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15. August 2011

Die Linke: Im Griff der Vergangenheit

 Von Bernhard Honnigfort
Mit Kränzen gedachten viele dem 50. Jahrestag des Mauerbaus in Berlin – hier am Grenzdenkmal in Hötensleben in Sachsen-Anhalt.  Foto: dpa

Vor dem Start des Wahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern will die Linke eigentlich über Niedriglöhne, Leiharbeit und Abwanderung reden. Doch die Mauer steht der Partei auch heute noch im Weg.

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Vor dem Start des Wahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern will die Linke eigentlich über Niedriglöhne, Leiharbeit und Abwanderung reden. Doch die Mauer steht der Partei auch heute noch im Weg.

Rostock –  

Marianne Linke sitzt. 97 andere haben sich im Saal erhoben. Marianne Linke nicht. Eine Schweigeminute für die Mauertoten. Es ist Samstag, 13. August 2011, der 50. Jahrestag des Mauerbaus. In Berlin und anderswo werden Kränze niedergelegt, der Bundespräsident spricht, an die Toten wird erinnert, an Unfreiheit, an die kältesten Tage des Kalten Krieges.

In der Rostocker Stadthalle hat sich die Linkspartei von Mecklenburg-Vorpommern versammelt. Eigentlich soll an diesem Tag der Wahlkampf eingeläutet werden, am 4. September wählen die Norddeutschen einen neuen Landtag. Eigentlich. „Was für eine gruselige Veranstaltung“, stöhnt eine Rostocker Genossin. Alles läuft schief, denn Marianne Linke, die frühere PDS-Sozialministerin, und zwei andere Genossen sind sitzen geblieben. „Ich bin entsetzt“, sagt Landeschef Steffen Bockhahn. „Für die Toten erhebt man sich, ohne Wenn und Aber“, schimpft Dietmar Bartsch, der Faktionsvize im Bundestag.

Nützt alles nichts. Eigentlich will die Linke nach vorne blicken, Wahlkampf machen, über Niedriglöhne, Leiharbeit und Abwanderung reden. Über Kommunalfinanzen, bessere Schulen und Kindertagesstätten. Aber sie steht im Schatten der Mauer und immer noch mit einem Fuß in der DDR.

Über die Mauer, 1961 gebaut, 1989 überwunden, wird in Rostock so heftig diskutiert, als stünde sie noch. Ein Teil der Nordostlinken kann sich nicht mit dem Untergang der DDR abfinden. Die Mauer muss immer wieder neu begründet und gerechtfertigt werden. Von weltpolitischen Zwängen ist die Rede, von den „Ultras“ in der „Bonner Regierung“. Vom Weltkrieg, den Walter Ulbricht angeblich verhinderte, als er einen Zaun zog um sein Volk.

Mauerbau war „alternativlos“

„Geschichte ist kein Gräberfeld“, ruft Arnold Schoenenburg seinen Genossen im Saal zu. Der 71-Jährige gehört zu den Linken, die eine „historische Notwendigkeit“ im Mauerbau sehen. Geschichte löse sich nicht in den Geschichten einzelner auf, ruft er. Schoenenburg und seine Mitstreiter wollen etwas anderes: „Anhand der Analyse der vorhandenen Fakten die historische Wahrheit finden“. Denn: Der Mauerbau, so Schoenenburg, war „ohne Alternative“.

So geht es eine ganze Weile. Redner folgt auf Redner, während vor der Stadthalle ein Häuflein vergnügter Leute von der Jungen Union in alten NVA-Uniformen und mit Pappwänden den Linken auf die Nerven geht. „Die BRD wird moralisch überhöht, die DDR 22 Jahre nach ihrem Tod delegitimiert“, ruft ein Mann. Dass Gesine Lötzsch, die Vorsitzende, natürlich recht hatte, als sie vom Januar 1933 sprach, in dem alles angefangen habe, Nazideutschland, der Krieg, dann die Teilung.

Diese Herrschaften, parteiintern gerne als Traditionalisten bezeichnet, sprechen natürlich nicht von den Mauertoten, 136 in Berlin, insgesamt vielleicht 1000 in 28 Jahren der deutschen Teilung. Sie sprechen von „der sogenannten Mauer“ und von der „sogenannten Wende“, von „bürgerlichen Medien“, die das alles anders sehen und verdrehen.

Sie klammern Verantwortung aus, machen aus Tätern Opfer einer Geschichte, die angeblich nicht anders hätte verlaufen können und den SED-Herrschern von damals keinen Freiraum für eigene Entscheidungen ließ. Sie habe „aufgeatmet“, berichtet eine Frau, als 1961 endlich die Grenze geschlossen wurde. Ein Redner fordert dazu auf, auch der toten DDR-Grenzsoldaten zu gedenken.

Alles gesagt und geschrieben

Eigentlich hat die Linke längst alles gesagt und geschrieben. 2001, noch als PDS, einigte sich der Parteivorstand auf den Satz: „Kein Ideal und kein höherer Zweck kann das mit der Mauer verbundene Unrecht, die systematische Einschränkung der Freizügigkeit und die Gefahr für Freiheit sowie an Leib und Leben, beim Versuch das Land dennoch verlassen zu wollen, politisch rechtfertigen.“ Aber das war auf geduldigem Papier. Das die aufbegehrenden Alten, die in der DDR immer noch den schlecht ausgeführten Versuch einer großartigen Menschheitsidee sehen, schlicht ignorieren.

Sie sind allerdings auch in der Linken klar die Minderheit, sonst wäre der 32-jährige Rostocker Steffen Bockhahn in der Stadthalle nicht als Landeschef bestätigt worden – mit zwei Dritteln aller Stimmen. Bockhahn gehört zu den Realos und Pragmatikern wie Helmut Holter, Ex-Arbeitsminister und Spitzenkandidat für den Landtag. Bockhahn sagt: „Grenzen, an denen Menschen sterben, kann man nicht entschuldigen.“ Dennoch, auch er will an sich arbeiten.

Die Idee, den Landesparteitag auf das Datum des Mauerbaus zu legen, war nicht so schlau. Beerdigt ist das Thema nicht: Man einigte sich darauf, nach der Landtagswahl ein große Konferenz abzuhalten, auf der dann alles noch einmal durchgekaut wird, die Realos mit Unbehagen, die Alten weiter auf der Suche nach Fakten, wie es einer nannte.

Marianne Linke sagte, nachdem sie sich nicht zur Totenehrung erhoben hatte, sie gedenke an diesem Tag Karl Liebknechts und dessen 140. Geburtstag. „Er war ein Opfer des deutschen Kapitals“, so Linke. „Seiner sollte man an diesem Tag gedenken.“

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