Mit ihm ist noch zu rechnen. Wer vor Millionenpublikum ein derart raffiniertes Bühnenstück abliefert, der denkt doch nicht an Rückzug und Rente. Der will noch einmal angreifen. Oder wie es der Pariser Psychoanalytiker Serge Hefez am Montag formuliert: „Dominique Strauss-Kahn hat noch Ressourcen und mobilisiert seine Energie für seine Ehrenrettung.“
Von 20.09 bis 20.33 Uhr hat die Fernsehbeichte des ehemaligen IWF-Chefs und Favoriten im französischen Präsidentschaftsrennen nur gedauert. Aber in diesen 24 Minuten hat sich der Franzose am Sonntagabend an allem versucht, was dem Zuschauer auch nur ein Quäntchen Mitgefühl und Sympathien entlocken könnte.
Dominique Gaston André Strauss-Kahn wurde 1949 in Neuilly-sur-Seine geboren, wuchs aber in Marokko und später in Monaco auf.
Der Wirtschaftswissenschaftler und Politiker der sozialistischen Partei Frankreichs diente unter Premier Lionel Jospin von 1997 bis 1999 als Wirtschafts- und Finanzminister. Der Rückgang der Arbeitslosenquote galt als sein Verdienst.
Im November 2006 unterlag DSK, wie er in Kurzform genannt wird, Ségolène Royal als Kandidat der französischen Sozialisten für die Präsidentschaft.
Ein Jahr später schlug der neu gewählte konservative Präsident Nicholas Sarkozy Strauss-Khan für den Posten des Direktors des Internationalen Währungsfonds vor. Bis zu seinem Rücktritt im Mai diesen Jahres führte DSK den Fonds.
DSK, wie er kurz genannt wird, gab den zerknirschten, beim Fremdgehen mit einem New Yorker Zimmermädchen ertappten Ehemann. Er spielte das Opfer ihn als Vergewaltiger verleumdender Frauen und eines gnadenlosen amerikanischen Justizapparats. Er schlüpfte in die Rolle des zum Staatspräsidenten berufenen Politikers, der seiner Berufung wegen einer „moralischen Verfehlung“ leider nicht Folge leisten dürfe. Er empfahl sich als Wirtschaftsweiser, der Europa den Weg aus der Schuldenkrise weisen könnte, wenn man ihn nur ließe. Nicht zu vergessen die Rolle des loyalen Sozialisten, der den nun leider ohne ihn antretenden Genossen den Wahlsieg wünscht. Der Auftritt war ähnlich atemberaubend wie die Vorgeschichte.
Am 14. Mai war Strauss-Kahn auf dem New Yorker Flughafen wegen des Verdachts festgenommen worden, ein Zimmermädchen des New Yorker Hotels Sofitel vergewaltigt zu haben. Der Franzose verbrachte drei Nächte im Gefängnis. Im August wurden die Ermittlungen wegen Zweifeln an der Glaubwürdigkeit Nafissatou Diallos eingestellt, des mutmaßlichen Opfers.
Und wie das bei großen Inszenierungen so ist: Sie kommen nur zustande, wenn alle über sich hinauswachsen. Kostümbildner, Regie, Haupt- wie Nebendarsteller – im Studio von TF1 griff ein Rädchen ins andere.
Düstere Miene
Der Protagonist DSK erscheint in dem Fernsehstudio in schwarzer Kluft, die Miene verdüstert, passend zur „moralischen Verfehlung gegenüber Ehefrau, Familie und Franzosen“, die er beichten wird. Gleichzeitig trägt er aber auch die Feststellung würdevoll vor, dass im New Yorker Hotelzimmer „weder Gewalt, noch Zwang oder Aggression“ im Spiel gewesen sei.
Später, als Abbitte getan ist und der Studiogast andere Menschen zur Rechenschaft ziehen kann, machen sich das Schwarz des Anzugs und die Düsternis der Miene auch nicht schlecht. Sie unterstreichen den Ernst der wirtschaftlichen Lage, verleihen Strauss-Kahns Vorwurf, die Politiker täten in der Euro-Schuldenkrise zu wenig und dies auch noch zu spät, gleichfalls Gewicht.
In der Rolle der Moderatorin wiederum glänzt die mit Strauss-Kahns Gattin Anne Sinclair befreundete Claire Chazal. Im Juli hatte sie verraten, Anne in schwerer Zeit „kleine Nachrichten voller Sympathie und Zärtlichkeit“ zukommen zu lassen. Im Studio spielt Chazal nun dem Ehemann der Freundin die Bälle zu, stellt zur richtigen Zeit die richtigen Fragen, setzt gemeinsam mit ihm nach gewichtigen Worten gewichtige Pausen. Eine der längsten folgt dem Bekenntnis Strauss-Kahns, der Ehefrau, mit der er „ein Wahnsinnsglück“ gehabt habe, wehgetan zu haben.
Der Erfolg gibt dem TV-Ensemble Recht. Am Montag ist DSK in aller Munde. 13,4 Millionen Zuschauer hat die Sendung in Bann gezogen. Eine Rekordeinschaltquote von 47 Prozent war das, wie sie TF1 seit Jahren nicht erzielt hat. Nicht, dass die Worte und Gesten des Heimkehrers rundum überzeugt hätten. Wie nicht anders zu erwarten, ertönt aus dem Regierungslager Kritik. Ex-Premier Jean-Pierre Raffarin verkündet, Strauss-Kahn hätte mehr Anstand bewiesen, wenn er geschwiegen hätte. Aber der Kommunikationsforscher Dominique Wolton bescheinigt dem Sozialisten, „das Format eines Staatspräsidenten“ gezeigt zu haben. Fest steht: Der Mann, der versichert, weder in die Kandidatenkür der Genossen noch in den Präsidentschaftswahlkampf eingreifen zu wollen, hat sich ins politische Geschehen zurückkatapultiert.
Ein paar Warterunden
Gewiss, ein paar Warterunden wird Strauss-Kahn noch drehen müssen, bis er dauerhaft auf die politische Bühne zurückkehren kann. Mit Präsidentschaftsehren wird es 2012 tatsächlich nichts werden. Ende des Monats will die Pariser Staatsanwaltschaft über die Strafanzeige Tristane Banons entscheiden. Die heute 32-jährige Schriftstellerin beschuldigt DSK, sie 2003 zum Interview in eine leere Wohnung bestellt und missbraucht zu haben.
Sollte ein Verfahren wegen versuchter Vergewaltigung eingeleitet werden, wäre dies ein schwerer Schlag. Im Frühjahr nächsten Jahres soll in New York der von Diallo betriebene Schadensersatzprozess folgen. Wenig ermutigend klingt auch eine Umfrage, wonach 53 Prozent der Franzosen wünschen, dass DSK der Politik endgültig Adieu sagt. Aber das muss letztlich nicht viel heißen. Die Erhebung wurde in der vergangenen Woche durchgeführt. Vor dem furiosen Fernsehauftritt.
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