Wie sie so dasitzt am Küchentisch, scheint für einen Augenblick die Wut verflogen. Den Blick auf die abwaschbare Tischdecke mit den Blumenmotiven gesenkt, erzählt Luz María Dávila, bis die Tränen die Worte ertränken. Sie erzählt von den Alpträumen, aus denen sie nachts hochschreckt, immer dann, wenn sie im Schlaf wieder die unverwechselbaren Geräusche ihrer Stadt hört: Erst die Salven aus automatischen Gewehren, dann quietschende Reifen, der kurze Moment der Stille, bis die Schreie einsetzen.
Es sind die Geräusche zum ewig gleichen Grauen in Ciudad Juárez, der tödlichsten Stadt der Welt. Seit 2008 starben in der Millionenstadt an der Grenze zu den USA mehr als 6000 Menschen im Kugelhagel der Kartelle.
In diesem Film spielt Luz María Dávila eine traurige Hauptrolle. Der mexikanische Drogenkrieg hat sich mit all seiner Grausamkeit und Absurdität in ihr Leben gedrängt, ein Krieg, in dem immer mehr Menschen im Ringen um Routen und Reviere für das Rauschgift getötet werden.
Weltweit beachtet wurde vergangene Woche der größte Erfolg, den die mexikanische Regierung seit Beginn des Drogenkrieges (1999) vermelden konnte. Am 30. Juli dieses Jahres spürte eine Militäreinheit Ignacio Coronel auf und tötete ihn in einem Feuergefecht. Coronel war einer von drei Bossen des Sinaloa-Kartells.
Im Drogenkrieg Mexikos gehört das Sinaloa-Kartell zu den mächtigen jener zehn kriminellen Organisationen, die gegeneinander um die Vorherrschaft im Handel mit in Mexiko angebautem Marihuana und Kokain aus Kolumbien kämpfen – und sich jede für sich noch einen ständigen Krieg mit der Poloizei und dem Militär liefern.
Fast 26 000 Tote forderte der Drogenkrieg seit 2006.
Korruption und schlechte Organisation in den Reihen von Politik, Polizei und Militär begünstigen den seit Ende 1999 geführten Krieg zusätzlich.
Ciudad Juárez gilt als Zentrum dieses Krieges. Die Stadt im Norden Mexikos, die vier Brücken mit El Paso im US-Bundesstaat Texas verbindet, zählt zu den gefährlichsten Städten der Welt.
Traurige Berühmtheit erlangte sie durch eine Mordserie, in der seit 1993 mehr als 400 Frauen getötet worden sind. cob
In Ciudad Juárez sind es durchschnittlich zehn pro Tag, am Wochenende meist doppelt so viele. Die Pistoleros der Kartelle strecken ihre Opfer beim Frisör nieder, verfolgen sie bis ins Krankenhaus oder überfallen sie daheim beim Fernsehabend. Manchmal werden auch Beerdigungsinstitute zum Tatort, wenn die Killer auch noch die Angehörigen bei der Trauerfeier töten. Längst haben die Mafias jeden Ehrenkodex gebrochen und eliminieren neben Soldaten, Polizisten und Konkurrenten zunehmend Unschuldige. Getötet wird, wer zwischen die Fronten gerät – oder verwechselt wird.
Und hier beginnt die Geschichte von Luz María Dávila und ihren beiden Söhnen Marcos, 19, und José Luis, 16.
An einem Samstagabend Ende Januar sind die Söhne der Luz María Dávila zur falschen Zeit am falschen Ort. Nur ein paar Häuser von daheim im Arbeitervorort Villas de Salvárcar entfernt, feiern sie mit einem Dutzend anderer Jugendlicher eine Geburtstagsparty, als gegen 22.30 Uhr sechs Killer in drei Pick-up-Trucks vorfahren, die Feier stürmen und auf die Gäste schießen. Das jüngste der 13 Opfer war 13 Jahre alt.
Luz María hört die tödlichen Salven beim Fernsehabend. Es läuft eine Telenovela. Sie springt auf und rennt atemlos die 150 Meter zum Ort des Massakers, findet ihren älteren Sohn tot, begraben unter zwei blutüberströmten Leichen. „Der Kleine hatte 18 Kugeln im Bauch und eine im Kopf, er starb am anderen Tag“, sagt die Mutter und rettet sich für einen Moment in die Nüchternheit der gerichtsmedizinischen Akten.
Als Luz María Dávila den Blick hebt, ist die Wut wieder da. Nicht nur auf die Mörder ihrer Söhne, die frei herumlaufen, sondern auch auf die Politiker, die das Morden nicht stoppen können. Und vor allem auf den Präsidenten. Denn der Ermordung ihrer Kinder folgte die zweite, die öffentliche Hinrichtung: „Präsident Calderón hat behauptet, meine Söhne und die anderen Muchachos auf der Party seien Bandenmitglieder im Sold der Kartelle gewesen“, sagt sie und ihr Blick prallt zornig auf die kahle Wand ihrer Küche. Trauer und Tränen haben tief-dunkle Ränder unter die Augen der 43-Jährigen gegraben.
„Herr Präsident, tun sie etwas“
Zehn Tage nach dem Massaker fliegt Felipe Calderón, der Staatschef, in den äußersten Norden Mexikos. Im Auditorium von Ciudad Juárez trifft er sich mit 600 Vertretern aus Politik und Wirtschaft.
Es ist der 11. Februar, und Luz María Dávila verlässt an diesem Tag ihren Arbeitsplatz in einer Fabrik für Autohupen vorzeitig, zieht sich gegen die Frühjahrskälte in der Wüstenstadt einen blauen Wollmantel über und geht zum Auditorium. „Ich war wie in Trance, ich konnte mich hinterher an nichts mehr erinnern“, sagt sie heute.
Sie verschafft sich Zugang zum Saal, geht ganz vorne ans Podium, bis sie Aug in Aug mit dem Staatschef steht. Luz María Dávila, eine Frau von weniger als 1,60 Meter Größe, baut sich vor Calderón auf und sagt zu ihm: „Sie sind hier nicht willkommen. Ich möchte, dass Sie sich dafür entschuldigen, dass Sie meine Jungen Banditen genannt haben; das ist nicht wahr. Einer machte gerade Abitur, der andere studierte!“ Ihre Stimme überschlägt sich fast und ihre letzten Worte gehen im Beifall der Anwesenden unter: „Herr Präsident, tun Sie endlich was für Juárez.“
Am nächsten Morgen gehören Luz María Dávila die Aufmacher der mexikanischen Tageszeitungen, das Video ihres Auftritts ist auf Youtube schon tausende Male angeklickt.
Luz María war anfangs überrascht über die Aufmerksamkeit, die ihr die Konfrontation des Präsidenten einbrachte. Täglich rufen Reporter an, Psychologen und Juristen bieten Hilfe. Heute weiß sie, dass sie den Mexikanern aus der Seele gesprochen hat, die des Drogenkriegs überdrüssig sind.
Vier große Kartelle sowie ein halbes Dutzend kleine Gruppen, die sich wechselnd mit einem der mächtigen Vier verbünden, kämpfen in Mexiko um den Binnenmarkt und die Routen für Schmuggelware jeder Art in die USA. Nach Erkenntnissen der US-Drogenfahnder ist Mexiko Drehkreuz für 60 bis 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains. Zudem versorgen die Kartelle den US-Markt mit Marihuana, Heroin und synthetischen Drogen.
Aber die Mafias verschieben auch Autos, schmuggeln Menschen und Waffen, entführen, erpressen und dominieren das Geschäft mit Raubkopien. Die Jahresumsätze aller illegalen Geschäftstätigkeiten zusammen schätzen Experten auf jenseits der 100 Milliarden Dollar. Dies entspricht zehn Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts.
Die Stadt ist eine Kampfzone
Und Hauptkampfgebiet ist Ciudad Juárez, eine Stadt ohne Seele, geprägt von breiten Avenidas, die Fabrikhallen mit Fast-Food-Tempeln verbinden und Einkaufszentren mit Schlafstädten. Wer die Stadt durchquert, hat das Gefühl, einen großen Vorort zu passieren, ohne jemals irgendwo anzukommen. Vor der Stadt erhebt sich der Grenzzaun, im Rücken liegt die Wüste von Chihuahua.
Seit den 90er Jahren dominierte in Juárez das gleichnamige Kartell unter Führung von Armando Carillo, dem sagenumwobenen „Señor de los Cielos“, dem Herrn der Himmel. Er setzte als Erster Flugzeuge ein, um das Rauschgift in die USA zu bringen. Carillo starb 1997 auf einem OP-Tisch in Mexiko-Stadt unter mysteriösen Umständen, als er sich ein neues Gesicht machen lassen wollte.
Seither ist Juárez Kampfzone, und heute drängt das Sinaloa-Kartell, die mächtigste Mafia Mexikos, mit Macht in die Stadt. Denn Juárez liegt strategisch günstig im Zentrum aller Handelsrouten, vier Grenzübergänge verbinden die Stadt mit dem texanischen El Paso, im Hinterland die kaum kontrollierbaren Weiten des Bundesstaats Chihuahua. In dem Gebiet, das zwei Drittel der Fläche Deutschlands umfasst, leben nur drei Millionen Menschen. Wann hier Flugzeuge landen und wo Marihuana angebaut wird, ist kaum kontrollierbar.
Seit Calderón Ende 2006 sein Amt angetreten und den Kartellen den Kampf angesagt hat, forderte der Drogenkrieg 26000 Menschenleben. Er konzentriert sich auf die Städte an der 3200 Kilometer langen Grenze zu den USA: Ciudad Juárez, Tijuana, Nuevo Laredo.
Aber zunehmend fechten die Kartelle ihre Fehden im ganzen Land aus. In der Industriemetropole Monterrey hoben die Behörden Ende Juli ein Massengrab mit mehr als 50 mutmaßlichen Opfern der Organisierten Kriminalität aus, in Torreón, 1000 Kilometer südlich von Juárez, ermordeten Mafia-Killer 17 Gäste einer Geburtstagsfeier.
Das Massaker wirkte wie die Nachahmung der Hinrichtung von Juárez, bei der die Söhne von Luz María Dávila ums Leben kamen. Auch in Torreón war offensichtlich keiner der Gäste, die mit AK-47-Maschinengewehren hingerichtet wurden, in Drogengeschäfte verstrickt. Die Täter waren Häftlinge, denen die Gefängnisleitung in Komplizenschaft Ausgang zum Töten gab.
Soziale Ursachen des Problems
Calderón hat auf die Herausforderung der Mafia nur eine Antwort: Er hat in Juárez 11000 Soldaten und Bundespolizisten stationiert, um die Kartelle in Schach zu halten, in ganz Mexiko sind es fast 50000. „Doch mehr Sicherheitskräfte bedeuten nicht mehr Sicherheit, sondern nur mehr Tote“, sagt der Arzt Miguel García, der nicht an die militärische Option glaubt.
Er spult aus dem Gedächtnis die Zahlen des Horrors herunter. „2006, vor Calderóns Amtsantritt, hatten wir in Juárez 200 Morde pro Jahr. 2009 waren es 2800. Und dieses Jahr sind es bereits 1650. Wie viele müssen es werden, bis die Regierung merkt, dass ihre Politik verfehlt ist?“
Gemeinsam mit anderen Ärzten will er die sozialen Ursachen des Drogenproblems angehen: „Es fehlt hier an Bildung, an Gesundheit, an Angeboten für die Jugendlichen.“ Experten für Organisiertes Verbrechen werfen der Regierung weitere Versäumnisse vor: Die Finanznetze bleiben unangetastet, die Korruption ungeprüft. Und vor den engen Verbindungen zwischen Politik und Mafia verschließen Calderón und seine Regierung die Augen.
Wie fühlt es sich an, der Bürgermeister der gefährlichsten Stadt der Welt zu sein? „Traurig, manchmal ist man ein bisschen ohnmächtig“. José Reyes sitzt hinter einem großen Mahagoni-Schreibtisch und beantwortet die Frage so beiläufig, als sei sie ihm schon hunderte Male gestellt worden. Er hebt kaum den Kopf und unterschreibt Akten mit einem Montblanc-Füller, während er spricht.
Reyes ist ein Mann von 48 Jahren, er hat rosa Wangen und trägt an diesem Tag ein zu enges weißes Hemd. Seine dreijährige Amtszeit endet dieses Jahr. Er wolle dann erst mal eine längere Pause machen, sagt er. Reyes war schon mal vor neun Jahren Bürgermeister der Wüstenstadt: „Damals war es leichter.“
Damals lebte er mit seiner Familie noch in Juárez. Heute ist nur noch er da. Frau und Kinder hat er auf der anderen Seite des Zauns in El Paso in Sicherheit gebracht. El Paso gehört zu den drei sichersten Städten der USA. „Aber es wird besser“, behauptet der Bürgermeister und lächelt. Für einen Bürgermeister einer Stadt im Kriegszustand lächelt er sehr viel. „Wir haben 3000 neue Polizisten eingestellt, in einem halben Jahr wird die Gewalt verschwunden sein.“
Aber weshalb werden dann immer mehr Unschuldige ermordet im Drogenkrieg, so wie auf der Geburtstagsparty in Villas de Salvárcar?
Die Mörder hätten sich geirrt und die Jungs und Mädchen für Mitglieder einer Jugendbande gehalten, antwortet Reyes. „Das war ein Versehen.“
Luz María Dávila hat diese Erklärung schon unzählige Male gehört. Sie lächelt bitter, und die Augen huschen über Fotos ihrer Söhne – so schnell als halte sie den Anblick nicht aus: José Luis mit Freunden beim Abschlussball, Marcos zusammen mit den Eltern und der Freundin.
Ans Weggehen aus Juárez denkt die Mutter trotz des großen Schmerzes nicht. Noch nicht. „Ich habe hier eine Aufgabe. Ich will Gerechtigkeit für meine Jungs.“ Dann senkt sich ihr Blick wieder auf die Tischdecke mit den Blumenmotiven. Und sie sagt: „Aber mein Leben ist zerstört.“
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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