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"Wir brauchen einen Schuldigen"

Wie die SED während der friedlichen Revolution in der DDR versuchte, sich als Partei reinzuwaschen. Ein Zeitzeugengespräch mit Wolfgang Berghofer.

Zeichen der Macht: Ein riesiges Parteiabzeichen prangte bis 1989 am Haus des ZK der SED in Berlin.
Zeichen der Macht: Ein riesiges Parteiabzeichen prangte bis 1989 am Haus des ZK der SED in Berlin.
Foto: dpa

Manfred Wilke: Die entscheidende Zäsur für die weitere Entwicklung ist der 9. November, der Mauerfall. (Egon) Krenz, (Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzender der DDR, d. Red.) hat an diesem Tag vor dem ZK - als er das Reisegesetz verlas und abnicken ließ - gesagt: Gleichgültig was die SED tut, sie macht einen Fehler. Die Öffnung der Grenze war ja auch nicht so vorgesehen, wie sie verlief. Nach dem Mauerfall, am 10. November, nominierte das ZK (Hans) Modrow als Ministerpräsidenten der DDR, und er bildete am 17. November erstmals in der DDR eine Koalitionsregierung. In dieser Situation gab es eine bemerkenswerte und gegen die Geschichte der SED verlaufende Neuverteilung der Macht. Das einzige handlungsfähige Instrument, über das die SED noch verfügte, war der Staatsapparat. Nicht mehr das Politbüro mit Krenz, sondern Modrow wurde zur eigentlichen Zentrale der SED-Herrschaft in der DDR. Wie wurde das von Ihnen aufgenommen, reflektiert, und was hatte Modrow in dieser Situation mit seinem Oberbürgermeister vor?

Wolfgang Berghofer: An dem Tag des endgültigen Sturzes des Politbüros, am 3. Dezember, einem Sonntag, rief mich Modrow in Dresden an und sagte: "Komm bitte sofort nach Berlin. Richte dich auf einen längeren Aufenthalt ein." Also habe ich mich von meiner Frau im Lada nach Berlin ins Haus des ZK kutschieren lassen. Ich hörte dort, dass Herbert Kroker, der ehemalige Generaldirektor des Erfurter Mikrotechnologiekombinates einen Arbeitsausschuss leitete. Es konnte mir niemand sagen, wer ihn beauftragt und legitimiert hatte.

Die Gesprächspartner

Wolfgang Berghofer war in der DDR SED-Funktionär und Oberbürgermeister von Dresden.

Manfred Wilke ist Soziologe und Zeithistoriker. Er war bis August 2006 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin (FHW) und bis zu seiner Pensionierung einer der beiden Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Das in Auszügen dokumentierte Gespräch wird im neuen "Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007" erscheinen. Der Band wird am kommenden Dienstag in Berlin vorgestellt. ber

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007 Hrsg. im Auftrag der Stiftung Aufarbeitung. Aufbau-Verlag Berlin, 512 S. ISBN 3-351-02687-5, 38,00 € (bislang 75,00 € ).

Die Schuldigen sind wir, sagte ich. Nein, das kann man nicht so sehen, sagte Modrow. Wir brauchen Verantwortliche, von denen die Massen sagen, sie sind schuld. Wolfgang Berghofer, einst SED-Oberbürgermeister Dresdens.
"Die Schuldigen sind wir", sagte ich. "Nein, das kann man nicht so sehen", sagte Modrow. "Wir brauchen Verantwortliche, von denen die Massen sagen, sie sind schuld." Wolfgang Berghofer, einst SED-Oberbürgermeister Dresdens.
Foto: ddp

Wilke: Zu diesem Zeitpunkt wussten Sie, dass das Zentralkomitee geschlossen zurückgetreten ist, dass Krenz nicht mehr Generalsekretär war und die SED von einem Arbeitsausschuss geleitet wurde?

Berghofer: Geleitet werden sollte! Und ich kam in Berlin an, als sich der Tagungsraum leerte, offensichtlich hatte es noch zwei, drei Stunden nach der Verkündung der Beschlüsse in den Foyers Diskussionen gegeben, und es rannte alles wild durcheinander. Die meisten handelnden Personen kannte ich. Kroker kannte ich nicht persönlich, der war in schon relativ fortgeschrittenem Alter. Modrow sagte mir, es sei ein Arbeitsausschuss berufen worden, dem ich angehören solle. Dieser Arbeitsausschuss hat die Aufgabe, einen Sonderparteitag vorzubereiten und die Übergangslinie für die Parteiarbeit festzulegen. Wir müssen uns jetzt hinsetzen und überlegen, was zu tun ist.

Es kam zu einer bemerkenswerten Neuverteilung der Macht. Das einzige handlungsfähige Instrument, über das die SED noch verfügte, war der Staatsapparat. Manfred Wilke, Historiker vom Forschungsverbund SED-Staat.
Es kam zu einer bemerkenswerten Neuverteilung der Macht. Das einzige handlungsfähige Instrument, über das die SED noch verfügte, war der Staatsapparat. Manfred Wilke, Historiker vom Forschungsverbund SED-Staat.

In dem großen Chaos habe ich versucht, im Hause des ZK jemanden zu finden, der sich auskannte. Man muss sich die Atmosphäre vorstellen, der alte Parteiapparat hatte zur Kenntnis genommen: Unsere Führung ist entmachtet, unsere Abteilungsleiter sind entlassen. Und was wird jetzt aus uns? Werden wir alle aufgehängt? 6000 hauptamtliche Funktionäre im großen Haus standen plötzlich vor dem Nichts, und jeder versuchte zu retten, was zu retten ist. Zudem saß man auf hochbrisanten Archiven, jede Abteilung für sich! Man sah Leute mit Papieren durch die Gänge flitzen, man sah die grauen Gestalten, die entmachtet worden waren, in Dreiergruppen zusammenstehen, und dazwischen bewegten sich nun die Mitglieder des neuen Arbeitsstabes. Zum Beispiel Heinz Vietze (heute parlamentarischer Geschäftsführer der Linkspartei/PDS im Brandenburger Landtag, d. Red.). Ich fragte ihn: "Was machst du denn hier?" "Na, ich bin jetzt 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Potsdam. Wir sollen hier irgendwas erfinden." Also Chaos, Konzeptionslosigkeit. Dann gab es die erste Zusammenkunft dieser Truppe. Da saßen Kroker, Modrow, Gregor Gysi, Markus Wolf und der Rest der Mannschaft. Wolf überreichte mir bei der Gelegenheit sein Buch "Die Troika" mit der Widmung: "Für Werner Berghofer". So hatte ich gleich meinen Decknamen. Kroker sagte: "Genossen, wir sollen einen Sonderparteitag vorbereiten, aber damit hier gleich klar ist: Ich stehe nicht für eine herausragende Funktion zur Verfügung. Ich leitete diesen Arbeitsausschuss, bis er seinen Auftrag erfüllt hat, und dann gehe ich zurück nach Erfurt."

Von da an tagten wir permanent, rund um die Uhr, verschwitzt, im Sitzungssaal des Politbüros. Von überall kamen die Mitteilungen, da sind der und der zurückgetreten und dort ist wieder eine Demonstration. Die Ereignisse der Revolution im Lande stürzten auf die Mannschaft ein: Dort revoltieren die Mitarbeiter der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). "Markus, da muss'de hin und schlichten." Hinzu kam die krampfhafte Suche nach der Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll. Also als Erstes war die Frage zu klären, wer soll auf dem Sonderparteitag für welche Funktion kandidieren. Im Vorfeld hatte es ein Gespräch mit Modrow und Wolfgang Herger gegeben. Herger kannte ich aus der FDJ-Zeit, da war er 2. Sekretär des Zentralrats. Sie sagten: "Genosse, du musst jetzt die Führung der SED übernehmen, du bist der Bekannteste, du bist populär, die Leute vertrauen dir." Und ich habe gesagt: "Könnt ihr vergessen, ich stehe für eine hauptamtliche Funktion als Parteifunktionär hier genauso wenig wie in Dresden zur Verfügung. Das ist nicht meine Welt. Im besten Fall übernehme ich eine ehrenamtliche Funktion." Na gut, das war erledigt. Aber im Arbeitsausschuss wiederholte sich das Ganze, weil nämlich alle 23 Personen stundenlang auf mich einredeten und sagten: "Du musst, weil …" Bis Gysi sich erhob und eine zündende Rede hielt, perfekt, wie er das kann, und die Begründungen lieferte, warum ich das machen soll. Ich hab dann gesagt: "Gregor, hervorragende Rede, setz deinen Namen ein, und dann stimmt alles." Woraufhin Gysi sagte: "O. k., dann mach ich das." Damit war die Machtfrage personell geregelt.

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Datum: 12 | 4 | 2007
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