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Atomkraft: Die verschwiegenen Störfälle von Philippsburg

Im Kernkraftwerk Philippsburg bei Karlsruhe hat es offenbar zahlreiche Probleme gegeben. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Ein Insider berichtete nun der FR von den Fehlern.

Im AKW Philippsburg hat es schon zahlreiche Störfälle gegeben.
Im AKW Philippsburg hat es schon zahlreiche Störfälle gegeben.
Foto: AFP
Berlin –  

Ohne das anonyme Schreiben eines Kraftwerk-Mitarbeiters hätte die Öffentlichkeit nie erfahren, was am 17. Juni 2010 im Reaktor Philippsburg bei Karlsruhe geschah. In der Liste der meldepflichtigen Ereignisse findet sich darüber kein Wort – obwohl beinahe die Kühlung versagt hätte, wenn die Mitteilungen des Insiders stimmen, die der Frankfurter Rundschau vorliegen.

Die Aufzeichnungen sind detailliert: Genannt werden die Anlagenkennzeichen, die Leitungen und Armaturen identifizierbar machen. Zudem fertigte der Insider minutengenaue Ablaufschilderungen an. Demnach verkeilte sich an jenem Tag um 14.20 Uhr ein Abdichtstopfen; große Mengen an Wasser flossen aus dem Brennelementebecken.

Eine Stunde lang konnte die Leckage demnach nicht gestoppt werden. 270.000 Liter Reaktorwasser flossen in ein Sammelbecken für Notfälle. Weitere 10.000 Liter seien über offene Entwässerungsleitungen abgeflossen, teilt der Insider mit. Damit sei die Hälfte der Kühlung außer Betrieb gewesen: „Bei einem weiteren Füllstandsabfall um sechs Zentimeter wäre die komplette Kühlung für das Brennelementebecken nicht mehr verfügbar gewesen.“

Notkühlsystem fiel aus

Der Informant listet weitere Störfälle auf und spricht von gravierenden „Fehlplanungen im Arbeitsablauf“. So sei am 19. Januar 2010 das Notkühlsystem für drei Tage ausgefallen. Am 15. Mai 2009 seien Armaturen der höchsten Sicherheitskategorie vorschriftswidrig von der Stromzufuhr getrennt worden. Damit sei der Sicherheitsbehälter nicht mehr dicht gewesen, was im Störfall zum Austritt von Radioaktivität geführt hätte.

Geschwätz von gestern - Politiker zur Atomkraft

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Es seien bis heute keine Schritte unternommen worden, um solche Fehler in Zukunft zu verhindern, so der Informant. Über die Störfälle sei die Aufsichtsbehörde informiert worden, „aber es wurde Geheimhaltung vereinbart“. Die Meldepflicht sei „wissentlich nicht beachtet“ worden. „Wahrscheinlich muss erst eine Kernschmelze in Baden-Württemberg eintreten, um diese Machenschaften zu beenden“, so der Informant.

Das baden-württembergische Umweltministerium hat die Vorfälle bestätigt. Eine Meldepflicht habe aber nicht bestanden, weil etwa die Kühlung auch nach dem Wasserverlust noch „in vollem Umfang gegeben“ gewesen sei, argumentiert Landesumweltministerin Tanja Gönner (CDU).

Wie ein AKW abgebaut wird
Stopp der Kettenreaktion

Um die Kettenreaktion zu stoppen, wird zunächst Borsäure in den Druckbehälter des Reaktors gefüllt. Dadurch wird der Neutronenfluss, der beim Uran-Verfall Wärme erzeugt, verlangsamt bis er schließlich zum Stillstand kommt. Der Druckbehälter muss dabei ständig gekühlt werden, da bei zu starker Hitze die Kettenreaktion wieder in Gang kommen kann.

Die Grünen fordern eine Untersuchung, ob die Meldepflicht verletzt wurde. Auch das Bundesumweltministerium hat einen Bericht angefordert. Bei dem Vorfall vom Mai 2009 sei eine Meldepflicht „nicht ausgeschlossen“, teilte es Grünen-Bundestagsabgeordneten auf Anfrage mit.

Autor:  Matthias Thieme
Datum:  15 | 3 | 2011
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