Der Schwabe ist eine bemerkenswerte Spezies, erstaunlich innovativ und erstaunlich genügsam, was seine Nahrungsaufnahme angeht (Spätzle, Maultaschen, Trollinger mit Beilagensalat und dazu Spätzle). Er ist beharrlich (stur), verschwenderisch sparsam, äußerst qualitätsbewusst, waschzwanghaft und schollengebunden.
Mit einem Kaschuben (polnischer Schwabe) kann man nicht verreisen, verriet uns Grass, mit dem Schwaben schon, aber nicht ohne Rückflugticket, denn der Schwabe ist kaum umzutopfen, was an seiner traumatischen Migrationserfahrung liegt, aber auch an seinem monolingualen Kommunikationsmodus, der es ihm verwehrt, sich anderswo zu assimilieren. Ein Schwabe kann alles, aber besonders gut kann er Schwäbisch. Ein schwäbischer Gastarbeiter in der Türkei hätte auch in der dritten Generation noch seinen Akzent, falls er bis dato überhaupt des Türkischen – oder eben einer schwäbischen Interpretation dieser Sprache – mächtig geworden wäre. In Teilen Pennsylvanias, wohin seit dem 17. Jahrhundert viele Schwaben aus purer Not auswanderten, wird heute noch ein Schwäbisch gesprochen, das die Amerikaner als Pennsylvania Dutch, also Holländisch, bezeichnen. Holländisch deshalb, weil sie das schwäbische Artikulieren wohl nie mit dem Deutschen in Verbindung bringen konnten.
Wer nicht aus Schwaben floh, war gezwungen, seine Kinder zu verkaufen, nach Tirol oder in die Schweiz, bittere Zeiten. Als die Schwaben kurz davor waren auszusterben, besannen sie sich selbstironisch darauf, ihr Elend durch die Erfindung des Diminutivs (Spätzle, Hüngerle, Religionskriegle) zu relativieren und das cleverste und reichste Völkle der Welt zu werden. Ich sag’s als gebürtiger Badener ungern, aber 50 Prozent aller wegweisenden Erfindungen des 20. Jahrhunderts, mit Ausnahme der Glühbirne und des Snowboards, sind schwäbischen Ei-, Ur- und Gedankensprungs.
Thomas Reis, 45, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist („Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.“).
Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen „Gibt’s ein Leben über 40?“ und „Machen Frauen wirklich glücklich?“. Reis (www.thomasreis.de) blickt regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.
Thomas Reis, Bühnentermine: 5.11. Neustadt am Rübenberge, Aula; 6./7.11. Frankfurt, KÄS, 12.11. Essen-Kettwig, Alter Bahnhof; 13.11. Neustadt a.d.W., Herrenhof; 14./15.11. Köln, Senftöpfchen; 17.11. Erlangen, Fifty; 19./20.11. Saarbrücken, SR; 26.11. Fulda, Kulturkeller; 27.11. Frankfurt, KÄS; 30.11. Stuttgart, Renitenz
Der Schwabe ist ein pfiffiges Kerlchen, er erfindet gern technische Geräte wie den Schnellkochtopf, um Zeit zu sparen, in der er dann andere technische Gerätschaften erfindet, etwa den Wasserdampfhochdruckstrahlreiniger, denn der Schwabe ist ein reinliches Geschöpf, wenngleich ein verlangsamtes, allein zum Kehren braucht er eine ganze Woche. Zum Abwählen der CDU-Regierung wird er 63 Jahre gebraucht haben, trotz Kiesinger, Filbinger und Oettinger.
Nicht alle schwäbischen Herrscher waren alte Nazis, da war der listige Lothar Späth oder ein renitenter, schwäbischer Sizilianer namens Frederico der Zweite. Der apulische Sarazenenfreund und wehrhafte Widersacher des Vatikans war der letzte große Staufer, er brachte übrigens die italienischen Lebensmittel nach Schwaben (Spaghetti = Spätzle, Tortelloni = Maultaschen).
Die italo-schwäbische Blüte endete 1268 recht abrupt mit der Enthauptung des Knabens Konradin. Der letzte Edelschwabe fiel dem Dogmenbeil der Kirche zum Opfer, eine herbe Demütigung seitens der katholischen Leitkultur. Dies erklärt die Genese des fundamentalistischen schwäbischen Protestantismus. Noch heute wird ein Großteil Schwabens als Pietkong bezeichnet, nicht nur aufgrund seiner schmucklos spartanischen Gottgefälligkeit, auch wegen seiner autonomen Wehrhaftigkeit. Der Schwabe, ausgegrenzt und ausgepresst, ging den Weg der inneren Emigration und des weltoffenen Isolationismus, konfrontationslos, aber energisch; unauffällig, aber auffallend effektiv; experimentierfreudig, aber nie experimentell, weshalb der Schwabe heute viel zu verlieren hat, nicht nur einen alten Bahnhof, sondern sein Image unbedingter funktionaler Zurechnungsfähigkeit. Der Schwabe weiß, dass er bei Stuttgart 21 selbst auf dem Spiel steht.
Gelingt das Werk, geht Stuttgart 21 planmäßig, sagen wir am 24.12.2049 ans Netz, einspurig, aber immerhin, auch ein wenig teurer als geplant, da große Teile der Stadt umgesiedelt werden mussten, um genau zu sein, liegt Stuttgart jetzt da, wo früher Pforzheim stand, das sich jetzt in Karlsruhe befindet, das in Mannheim wieder aufgebaut werden soll. Wenn das alles so funktioniert, wenn der Greis Mappus dann an der Jungfernfahrt des ICE Donnernder Dahlbuschbomber teilnimmt und 72 Tage später als erster Held des schwäbischen Wunders lebendig aus der Röhre gezogen wird, wenn Deutschland seine heldenhaften Bahnfahrer feiert, dann wird das Projekt zur Goldmine und keiner verliert das Vertrauen ins schwäbische Know-how. Sollte aber was schiefgehen, dann gnade uns der Globalismus. Das hat der Schwabe jetzt langsam begriffen, sehr langsam, im konkreten Fall hat er sogar noch mehr Verspätung als die Bahn selbst, erstaunlich. Als ich vorgestern beschloss, mich zu entleiben und theatralisch auf die Gleise warf, wer kommt da nicht? Richtig. Als Lebensmüder vertrödelst Du bei der Bahn Deine Zeit, es sei denn, Du benutzt die Automatiktür, die lässt nicht jeden rein, manchmal überlegt die eine Weile, und wenn Du durchgehst, entscheidet sie sich um. Die Bahn hat diese Tür nur erfunden, um ihre Kunden abzuschaffen, es sind auch zu viele: Was wollen die alle? Sich befördern lassen? Das könnte denen so passen, die machen nur unsere Züge schmutzig.
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