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11. Januar 2013

Ein-Kind-Politik in China: Generation von kleinen Kaisern

 Von Bernhard Bartsch
Chinas Einzelkinder sind laut Studie risikoscheu.  Foto: afp

Seit mehr als 30 Jahren wachsen Kinder in China ohne Geschwister auf. Die Ein-Kind-Politik hat psychologische Folgen für die Heranwachsenden.

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Peking –  

Song Le könnte zufrieden sein. Der 20-jährige Pekinger hat erreicht, wovon Millionen Gleichaltriger träumen. Er studiert an einer renommierten Pekinger Universität. Es ist der Lohn jahrelanger Paukerei für die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung. Seine Mutter, die als Haushaltshilfe arbeitet, ist stolz: Ihr Sohn kann damit rechnen, einen gut bezahlten Job zu bekommen und sozial aufzusteigen.

Doch Song Le ist nicht zufrieden. „Ich fühle mich sehr unter Druck, erfolgreich zu sein und die Erwartungen meiner Mutter zu erfüllen“, erzählt der junge Mann. Seit er sich erinnern kann, schuftete seine Mutter, um die teuren Privatstunden zu bezahlen, die ihm in der Schule zu guten Leistungen verhalfen. Auch Wünsche wie Computer oder Markenschuhe erfüllte sie. „Ich darf Mutter nicht enttäuschen“, sagt Song Le. „Ich bin ja ihr einziges Kind.“

Der immense Druck auf die Generation der sogenannten Kleinen Kaiser, die infolge der 1978 eingeführten Geburtenplanungspolitik als Einzelkinder aufwuchsen, wird in der Volksrepublik seit langem diskutiert. Wie weitreichend die psychologischen Folgen sind, zeigt nun eine Studie australischer Wissenschaftler, die das Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte. „Chinas Ein-Kind-Politik hat eine Generation von Einzelkindern hervorgebracht, die weniger Vertrauen haben, weniger wettbewerbsbereit und risikoscheuer sind als Menschen, die vor Einführung der Regelung geboren wurden“, schreiben die Forscher um die Wirtschaftswissenschaftlerin Lisa Cameron von der Monash University. Dies habe „signifikante Auswirkungen auf die chinesische Gesellschaft“.

Für ihre Studie untersuchten die Forscher das Verhalten von 421 Pekingern, die zwischen 1975 bis 1983 geboren wurden, also kurz vor und nach Einführung der Geburtenkontrolle. Verzerrungen, die etwa auf Familienhintergründe zurückzuführen wären, wurden ausgeschlossen.

Bei einer der Aufgaben mussten die Probanden Rechenaufgaben lösen und vorher entscheiden, auf welche Weise sie für richtige Ergebnisse belohnt werden wollten: entweder nur auf Basis ihrer eigenen Resultate oder im Wettbewerb mit anderen. Die „Kleinen Kaiser“ erwiesen sich dabei als deutlich wettbewerbs-scheuer. Sie wichen der Konkurrenz um 20 Prozent häufiger aus als die vor Einführung der Geburtenkontrolle geborenen. „Unterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft spiegeln die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten wider“, schreiben die Forscher. Dabei hätten die Kinder der Ein-Kind-Generation ruhig mehr Selbstvertrauen haben können: Bei der Lösung mathematischer Aufgaben erwiesen sie sich als deutlich überlegen.

Rapide Entwicklung

Andere Test zeigten, dass die Einzelkinder weniger bereit sind, anderen zu vertrauen, mit anderen zu teilen oder Risiken einzugehen. Außerdem erschienen sie deutlich pessimistischer, nervöser und unzufriedener.

Der chinesische Bevölkerungsforscher Liang Zhongtang hält die Ergebnisse für zutreffend. „Die Phänomene der Ein-Kind-Familien, die in der Studie vorgestellt werden, existieren wirklich“, erklärt der Wissenschaftler, der einst zum Kommandostab der Geburtenplanungskommission gehörte. Er glaubt allerdings, dass nicht allein die Bevölkerungsplanung für den hohen Druck verantwortlich ist. „Chinas rapide gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten hat ebenfalls große Auswirkungen“, sagt Liang. So führe etwa das Fehlen eines funktionierenden Sozialsystems dazu, dass Kinder ihre Eltern finanziell unterstützen müssen.

Chinas Geburtenplanungspolitik wurde eingeführt, um das rapide Bevölkerungswachstum einzudämmen. Sie wurde als Ein-Kind-Politik bekannt, weil den meisten Chinesen seitdem nur noch ein Kind gestattet ist. Die Planung konnte das Wachstum bremsen, aber bisher nicht stoppen. Heute leben in China 1,35 Milliarden Menschen; 2030 werden es 1,5 Milliarden sein. Erst danach ist mit einem Rückgang zu rechnen. Ohne Geburtenplanung müsste China heute rund 400 Millionen Menschen mehr ernähren.

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