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Eid des Bundespräsidenten: Nüchtern, überraschend

Der im dritten Wahlgang gewählte Christian Wulff will nicht der ideologische Bannerträger einer schwarz-gelben Republik sein. Er enttäuscht damit die Hoffnung mancher Parteigänger aus Union und FDP.

Wer zuletzt lacht - Angela Merkel freut sich mit Guido Westerwelle.  Schließlich wird ihr Kandidat fürs Bundespräsidentenamt vereidigt.
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Foto: rtr/dpa/FR-Montage kho

Nein, ein großer Redner ist Christian Wulff nicht. Er hat ein sorgfältig ausgearbeitetes Manuskript in einer schwarzen Ledermappe dabei, die er auf dem Weg zu Vereidigung unter dem Bundesadler im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes schon einmal am Rednerpult deponiert. Er ist aufgeregt, gewiss. Diese Szene wird live übertragen, und dann Millionen Menschen in den Nachrichtensendungen gezeigt, sie bleibt in den Archiven.

Also verspricht Christian Wulff sich bei der Eidesleistung auf die Urschrift des Grundgesetzes erst einmal, ausgerechnet das kleine, aber entscheidende Wörtchen "ich" überspringt er: "Ich schwöre, dass (...) meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes ... Entschuldigung ... Ich schwöre, dass ICH meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen..."

Nach dem geglückten zweiten Anlauf ist Wulff sehr auf seinen Text aus der schwarzen Mappe angewiesen. Er liest viel ab, er eilt durch das Manuskript, oft ohne größere Achtung vor Punkt und Komma. Es ist seine erste richtige Rede als Staatsoberhaupt. Noch keine große, programmatische. Aber doch eine, auf die alle gespannt sind.

In gut zwanzig Minuten macht dieser von Union und FDP mit Mühe ins Amt gebrachte Mann vor allem eines klar: Er will nicht der ideologische Bannerträger einer schwarz-gelben Republik sein, wie manche seiner Parteigänger es vielleicht erhofft und die Gegner ihm unterstellt haben.

Nein, dieser Präsident spricht ausdrücklich von "unserer bunten Republik Deutschland", ein Begriff, der aus dem rot-grünen, alternativen Milieu stammt. Das Staunen im schwarzen wie im grünen Block des Bundestages ist zu spüren. Wulff legt den Schwerpunkt auf sein Motto des Brückenbauens, und er bezieht dies vor allem auf die Beziehungen zwischen Bürgern mit deutscher und mit ausländischer Herkunft. "Unsere Vielfalt ist manchmal auch anstrengend, aber sie ist immer Quelle der Kraft und der Ideen", sagt er, und die Anleihe bei Reden der US-Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama ist deutlich.

"Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein, dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle gleich gute Bildungschancen bekommen?", fragt er rhetorisch. "Wann wird es selbstverständlich sein, dass jemand mit den gleichen Noten die gleichen Aussichten bei einer Bewerbung hat, egal, ob er Yilmaz oder Krause heißt?" Der Beifall auf der linken Seite des Hauses mag hier noch etwas kräftiger ausfallen als auf der rechten.

Christian Wulff bemüht sich schon an diesem Tag, Brücken zu bauen, auch zu den Gegnern von gestern. Ausdrücklich bezieht er die Präsidentschaftskandidatin der Linken, Luc Jochimsen, in den Dank für einen fairen Wettstreit mit ihr und Joachim Gauck vor der Präsidentschaftswahl ein. Es scheint, als habe er gerade weniger Probleme mit der Rolle der Linken als die Sozialdemokraten.

Und dann richtet er herzliche Worte an seinen Vorgänger Horst Köhler, ohne dessen plötzlichen Rückzug er hier nicht stehen würde. "Der Kummer über Ihren Rücktritt hat noch einmal gezeigt, wie nah Sie unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern waren. Sie haben den Menschen zugehört, Sie haben ihre Sorgen und Nöte ernst genommen, Sie haben ermutigt und die vielen guten Ideen, die es in unserem Land gibt, sichtbar gemacht und unterstützt. Und wo Sie mit den Ergebnissen von politischen, gesetzgeberischen und medialen Prozessen nicht zufrieden waren, da haben Sie es deutlich ausgesprochen." Wenn man will, kann man das auch als Warnung verstehen - ein Vermächtnis, dem Wulff sich verpflichtet fühlt.

Köhler sitzt mit seiner Frau Eva auf den Ehrenplätzen ganz vorn im Plenarsaal. Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundesratspräsident Jens Böhrnsen haben Elogen auf ihn formuliert, die Köhler gewiss gern einmal früher gehört hätte. Möglicherweise wäre er dann nicht zurückgetreten. Köhler habe sich den Menschen zugewandt, er sei immer offen für Anregungen gewesen, sagt Lammert. Köhler habe sehr viel eher als andere kommen sehen, welche Krise sich an den Weltfinanzmärkten zusammenbraute, und er habe mit deutlichen Worten davor gewarnt. Manche Beobachter habe er damit wie mit anderen Äußerungen überrascht, ja sogar irritiert. "Bundespräsident Horst Köhler hat es sich nicht leicht gemacht und der sogenannten politischen Klasse manchmal auch nicht."

Köhler nimmt die Worte mit leichtem Nicken entgegen, er ist blass, seine Augenlider flattern. Seine Frau verfolgt mit eher düsterer Miene die Dankesbekundungen, die auch ihr gelten. "Sie waren ein großartiges Team," sagt Böhrnsen. Das gefällt Horst Köhler, und er streichelt seiner Frau sanft über die Wange. Seite 11

Autor:  Holger Schmale
Datum:  2 | 7 | 2010
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