Die Kosten für Arzneimittel in Deutschland steigen ständig. Im Jahr 2008 gab die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 29,2 Milliarden Euro für die Verordnungen aus. Für 2009 wird eine weitere Steigerung um mehr als fünf Prozent erwartet - trotz aller Sparbemühungen im Gesundheitswesen. Wie schaffen es die Pharmafirmen, alle politischen Initiativen fast unbeschadet zu überstehen?
Ein wesentlicher Vorteil der Industrie ist, dass sie die Preise für neue Arzneimittel alleine festsetzt und die Kassen keine Preisverhandlungen führen können. Das führt dazu, dass die Unternehmen in Deutschland wesentlich mehr verlangen als anderswo.
Der Autor des Arzneiverordnungsreports, Ulrich Schwabe, nennt ein Beispiel: die neue Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. In den USA kosten die beiden nötigen Impfstoffe für die Grundimmunisierung 247 Euro, in Deutschland blättern die Kassen dafür 477 Euro hin. Aber auch die im Vergleich zum Original günstigeren Nachahmerprodukte, die Generika, kosten zu viel. Hätten wir bei patentgeschützten Arzneien dieselben Preise wie in den USA, so Schwabe, würde die GKV 420 Millionen Euro sparen. Wären die Mittel so günstig wie in Großbritannien, läge der Spareffekt sogar bei 3,4 Milliarden Euro.
Experten fordern zentrale Preisverhandlungen mit den Herstellern. Damit solle der Gesetzgeber eine Institution des deutschen Gesundheitswesens betrauen. Und dabei solle ein internationaler Preisvergleich maßgeblich sein.
Dass das geht, zeigt das Beispiel Schweiz: Die Schweiz hat es laut Schwabe geschafft, den Ursprungspreis für die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs von 546 Euro fast zu halbieren. Nach Verhandlungen mit den Kantonen verlangt der Hersteller nun nur noch 314 Euro. Milliarden verdienen die Firmen auch mit den sogenannten Scheininnovationen. Dabei verändern Firmen ein Medikament, dessen Patentschutz abgelaufen ist, marginal - etwa in der Molekülstruktur. Darauf melden sie dann ein neues Patent an. So versuchen sie Mittel, die keinen Zusatznutzen haben, teuer zu verkaufen. Der Pharmakologe Schwabe ermittelt hier unnötige Ausgaben der Kassen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro pro Jahr. Mit eben diesen Scheininnovationen beschäftigt sich das von Peter Sawicki geleitete Qualitätsinstitut intensiv. Es untersucht die Mittel aber nicht selbst, sondern wertet die vorhandenen Studien aus. Alles ist dem Institut aber nicht zugänglich. Denn: Die Pharmaunternehmen sind nicht verpflichtet, negative Studien zu veröffentlichen.
Angesichts der steigenden Kassenkosten, wächst der Druck auf die Bundesregierung, die Sparpotenziale bei den Arzneimitteln zu nutzen. Im Koalitionsvertrag äußerten sich Union und FDP nur vage zu dem Thema: Darin heißt es, die Regierung wolle die "Chancen innovativer Arzneimittel" für Patienten besser nutzen, "ohne dabei die Finanzierung der Krankenversicherung zu gefährden". Inzwischen kündigt zumindest die Union einen Gesetzentwurf zur Begrenzung der Arzneiausgaben an - nicht zuletzt wegen des großen Ärgers über die Zusatzbeiträge.
Trotz der Klagen von Ärzten, Kliniken und Pharmaindustrie: Die Bürger sehen Sparmöglichkeiten. Im aktuellen Deutschlandtrend von Infratest dimap im Auftrag von ARD-Tagesthemen und Frankfurter Rundschau sagen 70 Prozent der Befragten, sie sähen "noch viele Stellen im Gesundheitssystem, an denen gespart werden kann". Einen Totalumbau befürworten nur 27 Prozent. Immerhin 47 Prozent gaben an, das Gesundheitssystem nicht zu verstehen. Der Großteil ist zufrieden: Fast drei Viertel der Befragten halten das Gesundheitssystem für "im Prinzip in Ordnung".
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