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08. Februar 2013

Drohnen: Raubvögel über Afrika

 Von 
Ein Drohne namens MQ-9 Reaper im Irak (Archivbild). Foto: U.S. Air Force/Airman 1st Class Jason Epley

Die USA setzen unbemannte Fluggeräte inzwischen auch gegen Islamisten in Somalia oder Mali ein

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Bilal al-Barjawi war auf der Stelle tot. Womöglich hörte er nicht einmal mehr das unheilvolle Pfeifen, bevor sein Fahrzeug an jenem Sonnabendnachmittag, dem 21. Januar 2012, auf einer Staubstraße außerhalb der somalischen Hauptstadt Mogadischu von einer kaum mannsgroßen „Hellfire“-Rakete getroffen wurde und explodierte. „Bilal al-Barjawi wurde auf der Stelle zum Märtyrer gemacht“, gab die extremistische islamische Milizentruppe Al-Schabaab später bekannt. „Der Märtyrer bekam, was er sich wünschte.“

Der 27-jährige Libanese al-Barjawi soll für zwei Bombenanschläge in der ugandischen Hauptstadt Kampala verantwortlich gewesen sein, die im Juli 2010 mehr als 70 Menschen töteten. Schon seit Wochen war das ultrageheime Joint Special Operations Command (JSOC) der US-Streitkräfte dem Gotteskrieger auf den Fersen, der sich mit einem Anruf bei seiner in einem Londoner Krankenhaus gebärenden Frau schließlich wohl selber verriet. Der Anruf wurde abgehört, die Position seines Satellitentelefons einem über Somalia kreisenden unbemannten Flugkörper – einer Drohne – eingespeist: Das „Predator“, also Raubtier, genannte Gerät feuerte schließlich die Rakete ab.

An jenem Tag schlugen die US-Streitkräfte noch ein zweites Mal knapp 300 Kilometer weiter südlich zu. Und nur wenige Tage später tötete die Rakete einer „Predator“-Drohne in der somalischen Unter-Schabeelle-Region vier weitere Gotteskrieger. Das JSOC, das auch für die Tötung Osama bin Ladens verantwortlich war, hatte ein gutes Jahr zuvor die ersten bewaffneten Drohnen an das von militanten Islamisten und Piraten unsicher gemachte Horn von Afrika gebracht. Mit Kameras und anderem elektronischen Überwachungsgerät ausgestattete Drohnen vom Typ „Raven“ (Rabe) waren da schon lange in der Region im Einsatz.

Sensenmann gegen Kalaschnikow

Eine Uno-Expertengruppe klagte im Juli 2012, die Drohnen flögen inzwischen in einer derartigen Dichte über Somalia, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis es zu Unfällen käme – tatsächlich stieß wenig später eine mit ugandischen Friedenstruppen voll besetzte Boeing über Mogadischus Flughafen beinahe mit einer „Predator“ zusammen. Dem US-Magazin Wire zufolge waren die Fluggeräte in den vergangenen fünf Jahren über Somalia mehr als 25000 Flugstunden lang in der Luft.

Ab Mitte 2011 kamen zu den eher harmlosen „Raven“-Drohnen auf den US-Stützpunkten in Dschibuti, Äthiopien und den Seychellen auch die raketenbestückten „Predator“-, „Raptor“- (Raubvögel) oder „Reaper“-Drohnen (Sensenmänner) hinzu: Sie schlugen nach Recherchen des Londoner Büros für investigativen Journalismus seitdem mindestens neun Mal zu. Bei den Luftangriffen, die für die mit Kalaschnikows, Sprengstoffgürteln und Handgranaten ausgerüsteten Gotteskrieger wie Blitze aus heiterem Himmel kommen, wurden nach Nachforschungen des Londoner Journalistenbüros bereits rund 170 Menschen getötet: Nirgendwo wird die Kluft zwischen den Islamisten und der mit Hochtechnologie agierenden Supermacht deutlicher.

Nachdem Afrika zunächst ein Nebenschauplatz des in Pakistan, Afghanistan und im Jemen tobenden Drohnenkriegs war, nimmt die Bedeutung der relativ billigen und für US-Soldaten gefahrlos einsetzbaren Waffe inzwischen auch im zweiten großen Kampfgebiet militanter Islamisten und westlicher Antiterrorkrieger zu. Als nächster Einsatzort der Flugobjekte auf dem Kontinent gilt Mali, wo sich die von französischen Soldaten gejagten islamistischen Krieger ins schwer zugängliche Grenzgebiet zu Algerien zurückziehen. Für die abgelegene Wüstenbergwelt sind die Geräte wie geschaffen. Vor Tagen schloss Washington einen Vertrag zur Errichtung eines Drohnenstützpunkts mit Malis Nachbarstaat Niger. Mit Aufklärungsflügen von Burkina Faso und Sizilien aus hatten die US-Streitkräfte den französischen Wüstenkrieg bereits mit vorbereitet und unterstützt. Dass es im Norden Malis auch zu Kampfeinsätzen von Drohnen kommt, ist Militärexperten zufolge nur eine Frage der Zeit.

Allerdings nimmt mittlerweile auch in Afrika die Kritik an der von US-Präsident Barack Obama forcierten Taktik der tödlichen Drohnenschläge zu. Nichts erzeuge bei der ohnehin US-kritischen muslimischen Bevölkerung einen größeren Hass auf die Supermacht als anonyme Drohnenschläge, gibt der einst in Afghanistan stationierte US-General Stanley McChrystal zu bedenken. Die tödlichen Angriffe aus dem Himmel trieben den Islamisten nur noch mehr Sympathisanten in die Hände. Auch in anderen Teilen der Welt wird zudem kritisiert, dass auch viele Zivilisten den oft völkerrechtswidrigen Schlägen zum Opfer fallen. Allein in Somalia sollen nach den Recherchen des Londoner Journalistenbüros bislang fast 50 Unschuldige ums Leben gekommen sein. Ben Emmerson, Uno-Beauftragter für Terrorismusbekämpfung und Menschenrechte, soll nun ein Gutachten erstellen. „Die exponentielle Zunahme der Drohnen-Technologie ist eine wirkliche Herausforderung für das internationale Rechtssystem“, ist der britische Rechtsanwalt überzeugt.

„Hellfire“ gegen Wilderer

Drohnen-Fans weisen auf die vielfältigen und segensreichen Anwendungsmöglichkeiten hin. Die zum Teil nur wenige Kilogramm schweren Apparate könnten etwa bei der Jagd nach dem seit Jahrzehnten flüchtigen ugandischen Massenmörder Joseph Kony behilflich sein. Uno-Friedensschützer setzen nun erstmals „Raven“-Drohnen zum Schutz der drangsalierten Bevölkerung im Ost-Kongo ein. Ganz aus dem Süden des Kontinents kam kürzlich ein weiterer Vorschlag: Wildhüter könnten Drohnen gegen die immer dreisteren Nashornwilderer einsetzen, hieß es in Südafrika. Und zwar lieber die Version mit den „Hellfire“-Raketen an Bord als die nur der Überwachung dienenden Drohnen.

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