STRALSUND. Wer sich in Stralsund auf die Suche nach der Sozialdemokratie begibt, der muss ins Haus der Kriminalpolizei, ganz hoch in den dritten Stock und dann noch einmal durch einen dunklen Gang bis zu einer Tür, auf der ein roter Aufkleber pappt. Hinter der Tür sitzen an diesem Nachmittag drei ratlose Herren um einen Tisch. Ein vierter blickt milde auf sie herab. Das ist Willy Brandt. Würden die Herren aus dem Fenster schauen, könnten sie das Seitenschiff der wuchtigen Nikolaikirche sehen. Der Himmel draußen ist halbwegs heiter. Die Stimmung drinnen eher wolkig.
"Wir sind hier ja leidgeprüft", sagt Klaus Mohr zur Begrüßung. Dann blickt er wieder auf seinen angeknabberten Apfel, als würde er die Kerne darin suchen. Klaus Mohr ist 44 Jahre alt. Er ist ein lässig nuschelnder Hanseat von hagerem Wuchs. Er ist Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Stralsund, wobei Kreisverband ein großes Wort ist für den Club der 107 Sozis, die am Nordostzipfel der Republik die Stellung halten. Stralsund hat 58 000 Einwohner. "Es war nie leicht, hier Sozialdemokrat zu sein", sagt Mohr. Seit Sonntag ist es noch ein bisschen schwerer.
Die Europawahl ist nicht der Tiefpunkt für die SPD. Sowohl im Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF als auch im Deutschlandtrend der ARD verliert die Partei weiter.
Bei der Sonntagsfrage fällt die SPD demnach um drei (ZDF) oder zwei (ARD) Prozentpunkte, beide sagen ein Wahlergebnis von 25 Prozent voraus.
Die politische Stimmung, in der längerfristige Bindungen an Parteien weniger zum Tragen kommen, steht noch schlechter für die SPD, die um 8 Punkte auf 22 Prozent abstürzt.
SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier schneidet in allen Fragen schlechter ab als Amtsinhaberin Merkel: Sie halten 31 Prozent für glaubwürdig, ihn 6 Prozent; soziale Gerechtigkeit erwarten von ihr 26, von ihm 20 Prozent.
Es war gegen 20.40 Uhr, als sie am Wahlabend im "Alten Bankhaus" dem roten Balken beim Wachsen zusahen. Bei 11,6 Prozent aber, da hörte er einfach auf, während die Türmchen der Schwarzen, der Dunkelroten und sogar das der "Bürger für Stralsund" weiter wuchsen. Platz vier. Noch mal 1,2 Prozentpunkte weniger. "Unfassbar", sagt Mohr.
Dabei hatten sie - wenn man so will - in der Hansestadt Glück. Im Rest von Vorpommern sah es noch finsterer aus: 8,7 Prozent in Sassnitz, 8,5 in Anklam, 5,3 in Löcknitz für die Volkspartei SPD. Das sind sächsische Verhältnisse. Jetzt auch an der Ostsee.
Dabei hatten sie sich doch Mühe gegeben. "Den besten Wahlkampf seit 1990" habe man gemacht, sagt Mohr. Fast zwei Wochen lang sind sie täglich rausgeschippert auf den Sund und haben dort ihren Slogan gehisst: "Weltoffen, hanseatisch, sozial, demokratisch." 26 000 Flyer haben sie unters Volk gebracht und sind auch dort hin gegangen, wo es weh tut, nach Grünhufe und Knieper West, wo lauter kleine Männer wohnen, die immer seltener Arbeit haben. SPD-Kundschaft, eigentlich. Es hat nichts genutzt.
22,7 Prozent hatte die SPD in Stralsund nach der Wende. Jetzt ist es die Hälfte. Schon wahr, man hat sich zerstritten vor fünf Jahren, und einer der führenden Sozis ist unter Absingen schmutziger Lieder gegangen. Aber daran allein kann es nicht gelegen haben.
Woran dann? Ganz einfach, sagt Niklas Rickmann, der Wahlkampfleiter: "Ypsilanti, Beck, Mehrwertsteuer." Der Dreiklang, der in SPD-Ohren nachhallt wie ein lästiger Tinnitus. Immer wieder seien sie an den Infoständen darauf angesprochen worden, sagt Rickmann, 27, der die blonden Haare trägt, als habe er sie gerauft. Mindestlohn, soziale Gerechtigkeit, das klinge toll, hätten die Leute gesagt - "aber für uns seid ihr noch immer unglaubwürdig". Als Sozialdemokrat, meint Mohr, müsse man sich schon fragen, was die Partei in den letzten Jahren für den kleinen Mann getan hat. "Da sind wir gute Antworten oft schuldig geblieben." Ob der Steinmeier der richtige Mann dafür ist, da sind sie sich nicht sicher hier oben am Sund, wo die Arbeitslosen mittlerweile 17, die SPD-Wähler nicht mal mehr zwölf Prozent stellen. "Der war ja vor allem der Sachwalter vom Schröder", sagt Rickmann.
Und jetzt? Jetzt geht's weiter. Muss ja. Zumal die SPD-Bundestagskandidatin des Wahlkreises hierher kommt, aus Stralsund. Das sei doch was, im direkten Duell gegen Angela Merkel antreten zu dürfen. "Das hat Charme", sagt Mohr, plötzlich munter. "Da kann man doch nur gewinnen."
DORTMUND. Ihr hundertprozentiger Geschmack sei der Steinmeier ja nicht, sagt Ingrid Rochow und schüttelt ihr ergrautes Haupt. Wie ihr überhaupt gerade "sehr durchwachsen" zumute ist. "Obwohl der Steinmeier ja auch für unser Karstadt war und das war richtig." Die Rentnerin ist Urgestein der Dortmunder SPD, Stammstadt und Herzkammer der Sozialdemokratie. Wobei: Wenn die gelernte Schneiderin Rochow neuerdings Werbung macht für ihre Partei, dann bleiben immer weniger Leute stehen. "Die sind nicht mehr so offenherzig, sach ich mal."
Ingrid Rochow ist in die SPD hineingewachsen wie man das früher halt so tat im Pott. Eine Freundin nahm sie mit ins Kolpinghaus, zwei Gläser Bier und eine Stunde später wurde sie zur Genossin in der Nordstadt, kein leichtes Pflaster. Im ärmsten Viertel der 500 000-Einwohner-Stadt reihen sich Dönerbuden an Spielhallen, Schwerlastverkehr schiebt sich über die Bundesstraße gen Osten.
Früher brachen die Menschen wie bei einem Sonntagsausflug gemeinsam zum Wahllokal auf und es war klar, wo das Kreuz hin gehörte. "Alle waren in der Partei", sagt Rochow. Kaum eine Stadt zwischen Duisburg und Dortmund, in der die Sozis bis in die 90er Jahre nicht weit mehr als 50 Prozent der Stimmen einheimsten. Was zählte, war nur vor dem Komma.
In Dortmund haben sie am Sonntag 0,2 Prozent dazu gewonnen. "Aber zum Jubeln ist das nix", sagt Franz-Josef Drabig, ein früherer Stahlarbeiter, der den Sozialdemokraten in der Bierstadt vorsteht. Ausgerechnet in Dortmund hat das Herz der Genossen zuletzt heftig geflimmert. Der langjährige SPD-Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer wird nach einer filmreifen Kriminalgeschichte bei den Kommunalwahlen im August nicht mehr antreten. Eine kokainsüchtige Angestellte hatte hunderttausende Euro veruntreut.
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