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Eine Partei wickelt sich ab: FDP? "Lass uns mit dem Mist in Ruhe"

Die Zeiten, in denen Parteichef Philipp Rösler, frohen Mutes durch den Alltag schritt sind vorbei. Auch er vermag die Liberalen nicht aus dem Tief herauszuführen.
Die Zeiten, in denen Parteichef Philipp Rösler, frohen Mutes durch den Alltag schritt sind vorbei. Auch er vermag die Liberalen nicht aus dem Tief herauszuführen.
Foto: dpa

In der deutschen Öffentlichkeit gilt die FDP schon länger als hoffnungsloser Fall. Aber auch in der Partei selbst wächst die Verzweiflung. Viele Liberale kehren der Partei den Rücken - und werden dabei sogar tatkräftig von Kollegen im Bund unterstützt.

Treubenbrietzen –  

Michael Knape sieht müde aus. Seine Augen sind schmal, ab und an unterdrückt er ein Gähnen. Es ist spät geworden gestern Abend. Der 41-Jährige hat noch in der Talkshow „Maybrit Illner“ gesessen, um über die FDP zu reden. Nun sitzt der Bürgermeister von Treuenbrietzen, einem bildhübschen Städtchen in Südbrandenburg, früh um 9 Uhr am Schreibtisch in seinem Amtszimmer. Draußen nieselt es, von St. Marien her sind die Kirchenglocken zu hören, ab und an erzittert das alte Rathaus in seinen Grundfesten, wenn vor der Tür ein schwerer Lastwagen die B.2 entlang donnert.

Für die FDP ist Michael Knape ein solcher Schwerlaster. Sein Entschluss, vor zwei Wochen gemeinsam mit sechs seiner Mitstreiter die Partei zu verlassen, hat die Freie Demokratische Partei stärker erschüttert, als ihr lieb ist. Als Seismograf für dieses Beben mag Dirk Niebel dienen. Im ZDF behandelt der dünnhäutige FDP-Minister vor einem Millionenpublikum einen der erfolgreichsten Kommunalpolitiker seiner Partei arrogant, ja überheblich. Stellt ihn hin als faul und als einen Querulanten.

„Ach, es passt ins Bild“, wischt Knape die Erinnerung an den Fernsehabend vom Tisch. „Es spricht für sich selbst.“ Natürlich hat ihn der Vorwurf getroffen, er wolle sich doch nur auf Kosten der FDP profilieren. „Ausgerechnet ich“, stöhnt er, „jahrelang hat sich die FDP auf meine Kosten profiliert.“

Treuenbrietzen ist tatsächlich ein Leuchtturm gewesen in der liberalen Welt. Bei der letzten Kommunalwahl in Brandenburg holte die FDP dort 34 Prozent und wurde stärkste Fraktion im Stadtparlament – weit vor Sozialdemokraten, CDU und Linken. Seit knapp zwanzig Jahren ist Knape in der FDP, seit zehn Jahren Bürgermeister der Stadt. Es gebe hier eben eine starke liberale Tradition, erzählt er. Als er 1993 eine Partei gesucht habe, sei die FDP die logische Wahl gewesen. „Dort waren die Leute, die was bewegt haben.“ Jeden letzten Donnerstag im Monat trifft sich der Ortsverband zum Stammtisch, um aktuelle Fragen zu diskutieren. In Treuenbrietzen ist die FDP eine Macht – gewesen.

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„Das Gelbe vom Ei“

Denn bei den letzten Treffen im Peking Panda, dem örtlichen China-Restaurant, war die Stimmung immer düsterer geworden. Die Sache mit dem Bierwagen, die hat den Liberalen wehgetan. Seit Jahren feiern die Treuenbrietzener im Sommer zehn Tage lang ihr Sabinchenfest. Seit Jahren steuert der FDP-Stammtisch einen Bierwagen bei. Kanariengelbe T-Shirts streifen sich die Helfer dafür über. „Das Gelbe vom Ei“, steht vorne drauf, „FDP-Stammtisch“ auf dem Rücken. Ein bisschen Werbung muss sein. Doch im letzten Sommer wollte kein Helfer mehr das T-Shirt anziehen. „Euch helfen wir gerne, haben die gesagt, aber nicht der FDP.“ Plötzlich wollten die Leute, seine Wähler, die er ein halbes Leben oder länger kennt, weil er hier aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, plötzlich wollten sie nichts mehr wissen von ihm und seiner Partei.

„Ach, lass uns mit dem Mist in Ruhe“, entgegneten sie, wenn Knape versuchte, in Treuenbrietzen die neusten Eskapaden der Bundespartei zu erläutern und Verständnis dafür zu erwirken. „Irgendwann“, sagt Knape, „musste ich aufpassen, dass mir hier die Strukturen nicht auseinanderbrechen.“ Deshalb haben er und sein Vorsitzender, der Kfz-Meister Andreas Gronemeier, vor vierzehn Tagen die Reißleine gezogen und den Austritt des Ortsverbandes aus der FDP erklärt.

Die Landes-FDP hat prompt reagiert, die Konten gesperrt, eine strenge Revision angekündigt und weitere Ausgaben untersagt. Angerufen und nachgefragt, was sie zu ihrem Austritt bewogen haben mag, hat bislang keiner aus der Partei.

Die Bundes-FDP versucht, den Frust der Treuenbrietzener als Einzelfall abzutun. Was sind ein paar Brandenburger für eine Regierungspartei, die immerhin noch 65.000 Mitglieder hat und an fünf Landesregierungen beteiligt ist? „Bei keiner anderen Partei wird so etwas überhaupt nur vermeldet“, ereifert sich Niebel in der ZDF-Talkrunde.

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Autor:  Steffen Hebestreit
Datum:  24 | 1 | 2012
Seiten:  1 2 3
Kommentare:  8
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