Wie jedes Jahr ertönt um Punkt 8.15 Uhr die Friedensglocke. Eine Minute lang wird im Friedenspark von Hiroshima um die über 140.000 Opfer des ersten Nuklearangriffs der Welt still getrauert. Nur das Zirpen der Zikaden ist zu hören. Dann steigen tausend Tauben in den Himmel. Schulkinder singen das Lied vom Phönixbaum. Er ist das Symbol für den Wiederaufbau der Stadt, deren Zentrum durch die US-amerikanische Atombombe zerstört wurde.
Aber in diesem Jahr richteten sich die Blicke mehr nach vorn. Erstmals nahm ein offizieller Vertreter der USA an der Gedenkzeremonie teil. „Um der künftigen Generationen willen müssen wir weiter zusammenarbeiten, um eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen“, erklärte John Ross, US-Botschafter in Japan, schriftlich. Auch der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sowie Repräsentanten der Nuklearmächte Frankreich und Großbritannien waren erstmals dabei.
Vertreter aus 74 Staaten kamen nach Hiroshima – so viele wie noch nie
Insgesamt kamen Vertreter von 74 Staaten zu dem Gedenktag – so viele wie noch nie. Sie reagierten auf den Vorstoß von US-Präsident Barack Obama vom vergangenen Jahr in Prag, alle Nuklearwaffen abzuschaffen. Vor allem dafür hatte Obama den Friedensnobelpreis erhalten.
Ban Ki Moon sprach sich dafür aus, den Vertrag über einen Stopp aller Atomversuche 2012 in Kraft zu setzen. „Wir erleben bei den meisten Staaten eine neue Führung“, sagte der Koreaner. Dieser Schwung müsse beibehalten werden. Ab 2011 solle der Sicherheitsrat auf Gipfelkonferenzen den Fortgang der Atomabrüstung verfolgen.
Die Anwesenheit der USA stieß aber auch auf Kritik. Sie komme zu spät, sagte Haruko Moritaki von der Hiroshima-Allianz gegen Atomwaffen. Das Land besitze immer noch Kernwaffen.
Auch Überlebende des Bombenabwurfs kritisierten, der Besuch der US-Delegation sei zwar ein erster Schritt zur Aussöhnung, doch eine Entschuldigung bei den Betroffenen wäre angebracht gewesen. „Aber das wird wohl nicht geschehen“, so Terumi Tanaka vom Verband der Opfer.
Das US-Außenministerium hatte die Teilnahme von Botschafter Ross mit dem „Respekt für alle Opfer des Zweiten Weltkriegs“ erklärt. Dagegen sprach Gene Tibbets, der Sohn des Piloten, der die Bombe über Hiroshima abgeworfen hatte, von einer „unausgesprochenen Entschuldigung“ der US-Regierung. Obama hatte im Januar angekündigt, Hiroshima und Nagasaki als erster US-Präsident zu besuchen. Das könnte im Herbst am Rande des Asien-Pazifik-Gipfels geschehen.
Japans eigener Umgang mit der Atombombe geriet ebenfalls in die Diskussion. Premierminister Naoto Kan versprach, dass sein Land aktiv Abrüstungsvorschläge machen werde. Die Forderung des Bürgermeisters von Hiroshima, Tadatoshi Akiba, auf den atomaren Schutzschirm des Sicherheitspartners USA zu verzichten, lehnte er jedoch ab.
Kan bestätigte die bisherige japanische Politik, keine Kernwaffen herzustellen, zu besitzen und einzuführen. Dabei blieb aber offen, ob die Regierung den Transport von US-Atomwaffen durch seine Hoheitsgewässer weiterhin erlaubt, wie es seit den 60er-Jahren heimlich praktiziert wird. Angesichts der Möglichkeit, dass dies weiterhin geschehe, fühle er Empörung, schrieb Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe in der New York Times.
In Asien wird Japans Atom-Gedenken argwöhnisch verfolgt. China hatte diesmal keinen Vertreter entsandt. Durch den Fokus auf die Atombombe stilisiere sich Japan als Kriegsopfer, obwohl bei den Eroberungsfeldzügen der Japaner nach China und Südostasien bis zu 17 Millionen Menschen getötet wurden, so der Vorwurf. Japanische Kinder wüssten von der Atombombe, aber nichts von japanischen Kriegsverbrechen.
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