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Systemkonflikt: Ein Meiler kann keine Brücke sein

Bei Laufzeitverlängerung müssen die AKW künftig öfter heruntergefahren werden, sobald die erneuerbaren Energien mehr produzieren. Das kostet Milliarden.

Atomkraftwerke, hier Biblis, sind nicht darauf konzipiert, schnell herauf- oder heruntergefahren zu werden.
Atomkraftwerke, hier Biblis, sind nicht darauf konzipiert, schnell herauf- oder heruntergefahren zu werden.
Foto: dpa

Als Argument für die Atomkraft wird im derzeitigen Streit um Laufzeitverlängerungen gern ins Feld geführt, dass die Meiler stetig Strom liefern können, auch wenn Wind- und Sonnenkraftwerke nicht in Betrieb sind und also als Brücke taugen. Doch eine neue Studie, die der Frankfurter Rundschau vorab vorliegt, zeigt, dass das Gegenteil der Fall sein könnte und die Gefahr besteht, den Ausbau der erneuerbaren Energien stark zu bremsen. Der Untersuchung der Universität Flensburg zufolge, die der Öko-Strom-Anbieter Lichtblick in Auftrag gegeben hat, würde die zügige Umstellung auf Öko-Strom-Kraftwerke bereits im Jahr 2020 zu einem schweren Systemkonflikt führen.

Der Autor der Studie, der Flensburger Energie-Experte Olav Hohmeyer, geht dabei von einem Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung von rund 50 Prozent im Jahr 2020 aus, die der Sachverständigenrat für Umweltfragen für möglich hält. Dieses Szenario liegt über dem Ziel der Bundesregierung von knapp 40 Prozent. Wird die Laufzeit der Kernkraftwerke von derzeit rechnerisch 32 Jahren auf 45 oder mehr erhöht, sind 2020 auch noch alle Atomanlagen in Betrieb – ließen sich aber kaum noch sinnvoll in die Stromversorgung integrieren.

Sonnen- und Windkraft liefern nach den Berechnungen 2020 soviel Strom, dass die noch benötigte Restrommenge sehr häufig unter die Gesamtleistung der Kernkraftwerke von 21 Gigawatt fällt. Sie müssen dann drosseln. Sinkt die benötigte Leistung aus konventionellen Kraftwerken sogar unter 11,5 Gigawatt, müssen die Meiler nach und nach ganz abgeschaltet werden, weil sie sich nicht mit weniger als rund 50 Prozent Leistung betreiben lassen. Abschaltungen von AKW wegen Stromüberfluss gibt es bis jetzt nicht. Doch deren Zahl könnte in Zukunft hoch ausfallen: Bei einer Laufzeitverlängerung um 28 Jahre zum Beispiel würde es laut der Studie zu insgesamt 15 800 kurzfristigen Abschaltungen kommen.

Dies führt zum einen für die Betreiber zu großen Problemen, weil Kernkraftwerke nicht für häufiges herauf- und herunterfahren konzipiert sind und dann hohem Verschleiß unterliegen. Vor allem aber: Das Herauffahren eines Meilers dauert laut Hohmeyer etwa 50 Stunden. Die AKW stünden also anschließend für "erhebliche Zeitspannen" nicht für die Stromproduktion zur Verfügung. Diese Ausfälle aber würden sie aber in ihrer Fähigkeit, die Fluktuationen der Erneuerbaren auszugleichen, nahezu völlig entwerten – und damit ein Hauptargument der Betreiber obsolet machen.

Auf die Atomriesen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW kämen durch die Abschaltungen darüber hinaus beträchtliche Kosten zu. Laut Hohmeyer müssten die Konzerne auf Gewinne in Höhe von 21 bis 80 Milliarden Euro verzichten, je nachdem, nach welcher Strategie sie die Kernanlagen herauf- und herunterfahren. In der Studie heißt es dazu: "Sobald eine entsprechende Verlängerung der Laufzeiten für deutsche Kernkraftwerke beschlossen wird, wird dadurch für die Kernkraftwerksbetreiber ein Anreiz in Milliardenhöhe geschaffen, den notwendigen und politisch unstrittigen Ausbau der regenerativen Energiequellen nach Kräften zu behindern."

Angst hat die Öko-Strom-Branche vor allem davor, dass der Einspeisevorrang für Öko-Strom in Frage gestellt werden könnte. Derzeit darf grüner Strom zu festen Preisen ins Netz eingespeist werden, und zwar unabhängig davon, ob das gerade wirtschaftlich Sinn ergibt. Ein Systemkonflikt zwischen Atom- und Öko-Strom könnte dieses elektrische Vorfahrtsrecht gefährden, wird in der Erneuerbaren-Industrie befürchtet. Gero Lücking, Vorstand beim Öko-Strom-Anbieter Lichtblick, der hinter der Studie steht, sagt: "Die Laufzeitverlängerung provoziert ohne Not eine der größten wirtschaftlichen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit."

Ganz uneigennützig ist die Sorge um den Systemkonflikt indes nicht. Vom Aus für die Atommeiler würden auch die kleinen Gas-Kraftwerke zur Wärme- und Stromversorgung, die Lichtblick in den kommenden Jahren in zehntausenden Kellern aufstellen möchte, profitieren. Die Bundesregierung, so Lücking, solle lieber sauberen und flexiblen Strom fördern, statt auf die "riskante und unflexible Kernenergie zu setzen".

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  24 | 8 | 2010
Kommentare:  7
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