Mit einer Polit-Show nach US-Muster wurde Dilma Rousseff auf dem Parteitag der brasilianischen Arbeiterpartei (PT) in Brasília zur Präsidentschaftskandidatin gewählt. Der amtierende Präsident, Luiz Inácio Lula da Silva, hat sie seit 2008 offen als Nachfolgerin aufgebaut, und obwohl sie in der Partei weder verwurzelt noch besonders beliebt ist, trat kein Konkurrent auf. Lula darf nach zwei Amtsperioden bei der Wahl im Oktober nicht mehr antreten. Aber mit mehr als 75 Prozent Zustimmung ist er höchst beliebt, und diese Popularität versucht er auf Dilma Rousseff zu übertragen.
Lula hatte sie nach seiner Wahl 2002 als Energie- und Bergbauministerin ins Kabinett geholt. 2005 rückte Rousseff ins Präsidialamt auf, die wichtigste Schaltstelle der Macht. Ein über 200 Milliarden Euro schweres Investitions- und Infrastrukturprogramm trägt ihren Stempel; es ist ihr wichtigstes Kapital im Wahlkampf. Dass ihr Herz, wie der Lula-Vorgänger Fernando Henrique Cardoso kürzlich sagte, weiter links schlage als Lulas, ist eher unwahrscheinlich. Rousseff, die sich in den 60er Jahren als Teenagerin dem Kampf der Guerilla gegen die Militärjunta angeschlossen und deswegen von 1970 bis 1972 im Gefängnis gesessen hatte, ist eine nüchterne, technokratische Macherin, die freilich einem gestaltenden, sozial korrigierenden Staat mehr Einfluss auf die Ökonomie einräumen will als die rechte Opposition. Das war auch schon Lulas Haltung.
Auf dem Parteitag versprach sie Reformen in der Bildungs-, Gesundheits- und Wohnungsbaupolitik, was eher eine Konzession an die Parteilinke ist und zugleich das Eingeständnis, dass nach acht Lula-Jahren Nachholbedarf auf diesem Gebiet besteht. Dass die PT nicht allzu weit nach links kann, gewährleistet schon ihr wichtigster Bündnispartner PMDB, eine Partei, deren Besonderheit ihre Programmlosigkeit ist und die auf Bundesebene die PT unterstützt, solange ihr genügend Posten und Pfründe zugewiesen werden.
Gegen Dilma Rousseff wird vermutlich José Serra antreten, der Gouverneur des Bundesstaates São Paulo. Er gehört der rechts von der Mitte stehenden sozialdemokratischen Partei an. Serra, der 2002 gegen Lula unterlag, schneidet in den Umfragen deutlich besser ab als Rousseff. Aber das dürfte sich im Sommer schnell ändern, wenn die offizielle Wahlkampf-Werbung im Fernsehen beginnt, die im TV-süchtigen Brasilien entscheidend für die politische Meinungsbildung ist. Dennoch sind die Politologen vorsichtig. Erstens ist eine Wahl ohne Lula etwas Neues. Und zweitens ist unklar, wie sich die Millionen Wähler verhalten, die in letzter Zeit aus der Armut in die Mittelschicht aufgestiegen sind.
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