlos zusah, zeige, dass schönen Worten noch Taten folgen müssten, schimpfte ein Landesvorsitzender. Und es zeigt, dass die Linken in der Linken inzwischen klar in der Mehrheit sind.

In einem zweiten Wahlgang konnte der drohende Riss zwar gekittet werden, aber Unbehagen blieb bei vielen. Außer bei Klaus Ernst. Der schlenderte auch da noch durch die Reihen und verkündete frohgemut: "Wenn´s wirklich Probleme gibt, greifen wir schon ein." Die Zeit könnte schneller kommen, als er denkt.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  16 | 5 | 2010
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