Politik
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22. Dezember 2010

Dietrich Wagner: Der Mann mit den blutenden Augen

 Von Gabriele Renz
Beim Polizeieinsatz Ende September in Stuttgart wurden Hunderte Demonstranten verletzt. Foto: dpa

Dietrich Wagner wurde binnen weniger Stunden zur Ikone des Widerstands − nun scheiden sich die Geister an ihm.

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Dietrich Wagner wurde binnen weniger Stunden zur Ikone des Widerstands − nun scheiden sich die Geister an ihm.

Stuttgart –  

Dietrich Wagner hatte nun schon einige TV-Auftritte, an der Hand geführt von Lebensgefährtin Erika. Ob es ihm und seinem Anliegen, Stuttgart 21 zu kippen, eher geschadet oder genutzt hat, kann man nicht sicher sagen. Als Wagner berühmt wurde, war er „nur“ eine Ikone des Protests. Sein Antlitz mit den blutenden Augen wurde binnen weniger Stunden zum Symbol für den Widerstand gegen eine bürgervergessene Obrigkeit, die knüppelnde Polizei auf Kritiker hetzt.

Anfangs konnte Wagner nicht viel sagen zu dem, was ihm widerfahren ist und wozu er gemacht wurde. Er lag schwer verletzt im Hospital. Seinetwegen sagte Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU), solche Bilder wolle man „nie mehr sehen“. Wagner kann keine Bilder mehr sehen, nur noch hell und dunkel. Im Schlossgarten hatte ihn der Strahl eines Wasserwerfers so sehr getroffen, dass ein Auge blind bleibt und sein anderes nur Schemen erfassen kann.

Es lag nahe, auch Wagner als Frontkämpfer zu stilisieren. Er arbeitete lange selbstständig in einem Ingenieurbüro, ist seit Jahren in Rente. Dass ihn viele Medien als „Ingenieur“ bezeichneten, passte zur These, im Schlossgarten tobe der biedere Mittelstand. Mit dem Rad fährt Wagner an jenem 30.9.2010 zur Schülerdemo. Als alle in den Schlosspark rennen und er die Polizei mit ihren Wasserwerfern sieht, überkommt ihn „Wut“. Er wirft Kastanien, bleibt, während andere weichen, wie angewurzelt stehen. Im Videomaterial des polizeilichen Beweissicherungsteams sieht man, wie Wagner aus dem Strahlbereich des Wasserwerfers hinausgeleitet wird. Und jedes Mal wieder hineinläuft. Er hat ein Papp-Schild um den Hals („Wer die CDU wählt, dem soll die Hand verdorren“) und winkt mit erhobenen Händen Richtung Fahrzeugbesatzung. Sehen, ob er den „Wahnsinn“ nicht allein stoppen könne, gibt der 66-Jährige als Motiv an.

Bis zum Abriss des Nordflügels hatte er sich kaum für das Bahnprojekt interessiert, fühlte sich durch die Proteste aber an „Woodstock“ erinnert. Polizeibeamte sagen im Untersuchungsausschuss, sie hätten nicht verstanden, warum Wagner auch nach mehrfachen Aufforderungen nicht gegangen sei. Im Spiegel formuliert der Rentner: „Wenn Hitler damals auf den entschiedenen Widerstand des Volkes gestoßen wäre, hätte es kein ,Drittes Reich‘ gegeben.“ Mappus und Bahnchef Rüdiger Grube wie Hitler und Goebbels? Wagner sinniert, etwa in der SWR-Sendung „Zur Sache“, aber auch darüber, von der eigenen „Gruppe“ als Märtyrer instrumentalisiert zu werden. Aus dem Helden des Widerstands ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein Verzweifelter geworden, der behauptet, er habe gehen wollen, aber nicht gewusst, wohin.

An Wagner scheiden sich die Geister. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen geworfener Kastanien, als Tatbestand kommt versuchte schwere Körperverletzung infrage. Wagner hat einen Akteur des „Polizeistaates“, Innenminister Heribert Rech (CDU), wegen Körperverletzung angezeigt.

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